Eschweiler/Stolberg: Im Rathaus wird an der Zukunft Europas gebaut

Eschweiler/Stolberg: Im Rathaus wird an der Zukunft Europas gebaut

Für ein paar Tage liegt der Nabel Europas direkt an der Inde. Zumindest für rund 60 meist junge Menschen aus acht Kommunen in sieben Ländern Europas — plus eine Gruppe junger Chinesen, die als Studenten den „Machern“ Europas vor Ort interessiert über die Schulter schauen.

Treffpunkt Eschweiler Rathaus: Nach den europäischen Großprojekten Xenos und Zirqel, die Aktivitäten gegen Fremdenfeindlichkeit und die Pflege von Migranten im Alter zum Inhalt hatten, ist Eschweiler nun zum dritten Mal Träger eines von der EU im Rahmen ihres Programms „Europe for Citizens“ angestoßenen Projekts. „Mobilität und Integration“ — Kurzformel: Mint — ist das Thema einer Serie von acht Workshops, deren erster jetzt begann und deren letzter Ende kommenden Jahres abgeschlossen sein soll. Ziel: die Vernetzung kleiner und mittlerer Kommunen, darunter möglichst auch Partnerstädte, im Bestreben, dringende Probleme von Migration und Integration gemeinsam zu lösen.

Spannende Zeiten

Bürgermeister Rudi Bertram begrüßte „mit großer Freude“ die Delegationen zum ersten der acht in Eschweiler stattfindenden Workshops. Gerade in der jetzigen, turbulenten Zeit voller Widernisse sei es wichtig, Europa mit Leben zu erfüllen und gemeinsam nach vorne zu schauen. Und „gerade für Vertreter von Kommunen werden die kommenden Jahre sehr spannend und wichtig sein. Die Zuwanderung nach Europa und die Frage, wie dieses Europa ein soziales Europa werden kann, sind Themen, die gerade in kleinen und mittleren Kommunen diskutiert werden müssen.“

Auch Jürgen Rombach warf aus seiner Sicht erste Schlaglichter aus auf die Themen, die die internationale Arbeitsgruppe in den nächsten Tagen beschäftigen werden. „Der Zuzug in die EU ist ein Riesenproblem für Europa, das seine Grenzen ,clean‘ halten will,“erklärte Rombach zu Beginn der ganz in Englisch gehaltenen Konferenz. „Deutschland ist ein Land mit überholten Ausländergesetzen. Ein Ausländer ist jemand, vor dem man Angst haben muss, dessen Sprache wir nicht verstehen und dessen Namen wir nicht aussprechen können.“ Rombach spricht aus Erfahrung: „Ich habe 14 Jahre lang in Kerkrade gelebt, war also selber Ausländer.“

Die Strategie, junge Fachkräfte aus Krisenländern wie Griechenland nach Deutschland zu holen, trage hier dazu bei, den akuten Mangel zu beheben, verschärfe allerdings die Situation im Herkunftsland. „Vor allem kleinere bis mittelgroße Kommunen müssen in der Europäischen Union in den kommenden Jahren Konzepte und Strategien entwickeln, um die wachsende Mobilität innerhalb der EU und die steigende Zuwanderung aus Ländern außerhalb der Europäischen Union für eine zukunftsfähige lokale Entwicklung nutzen zu können“, so Rombach.

Damit arbeiten die beteiligten Kommunen gegen die durch wirtschaftliche und politische Krisen in verschiedenen EU-Ländern verstärkten nationalen Abkapselungstendenzen. die mit der Entwicklung eines durch Freizügigkeit und offene Grenzen gekennzeichneten EU-weiten Lebens- und Wirtschaftsraums nicht vereinbar seien, unterstreicht der Projektleiter. „In den Workshops werden wir unsere Erfahrungen, Standpunkte und Ideen austauschen und hoffentlich viel voneinander lernen.“

Stadtbesichtigungen

Dabei sind nicht nur Verwaltungskräfte gefordert, auch Mitarbeiter von Organisationen und Institutionen, die mit den Themen Mobilität und Integration zu tun haben, können sich hier einbringen. So sind unter den Teilnehmern in der Eschweiler Gruppe auch Vertreter von Awo, low-tec GmbH, Birhan e.V. (Verein der Äthiopier und Freunde). Europaparlamentspräsident Martin Schulz war verhindert; ein Vertreter musste ebenfalls kurzfristig absagen. Unter den Stolberger Teilnehmern sind Vertreter von SKF, Caritasverband und IG Frauen.

Nicht nur Diskussionsrunden stehen auf dem Programm dieser ersten Workshoprunde: Die Teilnehmer sehen sich zudem in der Gastgeberstadt Eschweiler um, besichtigen Aachen und erkunden den Braunkohletagebau. Am Mittwochnachmittag wollen sie Bilanz dieses ersten, dreitägigen Treffens ziehen, ehe einige Woche später Runde 2 sie alle wieder in Eschweiler zusammenbringt.

Daran, dass sich alle bestens verstehen werden, hegt Bürgermeister Rudi Bertram nicht den leisesten Zweifel: „ My English ist not the best. If you can‘t understand me, we speak with arms, hands and legs. And we‘ll have a good time in Eschweiler!“

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