Generalmajor Vetter: „Die Komplexität von Cyber-Attacken steigt“

Kambacher VIP-Talk : „Die Komplexität von Cyber-Attacken steigt“

Für so manchen Laien mag es sich immer noch wie Science-Fiction anhören, doch die Bedrohungen sind real und alltäglich: Hacker sind in der Lage, im Auftrag von Staaten, terroristischen Organisationen oder der „organisierten Kriminalität“, bei Angriffen nicht nur vertrauliche Daten von Personen zu „knacken“, sondern auch die Infrastruktur eines Staates ins Visier zu nehmen.

Mögliche Ziele könnten unter anderem das Stromnetz, die Wasserversorgung oder auch Krankenhäuser sein. Die Bedrohungen betreffen also auch die Regierung, Verwaltungen und nicht zuletzt die Streitkräfte.

Als Gegenmaßnahme stellte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im April 2017 das „Kommando Cyber- und Informationsraum“ (KdoCIR) in Bonn in Dienst. Im Rahmen des 17. Kambacher VIP-Talks, der am Donnerstagabend in Kooperation mit der Gesellschaft für Sicherheitspolitik sowie der Deutschen Atlantischen Gesellschaft in der Tenne des Hauses Kambach stattfand, war nun mit Generalmajor Michael Vetter der Chef des Stabes des Kommandos Cyber- und Sicherheitsraum zu Gast, um unter der Überschrift „Cyber-Sicherheit – Große Herausforderung nicht nur für Experten“ zu zahlreichen Zuhörern zu sprechen.

„Knapp zwei Jahre nach Dienstaufnahme nähern wir uns so langsam dem kitafähigen Alter. Dennoch sind wir in der Bevölkerung immer noch ein unbekanntes Wesen“, erklärte Michael Vetter zu Beginn seines Vortrags und unterstrich sein Ziel, das eine oder andere Fragezeichen zu beseitigen. Jedem müsse bewusst sein, dass der Cyber- und Informationsraum eine „erhebliche Sicherheits- und Verteidigungsdimension“ darstelle. Deshalb habe die Bundeswehr nach Heer, Luftwaffe, Marine, Streitkräftebasis und dem zentralen Sanitätsdienst eben mit dem Cyber- und Sicherheitsraum einen sechsten militärischen Organisationsbereich geschaffen.

Die Schlagworte „Digitale Revolution“ und „Fortschritt durch Digitalisierung“ wiesen auf die zahlreichen Chancen, aber eben auch die Risiken hin. „Die Bundeswehr ist aktuell bereits eindeutig und natürlich eine digitale Organisation. Logistik ohne IT ist nicht mehr denkbar“, machte der Offizier deutlich. Digitalität ermögliche der Bundeswehr schlicht und einfach, Kräfte zu sparen, um diese anderweitig einsetzen zu können.

Diverse, hybride Bedrohungen

Auf der anderen Seite stehe aber die Bedrohung, die stetig größer werde. Denn: „Die Komplexität von Cyber-Attacken steigt, während der notwendige Aufwand sinkt“, so Generalmajor Michael Vetter. Und: „Steht der Server, von dem eine Attacke ausgeht, in Moskau, so heißt dies eigentlich noch gar nichts. Denn dieser kann, von wem auch immer, übernommen worden sein!“

Die Bedrohungen seien divers und hybrid. Dies bedeute, dass die Angreifer neben Computerangriffen auch auf Propaganda, vor allem in den Sozialen Medien setzten, mit dem Ziel, offene und demokratische Gesellschaften zu destabilisieren. Als Beispiel nannte Michael Vetter den Fall „Lisa“ aus dem Jahr 2016, in dessen Verlauf sich der Vorwurf, dass die 13-Jährige mit deutsch-russischen Wurzeln von Flüchtlingen vergewaltigt wurde, als falsch herausstellte, dennoch aber von russischen Medien und Politikern instrumentalisiert wurde, was zu erheblichen diplomatischen Verwicklungen zwischen Deutschland und Russland führte.

Generell sei aber festzustellen, dass Deutschland den Angriffen keinesfalls unvorbereitet gegenüberstehe. Im Jahr 2016 habe die Nato den „Cyberraum“ zur „Domain of Operation“ erklärt. Und auch bei der Indienststellung des Kommandos Cyber- und Sicherheitsraum habe man nicht bei Null beginnen müssen. Natürlich gelte es aber, noch besser und vor allem schneller zu werden. „Unsere Wunschvorstellung ist, dass die Behörden wie Bundeskriminalamt, die Geheimdienste, Zollkriminalamt und, und, und sich noch enger vernetzen und quasi unter einem Dach zusammenarbeiten. Dazu gehören auch die Ministerien für Wirtschaft und Finanzen, schließlich ist auch ein Angriff auf das Finanzsystem denkbar“, so der Referent, der darauf hinwies, dass das KdoCIR rund zehn Prozent der sich in Auslandseinsätzen befindlichen Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten stelle. Darüber hinaus seien täglich rund 2500 Soldatinnen und Soldaten in Deutschland im Einsatz, damit die Einsätze im Ausland überhaupt durchzuführen seien. „Ohne uns wären die Soldatinnen und Soldaten im Auslandseinsatz blind, taub und stumm!“

15.000 Mitarbeiter bis 2021

In Sachen Personal sei das Ziel, die Zahl der derzeit 13.000 Soldaten und zivilen Mitarbeiter bis zum Jahr 2021 auf 15.000 zu erhöhen. „Die Bewerberzahlen im Offiziersbereich sind zufriedenstellend. Allerdings fehlen derzeit rund 1000 IT-Feldwebel“, nannte Generalmajor Michael Vetter Zahlen. Aufgabe der Bundeswehr im Generellen und des KdoCIR im Speziellen sei es, sich als Arbeitgeber möglichst breit aufzustellen. „Meiner Meinung nach müssten wir darüber nachdenken, auch Bewerbern ohne Bachelor- oder Master-Abschluss, die aber trotzdem über die notwendigen Qualifikationen verfügen, eine Offiziers-Laufbahn zu ermöglichen“, so ein Denkansatz des 56-Jährigen, der betonte, dass die Bundeswehr die Kooperation mit Unternehmen, Instituten und Universitäten suche.

„Die Bundeswehr kann ziemlich viel ganz gut. Aber wir müssen besser werden, zum Beispiel in Sachen Rüstungsmanagement“, so das Fazit des Offizers.

Das Berufsbild des Soldaten werde sich durch die Digitalisierung verändern und erweitern. Dabei müsse vieles hinterfragt werden. Etwa der Einsatz autonomer Systeme, die Eigenständigkeit von Führungssystemen und nicht zuletzt auch die Organisationsstrukturen innerhalb der Bundeswehr – Stichwort Dienstweg. „Wir leisten unseren Beitrag für die Sicherheit und Freiheit der Bundesrepublik Deutschland“, brach Generalmajor Michael Vetter abschließend eine Lanze für die Soldatinnen und Soldaten des KdoCIR. Dies sei in Zukunft aber nur auf hohem Niveau möglich, wenn seitens der Politik Geld für die Bundeswehr in die Hand genommen werde. „Wir benötigen Zuverlässigkeit und Planungssicherheit“, so die Forderung des Redners, der sich nach seinem Vortrag unter der Moderation von Andree Brüning vom Bund der Katholischen Unternehmer zahlreichen Fragen aus dem Publikum stellte.

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