Eschweiler: Horst Schmidt bringt Ordnung in die Stadtgeschichte

Eschweiler : Horst Schmidt bringt Ordnung in die Stadtgeschichte

Inmitten von Kartons und Regalen stieß Horst Schmidt auf ein Buch mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Titel. Der Archivar der Stadt spielte schon mit dem Gedanken, das Werk zu entsorgen, da es keinen Bezug zu Eschweiler zu haben schien. Aber einen letzten Blick wollte er einmal hineinwerfen — und stieß auf Überraschendes: Das Buch diente lediglich als Hülle für ein weiteres Buch mit Abschriften eines Briefwechsels zwischen Carl Englerth und einem Advokaten.

Diese Korrespondenz hat zwischen 1800 und 1812 stattgefunden, als Eschweiler unter der Herrschaft der Franzosen stand. Schmidt hielt also ein historisch wertvolles Gut in seinen Händen.

Seit 2012 arbeitet der 55-Jährige bei der Stadt Eschweiler, nachdem das Land Nordrhein-Westfalen das Archivgesetz geändert und die Kommunen dazu verpflichtet hatte, ein Archiv professionell zu unterhalten oder es in professionelle Hände zu geben. In der Indestadt entschied man sich, Horst Schmidt einzustellen, der zuvor schon in einer Teilzeitstelle für die Verwaltung arbeitete. Seitdem ist er damit beschäftigt, Akten und Schriftstücke zu sichten, einzuordnen und zu erfassen. „Dies ist eine Lebensaufgabe — mindestens“, sagt er. Spannende Entdeckungen entschädigen ihn dafür, dass der Alltag im Archiv mitunter eine Sisyphusarbeit darstellt, denn ständig kommen neue Akten und Dokumente hinzu.

Gesetze und Urkunden

Fingerspitzengefühl ist gefragt, die Archivmaterialien nach ihrer historischen Bedeutung einzuordnen. Andere Urkunden unterliegen gesetzlichen Vorgaben. So sind Geburtsakten mindestens 110 Jahre aufzubewahren und zu sichern, für Eheurkunden gelten 80 Jahre und für Sterbeurkunden 30 Jahre als Frist. Manche Personenstandsunterlagen sind für die Forschung freigegeben und werden vom Eschweiler Geschichtsverein betreut, mit dem Schmidt eng zusammenarbeitet. Vor allem die Ahnenforschung beschäftigt viele Menschen. „Es herrscht eine sehr große Nachfrage“, bestätigt er.

Die Hilfe privater Historiker kommt Schmidt zupass, denn mit der Betreuung des Archivs hat er ohnehin alle Hände voll zu tun. Auch bei der Auswertung des bemerkenswerten Schriftverkehrs aus der Franzosenzeit erhält er Unterstützung von einem Indestädter, der der die damalige Amtssprache Französisch beherrscht. Englerth war schließlich der erste Eschweiler Bürgermeister, der von 1800 bis zu seinem Tod im Jahr 1814 das Amt bekleidete. Seine Frau Christine Englerth gilt als Gründerin des Eschweiler Bergwerks-Vereins.

Nicht zum ersten Mal entdeckte Schmidt eine besondere Rarität im Nachlass der Stadt. Vor vier Jahren fand er eine Büste August Thyssens, einem der bedeutendsten Söhne der Stadt im Keller unter dem Rathaus. Inzwischen ziert sie den parlamentarischen Bereich des Verwaltungsgebäudes. Interessant ist auch das Erbe aus dem Weisweiler Amt und der dortigen Festhalle: Ein Bilderband entpuppte sich als Gästebuch der Weisweiler Festhalle mit interessanten Porträts und Unterschriften. Wer hätte schon gewusst, dass am 30. Oktober 1971 ein gewisser Heinz Erhardt in Weisweiler auf der Bühne stand? Oder dass das Millowitsch-Theater und Heino regelmäßig dort zu sehen und zu hören war? Dies alles ist in dem Gästebuch dokumentiert.

Solche Schätze kramt Horst Schmidt auch hervor, wenn er Führungen veranstaltet. Bis zu 15 Personen weiht er dann in das Einmaleins eines Archivars ein. Wer nun denkt, in der Hauptsache ältere Menschen interessieren sich für dieses Angebot, sieht sich getäuscht: „Ich spreche meist vor einer altersgemischten Gruppe“, sagt Schmidt. Ihnen erläutert er auch, worin die größten Herausforderungen in Zukunft bestehen. So müssen die Akten nicht nur aufgelistet und katalogisiert, sondern einige Dokumente auch noch digitalisiert werden. Die meisten Zeitungen in dem umfassenden Archiv wurden bereits auf Mikrofilm gebannt und mit dem Computer erfasst. Bis ins Jahr 1853 reicht das Zeitungsarchiv zurück. „Es ist fast vollzählig“, betont Schmidt. Bis zum Jahr 1951 liegen die Ausgaben auch als Film oder PDF-Datei vor.

Das gesamte Archiv ist im Keller des Rathauses untergebracht. Um den Bestand zu erhalten, muss die Temperatur in den Räumen möglichst konstant gehalten werden. Zugleich sind die Exemplare vor Staub zu schützen. Wenn Horst Schmidt ein altes Dokument aus den Archivboxen nimmt, dann streift er weiße Handschuhe über. „Die Unterlagen sind auch vor Schimmel zu schützen“, schildert er. Der Befall mit Schädlingen ist jedoch selten. Das Archivmaterial sei in einem sehr guten Zustand, heißt es. Sollte dennoch einmal Schimmel festgestellt werden, greift Schmidt zu chemischen Mitteln oder beseitigt den Befall auf andere Weise.

Akten, Manuskripte, aber auch Kunstwerke, Filme und Bilder zählen zum Archivbestand im Rathauskeller. Sie bieten historisch Interessierten eine wahre Fundgrube. Kein Wunder also, dass Schmidt, der vor wenigen Tagen promovierte, die Abwechslung und Kuriositäten in seinem Beruf liebt. Als Beweis legt er ein Buch des Amtes Eschweiler vor, das zur Preußenzeit zahlreiche Jahresdaten niederschreiben musste. Heute würde man dieses Manuskript als statistischen Jahresbericht bezeichnen.

Allerdings wurden nicht alleine die Einwohner gezählt, wie der Blick auf die Auflistung des Jahres 1851 zeigt: In diesem Jahr wurden 432 Kinder geboren, davon zwölf unehelich. 276 Menschen starben. 1095 Knaben und 1025 Mädchen besuchten die Elementarschule. Zum gleichen Zeitpunkt lebten im Bereich des Amtes Eschweiler 534 Pferde, 1275 Stück „Rindvieh“, 575 Ziegen, 450 Schafe und 534 Schweine. Die Butter kostete sechs preußische Groschen pro Pfund. Auch diese kuriosen Details lassen sich im Stadtarchiv finden. Gleiche Statistiken bestehen für die Ämter Dürwiß, Weisweiler und Kinzweiler. Ein Besuch lohnt sich also.