Eschweiler: Galerie „Art Engert“: Emotionsgeladene Werke von Guerrero Medina

Eschweiler : Galerie „Art Engert“: Emotionsgeladene Werke von Guerrero Medina

Für Kunstexperten zählt José Maria Guerrero Medina zu den wichtigsten Malern Spaniens. Im Januar 2011 präsentierte die Galerie „Art Engert“ im Rahmen einer Ausstellung in der Röher Parkklinik dessen Bilderzyklus „Exilio“. Emotionsgeladene Werke, die Guerrero Medina im Jahr 2009 angefertigt hatte.

70 Jahre nach der „Flucht der Katalanen“ im Bürgerkriegswinter 1938/39, die rund 450.000 Menschen über die Pyrenäen nach Frankreich führte und unsägliches Leid verursachte. Auslöser dieser Fluchtbewegungen waren unter anderem die Bombardierungen Barcelonas der von Nazi-Deutschland und Italien unterstützten Franco-Truppen, denen tausende Menschen zum Opfer fielen.

Die aktuellen politischen Ereignisse in Spanien und im speziellen in Katalonien, aber auch die vielen Millionen Menschen, die sich weltweit auf der Flucht befinden, lassen das Thema nun wieder aktueller denn je erscheinen. Unter den Überschriften „Vom Kreislauf der Geschichte“ sowie „Typisch Mensch“ brachte Dr. Wolfgang Hagemann, Ärztlicher Direktor der Röher Parkklinik, am Freitagabend seinen Zuhörern in der Galerie „Art Engert“ anhand von Bildern von Guerrero Medina Erkenntnisse aus der Psychotraumaforschung näher und machte dabei deutlich, was Flucht und Vertreibung in Menschen anrichtet.

„Menschliches Verhalten“

„Ursprünglich hatten wir uns mit dem Gedanken befasst, auf Grund der politischen Entwicklungen in Spanien, Europa und weltweit, die Werke von Guerrero Medina nochmals im Rahmen einer Ausstellung zu zeigen. Doch diese Bilder sind inzwischen in spanischen und südfranzösischen Museen zu sehen und nicht mehr verfügbar“, erklärte Galeristin Anita Engert zu Beginn des Abends. Zum Glück habe aber ein Sammler Tusche-Zeichnungen der Arbeiten Guerrero Medinas zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus werde Dr. Wolfgang Hagemann als „Erklärer menschlichen Verhaltens“ auftreten.

„Ein Künstler, der sich so intensiv mit einem Trauma befasst, wie es José Maria Medina Guerrero tut, läuft Gefahr, ein sogenanntes Sekundär-Trauma zu erleiden“, betonte Dr. Wolfgang Hagemann. Der 75-jährige Südeuropäer, der von seinem Freund, dem 2003 verstorbenen Schriftsteller Manuel Vasquez Montalban, als „einzigartiger Einzelgänger, der sich vollständig der Malerei verschrieben hat“ beschrieben wurde, lege eine faszinierende Ausdruckskraft in die Gesichter seiner Bilderserie. „Guerrero Medina lässt die Verzweiflung und Tragik, die Flucht und Vertreibung unabdingbar mit sich bringen, spürbar werden und lässt den Betrachter den Eindruck gewinnen, er müsse jedem Menschen, den er abgebildet hat, persönlich ins Gesicht geschaut haben“, so Hagemann.

Menschen würden durch Flucht traumatisiert. Sie bedürften der Anerkennung. Verweigere man ihnen diese, sei ein zweites Trauma programmiert. Der Künstler mahne. Er zolle den Opfern von Vertreibung Anerkennung und unterstütze diese dadurch bei der Traumaverarbeitung. „Menschen, die einen vollständigen Kontrollverlust innerhalb einer Gefahrenzone erleben, haben drei Möglichkeiten zu reagieren: Sie erstarren, kämpfen oder flüchten!“

In der Extremsituation verändere das Mittelhirn als Emotionszentrum des Menschen die Aktivitäten des neurobiologischen Systems. „Traumata sind körperlich nachweisbar“, unterstrich der Mediziner. Und: „Unser Emotionszentrum ist stärker ausgeprägt als unser Denksystem.“ Ein Trauma verursache im menschlichen Gehirn quasi einen Riss in der hochkomplexen Informationsstruktur individueller Neuronennetzwerke. Dieser vernarbe und heile unter günstigen Bedingungen, bleibe aber eine für Rückschläge anfällige Schwachstelle.

Gefärbt mit den Ängsten

Guerrero Medina erkenne und sehe diese Traumata mit seinem nach innen gerichteten „dritten Auge“, färbe seine emotionalen Bilder mit seinen Ängsten und bringe diese zu Papier. „Viele Menschen in Deutschland schauen ausschließlich darauf, was wir nicht schaffen“, kritisierte Dr. Wolfgang Hagemann. „Wir sprechen von Flüchtlingen, nicht von Menschen. Wir verallgemeinern mit einem Sammelbegriff und sprechen die Menschen nicht mit ihren Namen an.“

Anita Engert beendete die Veranstaltung mit den Worten: „Kunst ist Aussage. Es ist ein Geschenk, wenn Künstler uns den Spiegel vorhalten!“

(ran)
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