Eschweiler: Für diese Frauen ist ein Ölwechsel kein Problem

Eschweiler: Für diese Frauen ist ein Ölwechsel kein Problem

Der Geruch von Benzin liegt in der Luft, ölverschmierte Hände schrauben präzise die letzten Muttern fest, das Werkstatttor ist auf und sorgt für reichlich Frischluft. Und zwar Anfang Dezember. So sieht, ganz dem Klischee folgend, ein typischer Arbeitsplatz für Männer aus.

Kfz-Mechaniker, der Traumberuf ungezählter Jungs, wenn das Ziel Astronaut und Lokomotivführer ad acta gelegt wurde. An diesem Morgen jedoch haben Saniye Kol und einige andere muslimische Frauen den Schraubschlüssel in der Hand. Und sie stellen sich geschickter an als viele Männer.

Reifendruck prüfen, Radwechsel, Fremdstarten, Ölstand messen - für die Damen kein Problem. Kein Wunder, schließlich nehmen sie seit Wochen am Projekt „Starke Frauen rund ums Auto” teil.

Im Rahmen des vom Europäischen Sozialfonds geförderten Bundesprogramms „Stärken vor Ort” sollen kleine lokale Initiativen umgesetzt werden, die vor allem ein Ziel haben: junge Menschen sowie Frauen beim Einstieg oder Wiedereinstieg ins Erwerbsleben zu unterstützen. Eschweiler ist mit einer Vielzahl von Mikroprojekten dabei. So wie an diesem Morgen in der Autowerkstatt Gerhards.

Dort, an der Wasserwiese, trafen vor einigen Wochen erstmals wirkliche Welten aufeinander. Nicht ganz frei von Vorurteilen sei er gewesen, gibt Juniorchef Holger Gerhards zu. „Viele Leute denken: Nur Männer interessieren sich wirklich für Autos, Frauen schauen beim Pkw-Kauf lediglich auf die Farbe”, bringt es Annette Groneberg von der gemeinnützigen Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft mbH Low-tec auf den Punkt. Doch schon als der 30-jährige Betriebsleiter per E-Mail den Fragen-Katalog der elf türkischen und marokkanischen Frauen zugeschickt bekam, habe er „Bauklötze gestaunt.”

„Ich war echt platt, was die Frauen alles rund ums Auto wissen wollten”, entwickelte Holger Gerhards sogleich einen kleinen Aufgabenbogen. Beim ersten Treffen ging´s dann zunächst um die Theorie, bevor im zweiten Schritt die „Drecksarbeit” in der Werkstatt auf dem Unterrichtsplan stand. Insgesamt vier Mal waren die muslimischen Frauen im Alter von 20 bis 44 Jahren bisher bei ihm. Ölwechsel? Kein Problem!

„Die Frauen haben hier unheimlich viel Selbstbewusstsein getankt”, freut sich Saniye Kol über den Erfolg des Projekts. Sie hat nicht nur mitgeholfen, dass Ganze ins Rollen zu bringen, sondern fungiert vor Ort auch als Dolmetscherin. Denn nicht alle Frauen, die Stärke am Auto zeigen, sind der deutschen Sprache so mächtig, dass sie die Fachwörter in einer Werkstatt verstehen.

Trotzdem ist das Erlernte unglaublich wichtig, zum einen im persönlichen Alltag, aber auch bei der Suche nach einem Job. Mobilität und der Beweis, technisches Verständnis zu besitzen, sind Qualifikationen und Voraussetzungen, die auf dem Arbeitsmarkt gesucht werden.

Zusätzlich helfen Frauen wie Saniye Kol und ihre Mitstreiterinnen mit, Vorurteile zwischen den Geschlechtern aber ebenso zwischen den unterschiedlichen Kulturen abzubauen. Eine Win-Win-Situation würde man Neudeutsch wohl sagen.

Auch an diesem Morgen zeigen die fröhlichen Gesichter beim gemeinsamen Blick in den Motorraum allesamt ein Gewinnerlächeln. „Der Wissensdurst der Frauen war atemberaubend”, kommt Holger Gerhards aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus. Der Profi hat Feuer gefangen. Beim Fahrsicherheitstraining auf dem Drieschplatz, bei dem auch die Fahrschule Franken mitwirkt, ist er ebenfalls dabei. „Es war der Knaller!”, zieht Gerhards auch für sich wertvolle Erfahrungen.