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Im Jahr 1910 begann die Gewinnung von Braunkohle in Eschweiler

Brikettfabrik Weisweiler : Ein ganz wesentlicher Wirtschaftsfaktor

Im Jahr 1910 nahm die Gewinnung und Veredelung des Rohstoffs Braunkohle im jetzigen Stadtteil Eschweiler-Weisweiler seinen Anfang. Auch heute noch stellt die Braunkohle einen wesentlichen wirtschaftlichen Faktor für den Raum Eschweiler dar.

1909 war der Baubeginn der Brikettfabrik Weisweiler, die den Namen „Gewerkschaft Zukunft“ erhielt. In der Aufschlussphase wurden die Abraummassen zur „Halde Weisweiler“ über eine Kettenbahn transportiert. Die Halde Weisweiler wurde ab dem Jahr 1954 für viele Vertriebene aus Ostpreußen zur Bebauung und Ansiedlung landwirtschaftlicher Nebenerwerbsstellen freigegeben. So existierten 1972 bei der Eingemeindung des Industriestandortes Weisweiler nach Eschweiler folgende umbenannte Straßen auf der Kippe: Flora-, Kopernikus-, Kant-, Blumen- und Gerhard-Hauptmann-Straße.

Seit 1917 diente dann die „Halde Vöckelsberg“ mit einer rekultivierten Ackerfläche von circa 50 Hektar in der Nähe der Autobahn als weitere Außenkippe. Die Aufschüttung der „Halde Nierchen“ geschah in der Zeit von 1957 bis 1973 mit 55 Millionen Kubikmetern Abraum für den Tagebau Inden und erfolgte über eine 5,2 Kilometer lange Bandanlage mit 20 Übergaben und einem Absetzer. Diese Halde mit circa 140 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche ist seit 1998 mit neun Windrädern bestückt.

Ab 1922 verstärkte sich der Stromabsatz enorm. Die Erweiterung der Fabrik und der Hinzubau eines Kraftwerkes führten zu ständig steigendem Braunkohlebedarf. Arbeiter, die im Kraftwerk oder in der Brikettfabrik beschäftigt waren, hatten bereits nach einem Monat Werksangehörigkeit Anspruch auf eine Fuhre Briketts von circa 30 Zentnern, bei längerer Werkszugehörigkeit sogar auf 50 Zentner Briketts.

Der Blick auf das Areal anno 2020. Foto: Franz Hirtz

In der Nachkriegszeit waren Braunkohlenbriketts ein hochbegehrtes Gut. So verwundert es nicht, dass sich bei Beginn der kalten Jahreszeit oft die Lastwagenschlange von der heutigen Straße „In der Krause“ bis zum Weisweiler Marktplatz staute, dem heutigen Johannisplatz, um die Kunden mit Briketts zu beliefern. Dies änderte sich erst, als die bequemere Ölheizung in den Haushalten Einzug nahm.

Über den schienengleichen Bahnübergang an der Dürener Straße wurden die mit Briketts beladenen Waggons zum Güterbahnhof Weisweiler transportiert. Hierbei passierten die Züge die Gitterbrücke über die Inde, die heute noch ohne jede Funktion die Inde überspannt. Von der Station Weisweiler ging dann die Reise zu den Bestimmungsbahnhöfen.

Der Bau der Brikettfabrik III wurde 1949 mit Geldern aus dem amerikanischen Marshallplan gefördert. So konnte die Firma Beton- und Monierbau (BuM), Düsseldorf, beauftragt werden, in der Zeit von Juni 1950 bis November 1951 den Erweiterungsbau „Brikettfabrik III“ zu erstellen. Durch die Aufstellung leistungsfähiger Zerkleinerungs- und Klassierungseinrichtungen konnte der Durchsatz an Brikettierkohle erhöht werden.

Mit jeweils vier Röhrentrocknern und Doppel-Zwillingspressen stellte sich eine beachtliche Produktionssteigerung ein. Die Produktion von Briketts wurde somit auf etwa 1,3 Millionen Jahrestonnen angehoben. Diese Baumaßnahme war dem aus Selters stammenden Bauingenieur Heinz Ohlenschläger (1926-2015) von der Fa. BuM anvertraut worden. Da die Wochenarbeitszeit erst Samstagmittag endete, traf man sich zur Baustellenbesprechung sonntags im Café Metropol, Judenstraße 12.

Anfänglich war Ohlenschläger im Hause der Eheleute Bürvenich, heute Dürener Straße 454, in Kost und Logie, wobei Käthe Bürvenich ein Lebensmittelgeschäft direkt an der Zufahrt zum Kraftwerk führte und Ehemann Josef Bürvenich ein Taxigeschäft unterhielt. Heute treffen wir dort die Polsterei von Raumausstatter Hirsinger an. Es währte nicht lange und Ohlenschläger fand sein neues zu Hause in Hastenrath, nachdem er Marie-Luise Gille geheiratet hatte.

Bauleiter Heinz Ohlenschläger (1916-2015) machte sich in Eschweiler einen Namen. Foto: privat

Als weit sichtbares Zeichen überragte der 1936/37 gebaute Klinker-Schornstein „Langer Heinrich“ mit einer Rekordhöhe von 168 Metern die imposante Industriesilhouette. (siehe Panorama-Ansicht des Kraftwerks „Zukunft“ mit dem „Langen Heinrich“ und der Brikettfabrik „Zukunft“ mit den Werken I-III). Um 1960 stieg die Zahl der Beschäftigten der BIAG bis auf über 3500 an. Mit dem unausweichlichen Vordringen des Erdöls auf den Brennstoffmarkt kam es in den 1960er Jahren zu starken Absatzrückgängen fester Brennstoffe.

So wurde am 1. April 1973 die gesamte Brikettherstellung eingestellt und bereits 1975 die Brikettfabrik abgebrochen. Gleiches wiederfuhr dem inzwischen veralteten und technisch überholten Kraftwerk. Der stark steigende Bedarf an elektrischer Energie führte alle zehn Jahre zu einer Verdopplung des Stromverbrauchs. So wurde die Schaffung eines neuen modernen Kraftwerks unausweichlich, das offiziell im Mai 1955 im Beisein des damaligen Bundeswirtschaftsministers Professor Dr. Ludwig Erhardt eingeweiht wurde.

Der großräumig erfolgte Abbau der Braunkohle im nach modernsten Gesichtspunkten rekultivierten „Tagebau Zukunft-West“ hat eine Reihe von Ortschaften verschwinden lassen. So soll der am 10. Juni 1999 eingeweihte „Historische Pfad“ mit seinen Gedenksteinen und Hinweistafeln die Erinnerung daran festhalten, dass über viele Jahrhunderte hier Menschen in Lürken, Laurenzberg, Langendorf, Obermerz, Langweiler, Erberich und Rittergut Hausen ihre Heimat hatten (Quelle: EGV SR 27/2010).