Grippeschutzimpfung: Dr. Jürgen Küpper erklärt, warum Zahlen sinken

Impfzahlen gehen zurück : „An Grippe sterben mehr Leute als bei Autounfällen“

Bis zu 40 Patienten hat Dr. Jürgen Küpper zu Zeiten der Grippewelle täglich in der Praxis. Es könnten deutlich weniger sein, wenn sich mehr Menschen gegen die Viruserkrankung impfen lassen würden. Doch das tun mittlerweile nur noch etwa 20 Prozent der Bevölkerung – Tendenz sinkend.

Die Grippewelle sorgt jedes Jahr für hustende, schniefende und fiebernde Menschen. Um das zu vermeiden, werben Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen jedes Jahr aufs Neue für die Grippeschutzimpfung – vergeblich. Zahlen des Robert-Koch-Insituts (RKI) zeigen, dass die Impfquoten deutschlandweit sinken. Ließ sich im Jahr 2008 noch etwa jeder dritte Bundesbürger impfen, war es 2018 lediglich jeder fünfte. Auch die Quote bei älteren Menschen, die etwa 75 Prozent erreichen sollte, wird in Deutschland nicht annähernd erreicht. In der Saison 2016/17 ließen sich nur knapp 35 Prozent der Personen ab 60 Jahre impfen.

Das ist ein Problem, denn die Grippewelle 2017/2018 war nach Angaben des RKI für schätzungsweise 25.100 Tote verantwortlich – das war die höchste Zahl an Todesfällen durch Influenza in den vergangenen 30 Jahren. „Die Grippeimpfung ist ein ganz wichtiger und notwendiger Schutz“, sagt Dr. Jürgen Küpper, Allgemeinmediziner und Hausarzt mit Praxis in Kinzweiler. Vor allem Personen aus Risikogruppen wie Menschen über 60, chronisch Kranke und Schwangere sollten sich unbedingt impfen lassen.

Küpper empfiehlt die Impfung aber grundsätzlich erst mal jedem, der viel mit Menschen zu tun hat, beispielsweise Mitarbeitern in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern. „Die meisten Menschen werden mit einer Grippe ganz gut fertig, aber das ist ja vermeidbar“, sagt er.

Abgesehen vom eigenen Wohlbefinden würde sich eine höhere Impfquote auch auf die Arbeit der Ärzte auswirken. Für die Saison 2018/19 hat das RKI rund 3,8 Millionen influenzabedingte Arztbesuche registriert. In Küppers Praxis sieht das so aus: „Wir haben zu Zeiten der Grippewelle bis zu 40 Patienten täglich.“ Das sei richtig viel Arbeit – die vermeidbar wäre.

Lange keine schweren Komplikationen

500 bis 600 Impfungen verteilen Küpper und sein Team pro Jahr. „Wir könnten theoretisch doppelt so viele Leute impfen, aber die Menschen sind impffaul geworden“, bedauert der Hausarzt. Der Grund dafür liege darin, dass es lange keine schweren Komplikationen mehr gegeben habe. Deshalb seien mögliche schwerwiegende Folgen den meisten einfach nicht mehr so präsent. „Im Jahr der Schweinegrippe zum Beispiel war der Run auf Impfungen riesengroß“, erinnert Küpper.

Auch die Präsenz in den Medien spiele eine Rolle, denn nur so könne man Menschen immer wieder an die Bedeutung der Grippeschutzimpfung erinnern. Küpper vergleicht das so: „Wenn Frau Merkel an einem Grippevirus sterben würde, wäre das in aller Munde. Aber wenn Frau Müller, 84, an der Grippe stirbt, wird das gar nicht weiter beachtet.“ Das sei fatal, denn an der Grippe sterben jährlich immer noch viele Menschen.

Die Zahl der Todesfälle pro Jahr kann laut RKI bei den einzelnen Grippewellen stark schwanken, von mehreren hundert bis über 20.000. In den vergangenen Jahren lag die Zahl aber meist zwischen 15.000 und 20.000. „An Grippe sterben mehr Leute als bei Autounfällen“, betont Küpper. Man könne die Zahl deutlich senken, wenn sich mehr Menschen impfen lassen würden. Zum Vergleich: 2018 kamen nach Angaben des ADAC 3275 Menschen im Straßenverkehr ums Leben.

Keine Infektion durch die Impfung

Immer wieder wird Küpper damit konfrontiert, dass Patienten von der Impfung krank werden. Dazu sagt er ganz klar: „Man kann durch die Impfung keine Infektion bekommen, denn es werden ja nur Virusbestandteile geimpft, nicht aber lebende Viren.“ Das bedeutet, dass der Körper nach der Impfung Antikörper bildet, wodurch er auf eine mögliche Erkrankung schon vorbereitet ist. Denn: „Auch ein Geimpfter kann theoretisch eine Grippe bekommen, aber er wird deutlich besser damit fertig, da die erste Reihe der Immunabwehr schon da ist“, erklärt Küpper.

Wichtig ist zudem, den Impfschutz jährlich zu erneuern. Denn die Viren, die die Erkrankung auslösen, ändern sich jedes Jahr. Deshalb enthält die Impfung vier Virus-Wirkstoffe, die Forscher im Frühjahr testen und zusammenstellen. „Viren wandern von Ost nach West, das ist laut Studien ziemlich zuverlässig“, sagt Küpper. Das heißt, dass Viren, die im Frühjahr in Asien verbreitet sind, irgendwann in Deutschland landen. Bisher seien die Prognosen immer relativ gut – und damit die Impfungen wirksam.

Eine wichtige Unterscheidung ruft Küpper nochmal ins Gedächtnis, denn es komme immer wieder zu Irritationen: Gemeint ist der Unterschied zwischen einer Virusgrippe und einem grippalen Infekt, im Volksmund die Erkältung. „Eine Grippe beginnt plötzlich. Da kann ich mittags noch gesund sein, aber abends schlagartig krank. Ein grippaler Infekt dagegen beginnt langsam und verschlimmert sich über mehrere Tage.“ Gegen die Erkältung hilft die Impfung nämlich nicht. 95 Prozent aller Erkrankungen seien in der Regel grippale Infekte.

„Das ist natürlich auch eine Krankheit, aber nur die Virus-Grippe ist wirklich gefährlich und kann tödliche Folgen haben“, stellt Küpper klar. Wer die Virus-Grippe hat, ist im Übrigen hoch ansteckend. Durch Tröpfcheninfektion verbreitet sich der Virus, da reiche schon ein Niesen oder ein Händeschütteln mit einer Erkrankten Person.

„Wer sich mit einem Grippekranken im gleichen Raum aufhält, ist ganz bestimmt in Kontakt mit den Viren gekommen“, warnt der Hausarzt. Das bedeute aber nicht immer sofort, dass man auch krank werde. Das hänge vom Immunsystem ab.

Da die Grippewelle noch nicht begonnen hat, ist die beste Zeit für eine Impfung von Oktober bis November. „Wenn alle noch gesund sind, keiner schnieft und das Wetter noch einigermaßen schön ist“, fasst Küpper zusammen. Grundsätzlich sei eine Impfung auch danach noch sinnvoll, aber wenn die Grippewelle einmal da ist, sei es zu spät, da die Wirkung erst etwa zwei Wochen später einsetzt.

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