Eschweiler: Gedenken an Reichspogromnacht: „Schlussstrich kann es niemals geben“

Eschweiler: Gedenken an Reichspogromnacht: „Schlussstrich kann es niemals geben“

„Die Geschehnisse der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren der öffentliche Anfang vom insgeheim bereits beschlossenen Ende!“

Wolfgang Theiler, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Weisweiler-Dürwiß, unterstrich während seiner Ansprache im Rahmen der Gedenkstunde zur Reichspogromnacht am Donnerstagnachmittag vor zahlreichen Vertretern verschiedenster Institutionen in der Dreieinigkeitskirche die Tragweite der furchtbaren Ereignisse, während derer im gesamten damaligen Deutschen Reich unzählige Synagogen in Flammen aufgingen und zahlreiche jüdische Mitmenschen Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft wurden.

Erinnerung in unmittelbarer Nähe der ehemaligen Synagoge Eschweilers, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von den Nazis niedergebrannt wurde: Mit dem jüdischen Kaddisch-Gebet begann die Gedenkstunde vor der Dreieinigkeitskirche. Foto: Andreas Röchter

Zum Auftakt der Gedenkstunde hatten sich die Teilnehmer, darunter auch die Konfirmanden der Evangelischen Kirchengemeinde Eschweiler, am Gedenkstein vor der Dreieinigkeitskirche versammelt, um mit Pfarrerin Ulrike Sommer das jüdische Heiligungsgebet Kaddisch zu beten.

Im Inneren des Gotteshauses begrüßte kurz darauf Pfarrer Thomas Richter die Gäste: „Wir sind heute hier zusammengekommen, um uns zu erinnern und eben nicht zu vergessen, was heute vor 79 Jahren in unserem Land und auch in unserer Stadt geschehen ist“, so der Geistliche, der anschließend die Frage stellte, warum so viele Menschen damals dem Treiben der Nazis zugesehen und sich sogar beteiligt hätten.

„Nach fünf Jahren Naziherrschaft musste den Deutschen doch bewusst geworden sein, dass Adolf Hitler nicht die Rettung ist. Doch wie hätten wir als Nachbarn jüdischer Mitmenschen gehandelt?“, so die Frage. Auch 79 Jahre nach der Reichspogromnacht sei es Verpflichtung, sich zu vergegenwärtigen, wozu Menschen fähig seien. Einen Schlussstrich könne es niemals geben. „Weder im Hinblick auf die Geschichte unseres Landes noch des eigenen Lebens“, schloss Thomas Richter.

Helfer haben tausende Leben gerettet

Wolfgang Theiler betonte, wie gut es sei, dass die Sensibilität in Sachen Erinnerung an die unfassbaren Naziverbrechen in Deutschland nach wie vor relativ gut sei. Diese wachzuhalten, sei jedoch mit Engagement verbunden. „Jede Generation muss aufs Neue an die Erinnerung herangeführt werden“, erklärte der Pfarrer.

Die Aufgabe der Erinnerung sei eine Erbschaft aus der jüdischen Lehre. Dass diese in Nazi-Deutschland nichts mehr wert war, machte Wolfgang Theiler deutlich, als er eine Trommel unbekannter Herkunft zeigte, deren Innenleben mit Schriften aus der Thora, der Heiligen Schrift des Judentums, ausgelegt war. Offensichtlich war die Bestimmung, auf diese Schriften einzuschlagen. „Doch wenn nichts mehr heilig ist, sind Menschenleben in Gefahr.“

Dass es möglich gewesen sei, auch zwischen 1933 und 1945 menschlich zu handeln, zeige die durchaus beträchtliche Zahl „unbesungener“ Helfer, die tausende Leben gerettet hätten. „Sie handelten als stille Sachwalter der Geächteten“, wie Wolfgang Theiler am Beispiel der Berliner Näherin Wanda Feuerherm zeigte, die die Jüdin Gerda Segal versteckte und ihr so das Leben rettete.

„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind“, zitierte der Redner ein jüdisches Sprichwort. Uns allen müsse klar sein, dass wir auch Opfer oder Täter hätten sein können. „Denn wir als Menschen von heute sind nicht von Natur aus besser. Wir könnten es aber besser wissen!“, so

Wolfgang Theiler, der seine Ansprache mit der Aufforderung „Sei Mensch unter Menschen“ beendete. „Wer, wenn nicht du? Wann, wenn nicht jetzt?“, lauteten die abschließenden Fragen. Musikalisch gestaltet wurde die Gedenkstunde, die ihren Abschluss mit dem Besuch des jüdischen Friedhofs fand, von Andrea Tijmes-Schaper (Geige) und Friedhelm Lutzer (Akkordeon).

(ran)
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