Hanifa Kur aus Syrien hat am Gymnasium Eschweiler das Abitur bestanden

Aus der Internationalen Klasse an die RWTH : Nach der Flucht das Abitur in Eschweiler bestanden

Hanifa Kur ist 21 Jahre alt, die jüngste von vier Geschwistern. In diesem Schuljahr hat sie ihr Abitur am Städtischen Gymnasium abgelegt. Mathe und Englisch waren ihre Leistungskurse. Bis dahin ist das eine ganz normale Geschichte. Doch der Weg zu diesem Erfolg ist alles andere als normal. Denn Hanifa Kur ist erst seit vier Jahren in Deutschland. Deshalb auch das Abitur in diesem ungewöhnlichen Alter.

2015 ist sie aus Syrien geflohen. Anders als viele andere Flüchtlinge hatte sie das Glück, mit ihrer gesamten Familie hierher zu kommen. Von Beginn an war für Hanifa Kur klar, dass sie hier etwas erreichen möchte. In der Internationalen Klasse hat sie angefangen, Deutsch zu lernen und sich hier zurecht zu finden. Doch das Leben in Deutschland war für die Kurdin nicht immer einfach.

Wie haben Sie die erste Zeit in dem neuen Land erlebt?

Hanifa Kur: Am Anfang war ich mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Wir haben Spiele gespielt und zum Beispiel Zustände oder Artikel gelernt. Auch, wie der Satzbau funktioniert und die Grammatik. Das war sehr schwierig. In der internationalen Klasse war ich aber nur ein Jahr, ab der zehnten Klasse durfte ich in den Regelunterricht gehen. Auf einmal hatte ich dann alle Fächer auf Deutsch, das war schon ein Schock für mich. Ich war meistens sehr still und konnte nur dasitzen, habe auch nicht alles mitbekommen, was um mich herum passiert ist. Um ehrlich zu sein, habe ich auch schon mal geweint, wenn ich nach Hause gekommen bin.

Womit hatten Sie am meisten Probleme?

Kur: Es ist schwierig, das zu erklären. Wenn man in einem Land oder einer Gruppe ist, wo man inaktiv ist und nur dasitzt und zuguckt, ist es das Schwierigste, was mit einem Menschen passieren kann. Denn wir Menschen können eigentlich reden. Das ist eine Besonderheit, in der wir uns zum Beispiel von Tieren unterscheiden. Und wenn uns das fehlt, ist das unheimlich schwierig. Man fühlt sich so, als ob man gar keine aktive Rolle hat, wie ein Tisch oder Baum zum Beispiel. Ich fand es sehr schwierig, mich auszudrücken und zu sagen, wie ich mich fühle. Das hat mich auch daran gehindert, in der Klasse mitzumachen.

Der Ehrgeiz hat geholfen

Dank ihrer Lehrer und ihrer Familie hat Hanifa Kur es geschafft, diese Hürden zu überwinden. Sie sagt, ohne diese Hilfe wäre sie auf ihrem Weg viel gestolpert und hätte ihr Ziel nicht erreicht. Das war von Beginn an das Abitur. Ihr Ehrgeiz hat Kur also auch geholfen. Wenn sie sich vor Augen geführt hat, worum es für sie geht, konnte sie ihre Ängste und Zweifel ausblenden. Generell zeigt sie sich als sehr zielstrebige und perfektionistische Person. Nach dem Interview fragt sie, ob ihr Deutsch auch gut genug gewesen sei. Dabei spricht sie sehr ausgewählt und benutzt bereits Fachbegriffe und Synonyme. Nur ab und zu hält sie kurz inne und sucht nach einem bestimmten Wort – das sie aber immer findet.

Erinnern Sie sich an das erste Mal, als Sie im Unterricht mitgemacht haben?

Kur: Ich glaube, das war etwa am Ende der zehnten Klasse. Da hatte ich die Vorstellung, dass ab der elften Klasse Punkte gesammelt werden, die wichtig sind für meine Zukunft, mein Abitur und das Studium. Da hatte ich an mich selbst die Forderung, jetzt mitzumachen und mir zu vertrauen. Ich wollte meine Antwort mitteilen. Manchmal haben die Lehrer zwar nicht genau verstanden, was ich gesagt habe, aber sie waren zufrieden und ich konnte ihr Lächeln sehen. Das hat mir Unterstützung gegeben, denn ich wollte das für mich machen.

Haben Sie jetzt immer noch Hemmungen?

Kur: Ich glaube, ich kann mich mittlerweile mit allen unterhalten. Ich kann schon sagen, dass Deutsch meine zweite Muttersprache geworden ist. Es geht aber nicht immer automatisch. Ich muss in meinem Kopf die Sätze bilden, während ich rede. Dafür muss man wirklich schnell denken, alles geht gleichzeitig. Oft muss ich auch Worte finden, damit ich nicht manche Worte immer wiederhole und das Passende sage. Es ist immer noch schwer, aber man gewöhnt sich einfach daran.

Abidurchschnitt von 2,8

Das Abitur hat die 21-Jährige mit einem Durchschnitt von 2,8 bestanden. Am Anfang war sie nicht ganz zufrieden mit ihren Noten. Aber dann hat Hanifa Kur gemerkt, wie schwierig es teilweise auch für die Menschen ist, die hier geboren sind, das Abitur zu schaffen. Ihr Lieblingsfach war Mathe. Denn dort braucht man keine eigene Sprache, Mathematik ist wie eine internationale Sprache, sagt Kur und beginnt dabei zu strahlen – ganz anders als die meisten anderen Schüler, wenn sie an Mathe denken.

Deutsch hingegen sei ihr schwer gefallen. Aber auch das erzählt sie ganz ruhig. Sie wirkt wie eine sehr reflektierte Persönlichkeit, die kämpft, um ihre Ziele zu verwirklichen und sich auch mit unliebsamen Themen auseinandersetzt, wenn es sein muss. Da erinnert sie sich zum Beispiel an Analysen von Goethes Faust. Beim Gedanken daran kann sie aber auch schon wieder darüber lachen.

Jetzt freut sich Hanifa Kur auf die Zeit, die vor ihr liegt. Ihre drei älteren Brüder studieren alle in Aachen. Sie sind Vorbild und Inspiration für sie. Ihr Traum in Syrien war es immer, Humanmedizin zu studieren. Mit ihrem Durchschnitt kann Kur diesen Traum hier vorerst nicht verwirklichen.

Aber sie hat andere Studiengänge an der RWTH gefunden, die sie ebenfalls sehr spannend findet. Für die NC-freien Studiengänge hat sie bereits eine Zusage erhalten. Auch, wenn Kur mittlerweile sechs Sprachen spricht, begeistern sie Naturwissenschaften mehr. Deshalb hat sie sich für Umweltingenieurwissenschaften entschieden.

Außer Hanifa Kur hat auch Pamela Doda aus der Internationalen Klasse den Sprung zum Abitur geschafft. Für Hanifa Kur ist es schon ein besonderes Gefühl, gemeinsam mit Pamela als Erste aus der Internationalen Klasse das Abitur geschafft zu haben. Sie ist stolz auf sich selbst.

Haben Sie noch einen Rat für andere, die Zweifel oder Angst haben?

Kur: Zusammenfassend kann ich sagen, dass man viel üben muss. Ich würde das aber trotzdem jedem empfehlen. Man sagt ja: Übung macht den Meister. Man darf nie aufgeben. Es ist alles machbar und man kann das alles schaffen und überwinden. Man muss nicht immer Ausreden haben, sondern sich vertrauen und nicht schüchtern sein. Wir sind hier in einem demokratischen Land, das gibt uns Unterstützung. Die deutsche Regierung rettet nicht nur das Leben anderer Menschen, sondern investiert auch in sie. Das finde ich toll. Man muss wirklich dankbar dafür sein und das sehr schätzen.

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