Internetsucht: Suchthilfe der Städteregion setzt auf Elternarbeit

Eltern als Vorbild : Besser Brettspiel als Griff zum Handy

Beim Handygebrauch von Kindern gilt wie so oft: Das Vorbild ist entscheidend. Wenn der Papa während des Essens sein Smartphone nicht aus den Augen lässt, dann muss man sich nicht wundern, wenn auch der Sprössling ständig nach dem Handy ruft. Manche Eltern fühlen sich überfordert.

Die Suchthilfe in der Städteregion Aachen hat nun Projekte auf die Beine gestellt, die nicht nur Eltern, sondern auch Kita-Personal und Lehrern Werkzeuge an die Hand geben sollen. Internet und Smartphone gehören selbst für die Jüngsten zum Alltag. Allerdings lauern dort Gefahren. Wie am Computer auch kann sich das gelegentliche Spielen am Handy zu einer Sucht entwickeln. Dies ist ein schleichender Prozess, der oft auch von Eltern, Familie und Freunden nicht bemerkt wird.

Nicole Radis, Diplom-Pädagogin der Suchthilfe in der Städteregion, nennt einen Weg, wie man feststellen kann, dass die Nutzung des Handys über ein gesundes Maß hinausgeht: „Man muss genau hinschauen, wie reagiert jemand, wenn man ihm das Handy wegnimmt?!“ Gemeint ist damit nicht der spontane Protest des Kindes, sondern eine dauerhafte Unruhe, Niedergeschlagenheit und Aggressivität. Kurzum: Die Betroffenen haben Probleme, ein Leben ohne Handy zu führen.

Damit unterscheidet es sich nicht von anderen Suchtmitteln. Im Gegensatz zu den stofflichen Suchtmitteln wie Nikotin, Canabis und Alkohol liegt allerdings nicht sofort eine gesundheitliche Beeinträchtigung vor. „Deswegen verteufeln wir das Handy auch nicht, sondern setzen uns für einen maßvollen Umgang damit ein“, sagt Radis. Mit dem kleinen Gerät wird schon im Kindesalter das Konsumverhalten angeregt. In Spielen kann man zusätzliche Dinge gegen Bezahlung freischalten, Erfolge werden positiv besetzt und neue Anreize werden geschaffen. Dies und mehr wirkt auf Kinder verlockend. Aus diesem Grund will Nicole Radis die Vorbeugung von Internet- und Handysucht nach vorne bringen und Eltern, aber auch pädagogisches Personal in der Städteregion schulen.

Untersuchungen zur Handysucht

Konkrete Zahlen zur Handysucht bestehen in der Städteregion noch nicht. Es bestehen jedoch Untersuchungen. Eine Forsa-Studie im vergangenen Jahr kam zu dem Ergebnis, dass 100.000 der Zwölf- bis Siebzehnjährigen Social Media so exzessiv nutzen, dass es den Kriterien einer Suchtkrankheit entspricht. Auch die Zahl der Betroffenen von Internetsucht steigt kontinuierlich. „Dies gilt auch für die Städteregion. Immer mehr Eltern wenden sich an uns, weil sie glauben, dass sich ihr Kind zu lange und zu intensiv mit dem Handy beschäftigt“, schildert Diplom-Sozialarbeiter Wolfgang Hundt von der Suchthilfe. Es bestehe also Handlungsbedarf.

Drei Mitarbeiterinnen der Suchthilfe, die vom Diakonischen Werk im Kirchenkreis Aachen getragen wird, sind in Sachen Prävention in der Städteregion unterwegs. Unterstützt werden sie vom Kriminalkommissariat Vorbeugung der Polizei, das alle strafrechtlich relevanten Themen wie Mobbing, Betrug und Abzocke, aber auch den Schutz der Persönlichkeitsrechte im Netz behandelt. Nicole Radis ist die Ansprechpartnerin für die Jüngsten Internet- und Handynutzer. Ihr aktuelles Medienprojekt „Einfach mal offline...“ richtet sich an 4. Klassen. Es umfasst sechs Unterrichtsstunden. Zusätzlich kann ein Elternabend angeboten werden.

Im Vordergrund dieses Angebots steht, die Kinder zu stärken und ihnen Alternativen zum Handy aufzuzeigen. „Man sollte mit den Kindern auch einmal ein Gesellschaftsspiel herausholen und ihnen Zeit schenken“, rät Radis. Häufig sind die Eltern schließlich selbst in einem Ablauf gefangen, bei dem man seinen eigenen Handykonsum kaum noch registriert. „Kinder merken sich, wenn die Mama zur Zigarette greift, wenn sie nervös ist“, sieht sie die Eltern auch in der Pflicht. Denkanstöße können von Lehrern oder den Kindern selbst kommen. Natürlich kann die Suchthilfe nicht sämtliche Schulen in der Städteregion besuchen. Deswegen können Lehrer jederzeit Material anfordern, um selbst die Medienkompetenz der Schüler zu fördern und Eltern aufzuklären. „Wir haben umfassendes Material und sitzen auch nicht darauf“, betont sie.

Viele Kinder im Grundschulalter nutzen schon ein eigenes Handy. Die Suchthilfe will jedoch schon vorher ansetzen und Eltern dazu bewegen, ihr eigenes (Sucht)verhalten zu überprüfen. Aus diesem Grund bietet die Suchthilfe eine Fortbildung unter dem Titel „Kita-Move – Motivierende Kurzintervention bei Eltern im Elementarbereich“ für Personal von Kindertagesstätten und Familienzentren in der Eschweiler Suchtberatungsstelle an. Mehr Infos zu dem Projekt der Ginko-Stiftung erhält man im Netz unter www.kita-move.de.

Die Entwicklung in der Medienlandschaft stellt auch die Suchthilfe immer wieder vor neue Herausforderungen, während die anderen Themenfelder bestehen bleiben. Vielfach bedient man sich der bestehenden Netzwerke, der Zusammenschlüsse verschiedener Träger in der Jugendhilfe. „All die Akteure können jedoch niemals die Eltern ersetzen“, ist sich Wolfgang Hundt sicher. Deswegen setze man darauf, Eltern zu befähigen, ihre Kinder zu stärken. „Dies gilt auch bei Wegen der Konfliktlösung und bei der Verarbeitung von Problemen“, ergänzt Nicole Radis. Kurzum: Eltern sollten mehr Zeit mit dem wirklichen Leben in der Familie als mit virtuellen Personen im Netz verbringen.

Weitere Infos von der Suchthilfe in der Städteregion Aachen gibt es hier.