Eschweiler/Stolberg: „Green”: 80 Vorhaben zu Biomasse, Wind- und Solarenergie

Eschweiler/Stolberg: „Green”: 80 Vorhaben zu Biomasse, Wind- und Solarenergie

Die Stolberger Burg hätte ja wunderbare Dachflächen für eine Photovoltaik-Anlage. Aber eine derartige Nutzung kommt an einem solchen Gebäude wohl kaum in Frage und wäre aus Gründen des Denkmalschutzes unrealistisch, beeilt sich Dr. Matthias Betsch zu versichern.

Die praktische Realisierung regenerativer Projekte in der ganzen Region, das ist die Aufgabe, die Dr. Betsch seit Oktober und sein Kollege Franz-Josef Türck-Hövener seit Januar beschäftigen. Die beiden Ingenieure sind die Projektentwickler der jungen „Green GmbH”.

Die „Gesellschaft für regionale und erneuerbare Energie mbH” ist eine Tochter des Energieversorgers EWV (42 ) mit einer Eigenkapitaldecke von 25.000 Euro, an der sich im vergangenen Sommer neben der Rheinland-Westfalen Energiepartner GmbH (10 ) vor allem 16 Kommunen - darunter Eschweiler - (je 3) beteiligt haben, um die Potenziale regenerativer Energie vor der Haustüre innovativ zu nutzen und gleichzeitig die Wertschöpfung in der Region zu halten.

Aus der ganzen Region kommt mit der Gründung auch eine ganze Flut von Projektvorschlägen auf die Green zu. „70 bis 80 Projekte sind es, die wir derzeit auf Umsetzbarkeit und Finanzierbarkeit prüfen und nach Prioritäten ordnen”, beschreibt Türck-Hövener den Weg zur Realisierung. Und das macht doch etwas mehr Arbeit, als das junge Unternehmen zunächst erwartet hatte.

Was allerdings ein gutes Zeichen ist, denn das Portfolio umfasst bei weitem nicht nur relativ einfach zu verwirklichende Photovoltaikanlagen auf Dächern kommunaler Immobilien, die der Green zu Pachtung und Nutzung angeboten werden. Es sind auch hochinteressante Großprojekte unter den Vorschlägen, die die Herzen von Ingenieuren und Kaufleuten höher schlagen lassen. „Es ist schön, dass wir sehr früh schon an so große Projekte herangehen können”, freut sich Dr. Betsch. Dann macht die Umsetzung nicht nur besonderen Spaß, sondern wird auch zu einer Herausforderung, die nach flexiblen Lösungen verlangt.

Beispielsweise bei der Finanzierung von Millionen-Projekten, denn eine Verbesserung der Eigenkapitalquote durch die kommunalen Gesellschafter ist angesichts deren Finanzlage eine Herausforderung, analysiert Türck-Hövener. Zeitintensiv und aufwendig sind außerdem planungs- und baurechtliche Genehmigungsverfahren. Aber die Hürden sind fast genommen. „In wenigen Wochen”, erwartet Pressesprecherin Yvonne Rollesbroich das Leuchtturmprojekt der Green präsentieren zu können.

Doch sind es weniger die Großprojekte, mit denen Green zur Energiewende beitragen möchte, sondern es sind vor allem die vielen individuellen Lösungen mit Investitionsvolumen von bis zu zwei Millionen Euro zwischen Selfkant und dem Rursee, die die Innovationsfreude der Ingenieure fordern. Etwa zehn Prozent der Projekte stammen aus dem Bereich Biomasse, die weiteren zur Hälfte aus den Bereichen Solar und Windenergie.

„Alle müssen einer genauen Wirtschaftlichkeitsberechnung unterzogen werden”, erklärt Matthias Betsch, denn die Investitionen in die Energiewende sollen sich auch für die Green und ihre kommunalen Gesellschafter rechnen. Dabei bereitet die Berücksichtigung der schwer zu kalkulierenden Degression, die regelmäßige Absenkung der Einspeisevergütung, die größte Unwägbarkeit. Untersucht werden müssen für Photovoltaikanlagen die Dachflächen. Innerhalb der nächsten 20 Jahre sollten sie nicht saniert werden müssen.

Einigkeit besteht in der Branche darin, dass die Investitionskosten für Solarmodule, Wechselrichter und Installation zukünftig sinken werden, sagt Dr. Betsch. „Nur wann der Preisrückgang die Investoren erreichen wird, darüber gibt es unterschiedliche Einschätzungen”. Er selber rechnet noch mit einigen Jahren. Während die Solarmodule für das Ritzefeld-Gymnasium während der nächsten Wochen projektiert werden, müssen beim Technischen Betriebsamt erst einmal einige Hürden genommen werden.

Nicht etwa, weil das Dach bekanntermaßen sanierungsbedürftig ist, sondern weil der Bewuchs am Rande der benachbarten Tennisanlage in kommenden Jahren für eine unerwünschte Beschattung des Daches sorgen wird, prognostiziert Dr. Betsch. Die Verwaltungen der Kommunen sind für die Projektentwickler ohnehin wichtige Partner. In den Rathäusern werden die planungsrechtlichen Grundlagen gelegt für die Umsetzung regenerativer Projekte. Lassen sich Photovoltaikanlagen zügig realisieren, versprechen Windanlagen eine höhere Stromausbeute und eine größere Wirtschaftlichkeit. Allerdings muss eine mehrjährige Vorbereitungszeit einkalkuliert werden. Kommunen müssen Flächennutzungspläne überarbeiten, um Standorte ausweisen zu können.

Die Windausbeute muss ertragreich sein, die Abstandsflächen zur Bebauung müssen eingehalten werden und der Standort auch aus Aspekten von Natur- oder Denkmalschutz und Stadtbild vertretbar sein. „Beim Blick auf das Stolberger Stadtgebiet rücken dann in erster Linie Standorte im Wald in den Blick”, bestätigt Franz-Josef Türck-Hövener, dass die Green die durch den Landesgesetzgeber erweiterten Spielräume auch nutzen möchte. „Aber nicht um jeden Preis”, sind die Projektentwickler um einen vernünftigen Interessenausgleich ebenso wie um Akzeptanz in der Bevölkerung bemüht.

Zu dieser beitragen sollen auch finanzielle Beteiligungsmodelle für die Bürger, die noch konzipiert werden und auch Kleinanlegern die Möglichkeit zur Partizipation bieten sollen, hat Geschäftsführer Axel Kahl bereits angekündigt. „Möglichst viele Bürger sollen sich in unterschiedlichen Formen beteiligen können.”

Gemeinsame Projekte strebt Green auch mit Partnern aus Wirtschaft und Industrie an, kündigt Dr. Betsch für die kommenden Monate eine intensive Akquise an. Industrielle Bauten bieten beispielsweise größere Flächen für die Installation von Photovoltaikanlagen und die Entscheidungswege sind in der freien Wirtschaft deutlich kürzer, als sie es bei der öffentlichen Hand mit ihren politischen Gremien sein können.

Aber auch bestehende und zukünftige Betreiber von Biogasanlagen hat das Green-Team im Visier. „Bei Biogasanlagen kann man die Stromerzeugung regeln”, erklärt Franz-Josef Türck-Hövener. Damit besteht die Möglichkeit, sie zu Verbrauchsspitzen einzuschalten - etwa so, wie bei konventionellen Kraftwerken in der Spitzenlast einfach die Leistung hochgefahren wird. Biogasanlagen bieten den Versorgern die Möglichkeit, die spezifischen Spitzen regenerativer Energieerzeugung bei Solar und Wind besser ausgleichen und eine konstante Versorgung absichern zu können.

Noch einen weiteren Trumpf haben die Projektentwickler im Ärmel: Mini-Windkraftanlagen, die auch im urbanen Raum vergleichsweise problemlos installiert werden können. Im Gegensatz zu den großen Windrädern sind die Anlagen nur bis zu 20 Meter hoch und verfügen über sich vertikal um den Mast drehende Windblätter. Die avisierten Modelle bieten zwar eine überschaubare Leistung von 6 Kilowatt, sind aber preiswert, leise und schattenarm, verweist Türck-Hövener darauf, dass solche Anlagen auch nah zur Bebauung oder sogar auf Dächern installiert werden können.