Eschweiler: Häusliche Gewalt: Eine Spirale ohne Ende

Eschweiler: Häusliche Gewalt: Eine Spirale ohne Ende

Die ersten Streitigkeiten begannen Anfang 2010. Damals hat er sie zum ersten Mal geschlagen und getreten, bis sie bewusstlos war. „Es gab keinen richtigen Grund”, sagt die 22-jährige Sarah Radan (Name geändert). Eifersucht und Drogen spielten eine Rolle.

Als sie am nächsten Tag mit blutender Nase und gequollenen Augen wieder aufwachte, musste sie sich übergeben. Sie bat ihren Mann, sie ins Krankenhaus zu bringen, was er auch tat. Dort stellte er den Vorgang allerdings anders da. Sie sei die Treppe runtergefallen, sagte er der Ärztin, die eine Gehirnerschütterung und Prellungen diagnostiziert hatte. Doch die wurde misstrauisch und schickte ihn vor die Tür, um mit Sarah unter vier Augen zu reden.

Die Ärztin machte Fotos von den Verletzungen und riet Sarah, Anzeige zu erstatten. „Das wollte ich nicht, die Kinder waren ja noch zu Hause”, sagt die kleine zierliche Frau mit den dunklen Locken. „Das ist typisch für die Opfer häuslicher Gewalt”, sagt Klaus Beyard vom Weissen Ring. Gewaltbeziehungen entstünden nicht von heute auf morgen, sondern im Verlauf von Monaten oder Jahren. Die Wahrnehmung des Opfers werde von der Logik der Gewaltbeziehung beherrscht.

Die Hoffnung auf Besserung werde aufrecht erhalten. „Häusliche Gewalt ist eine Spirale ohne Ende.” Deshalb appelliert der Weisse Ring nicht nur an Opfer häuslicher Gewalt, sondern an alle, die Opfer von Kriminalität und Gewalt geworden sind, sich nicht passiv zu verhalten, sondern die Straftat anzuzeigen und sich Unterstützung zu suchen.

Bis dahin war es ein weiter Weg für Sarah. Auch im Krankenhaus wollte sie nicht bleiben - aus Sorge um die Kinder. Mit 17 Jahren hatte sie ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Ein Jahr später das zweite. Damals war die Welt für sie noch in Ordnung.

Es dauerte nicht lange, bis ihr Mann wieder ausflippte. „Er hat immer nach Gründen gesucht, mich zu beschimpfen, zu beleidigen und zu schlagen - und er hat immer einen Grund gefunden”, sagt die junge Frau leise. Wenn sie ihn verlassen wollte, drohte er, sie umzubringen. Immer wieder hat er sie bewusstlos geschlagen. Immer wieder musste sie im Krankenhaus behandelt werden.

Einmal ist sie danach zu Freunden geflüchtet und hat ihn angerufen. „Lass die Kinder da und geh bitte”, hat sie ihm gesagt. Doch er ist nicht gegangen. Er hatte sich in der Wohnung versteckt und auf sie gewartet. Als sie ihn bemerkte, lief sie raus auf die Straße. Er öffnete ein Fenster und sprang ihr hinterher. Auf offener Straße schlug er sie grün und blau. Diesmal wachte sie völlig orientierungslos im Keller wieder auf. Als sie die Tür des Mietshauses in Schloss fallen hörte, rief sie so laut sie konnte um Hilfe. Er schlug wieder zu und versuchte ihr den Mund zuzuhalten.

„Danach weiß ich nichts mehr”, sagt Sarah. Sie wurde ohnmächtig. Als sie die Augen wieder aufschlug, war sie wieder in ihrer Wohnung. Die Polizei und der Rettungsdienst waren da - er nicht. Eine Nachbarin hatte ihre Hilfeschreie gehört und die Polizei verständigt. Die Polizei erteilte ihrem Mann Hausverbot, und Sarah wurde wieder mal ins Krankenhaus gebracht. Das Verbot hielt ihn allerdings nicht davon ab, seine Frau weiter zu terrorisieren, die mittlerweile nur noch mit Beruhigungstabletten durch den Tag kam und oft zusammenbrach.

Im Sommer 2010 machte er ihr den Vorschlag, die Kinder mit zu einer Hochzeit zu nehmen und Verwandte im Ausland zu besuchen. Sie ließ sich darauf ein, schließlich hatte sein Vater ihr versprochen, dafür zu sorgen, dass die Kinder zu ihr zurück kommen. Doch das war ein Trick, um sie erpressen zu können. Mit den Kindern als Druckmittel wollte er sie zwingen, ihre Aussage bei der Polizei zu widerrufen. Beinahe wäre sie darauf eingegangen, aber als die Polizei Beweise für seine Taten vorlegen konnte, blieb sie doch bei der Wahrheit. Ihre Kinder hat sie bis heute nicht mehr wiedergesehen.

Inzwischen hatte sie erfahren, dass sie ein drittes Kind erwartet. Das machte die Situation aber nicht erträglicher - im Gegenteil. Wenn er ausrastete, schlug und trat er ihr sogar in den Bauch. Schließlich zog sie in der Hoffnung, ihre Kinder wiedersehen zu können, ihre Anzeige doch zurück. Besser wurde es aber nicht.

Einbruch in die Wohnung

Über den Verein „Sprungbrett” wurde sie schließlich auf den Weissen Ring, eine Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer und ihre Familien, aufmerksam. Sarah wurde von den ehrenamtlichen Mitarbeitern beraten, und Außenstellenleiter Klaus Beyard sorgte kurzfristig für finanzielle Unterstützung. Das war im Dezember 2010. 14 Tage verbrachte Sarah in einem Frauenhaus. Dann kehrte sie nach Eschweiler zurück. „Ich wollte mein Kind nicht im Frauenhaus bekommen”, sagt sie.

Anfang März 2011 brachte Sarah ihr drittes Kind zur Welt. Mit Unterstützung der Arge fand sie eine neue Wohnung. Doch der Terror geht weiter. Er weiß, wo sie wohnt. Er beobachtet und bedroht sie immer noch. Nach einem Einbruch in ihre Wohnung erstattete sie erneut Anzeige. „Es hat nie aufgehört, und es wird nie aufhören”, sagt Sarah mit brüchiger Stimme. Immer wieder hat er ihr versprochen, die Kinder zurückzubringen, immer wieder hat er ihr neue Hoffnung gemacht, um sie anschließend mit seinen Fäusten zu zerstören.

Im November 2011 sollte es mal wieder soweit sein. Sarah hatte alles vorbereitet. Sie hatte das Jugendamt und die Arge über die Rückkehr der Kinder informiert und Geschenke gekauft. Er stand aber alleine da, als sie die Tür öffnete. Sie fragte, warum die Kinder nicht dabei seien, und forderte ihn auf, wieder zu gehen. Wie so oft antwortete er mit Gewalt. Vier Stunden dauerte das Martyrium.

Kein „Handel” mehr

Mittlerweile lässt sich die junge Frau auf keinen „Handel” mehr ein. Inzwischen ist sie von ihrem Mann geschieden. Sobald er auftaucht, ruft sie die Polizei. Seit zwei Monaten hat sie jetzt nichts mehr von ihm gehört. Trotzdem fragt sie sich jeden Tag: „Was kommt als nächstes, wann geht es wieder los?” Sarah will weiter um ihre Kinder kämpfen. „Um mich habe keine Angst, aber um meine Kinder.”

In ihrem Kampf erhält sie Unterstützung des Weissen Rings, der unter anderem die Kosten für ihre Anwältin übernommen hat. Die nächste Gerichtsverhandlung ist jetzt für Anfang Juni angesetzt, dann geht es auch um die Entführung der Kinder. Sarah lebt allein und zurückgezogen. Zurzeit holt sie ihren Schulabschluss nach. „Damit ich für meine Kleinen sorgen kann”, sagt sie und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Ihr Traum ist es, Medizin zu studieren.

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