Faktor x: Stadt entkräftet Bedenken gegen Siedlung

Faktor-x-Siedlung am Vöckelsberg : Auf der Suche nach Gegenargumenten

Die Proteste von Anwohnern der Königsberger Straße gegen das geplante Baugebiet „Westlich Vöckelsberg“ war am Mittwoch Thema im Stadtrat. Der Technische Beigeordnete Hermann Gödde nahm eine halbe Stunde lang zu den Bedenken einer Initiative „Kritische Bürger für Eschweiler“ Stellung.

Sie spricht für rund 70 Anwohner aus dem Viertel. Gödde sicherte zu, dass deren Argumente im Verfahren für den Bebauungsplan mit behandelt werden.

Das obere Ende der Königsberger Straße im Nordosten der Innenstadt ist ein beschauliches, ruhiges Wohngebiet. Hinter den letzten Einfamilienhäusern breiten sich Äcker aus, der Blick geht über eine Senke hin zum Wäldchen am Vöckelsberg. Die nur wenige hundert Meter entfernte Autobahn 4 ist kaum zu ahnen. Um dieses Idyll fürchten Anwohner. Denn dort, wo bisher Zuckerrüben angebaut werden, soll ab 2019 eine weitere Faktor-X-Siedlung gebaut werden, mit bis zu 50 Wohneinheiten. Das 3,1 Hektar große Gelände wird von einer Verlängerung der Preyerstraße aus erschlossen.

Faktor x steht für nachhaltigen Wohnungsbau mit Recyclebeton und viel Holz. In Dürwiß entsteht bereits eine solche Siedlung. Das Interesse von Familien, die sich auf diese Art ein Eigenheim bauen wollen, ist groß. Das Grundstück, das zur Faktor-X-Siedlung werden soll, ist seit 2009 im Flächennutzungsplan als Wohnbaufläche ausgewiesen. Auch vorher sei klar gewesen, dass hinter den jetzigen Wohnhäusern eine weitere Bebauung möglich sei, berichtete Hermann Gödde den Ratsmitgliedern und den vielen Besuchern der Ratssitzung. Er wies auf die Möglichkeit für Bürger hin, sich an der Planung zu beteiligen. Die Frist dafür läuft noch bis zum 11. November.

In ihrer langen Liste von Fragen weist die Initiative unter anderem auf die unterirdische Kerosinleitung hin, die parallel zur Autobahn verläuft. Ob denn der Schutzabstand zu der NATO-Pipeline ausreichend sei? Der Eigentümer der Leitung, so die Antwort, werde selbstverständlich in dem Planverfahren beteiligt. Aber eigentlich sei das schon beim Flächennutzungsplan 2009 geklärt worden – der Abstand reicht aus. Wie groß genau dieser Abstand sein müsste, sagt der Baudezernent nicht: „Es handelt sich um eine militärische Leitung, Informationen darüber liegen nicht vor.“

Die protestierenden Anwohner haben eine Fülle von Gründen gegen ein Wohngebiet hinter ihren Häusern zusammengesucht: Naturschutz, Umweltschutz, mögliche Anliegerkosten, Baustellenverkehr, Anwohnerverkehr, sichere Schulwege, Entwässerung des Geländes. Baudezernent Gödde beantwortete den Fragenkatalog ausführlich und betont sachlich. Einige der Bedenken konnte er zerstreuen. Etwa die Frage nach möglichen Anliegerkosten für die Eigentümer der beiden Häuser, zwischen denen die Straße ins Neubaugebiet führen wird: Nein, keine Anliegerkosten. Auch die Vermutung, durch die Entwässerung würden den Anwohnern ringsum Kosten durch neue Kanäle entstehen, wies Gödde zurück. Im Abwasserbeseitigungskonzept steht zwar die Sanierung der Kanalisation in mehreren Straßen des Viertels an, darunter auch in der Königsberger Straße und in der Danziger Straße. Dies aber unabhängig vom Neubaugebiet. Außerdem wird Kanalsanierung nicht auf die Anwohner umgelegt.

In Sachen Naturschutz wünschen sich die „Kritischen Bürger“ die Umwandlung in ein Naturschutzgebiet und beklagen den Verlust eines Feuchtgebietes auf dem Baugelände: „Wohin mit den Fröschen und Fischreihern, wenn diese Feuchtgebiete verschwinden?“ Bei dem angeblichen Feuchtgebiet handelt es sich allerdings nur um die tiefste Stelle einer Ackerfläche, die nach starken Regenfällen mit Wasser angefüllt ist. Sie wird ansonsten für den Ackerbau genutzt. Derzeit wachsen dort Zuckerrüben. Und überhaupt ist das gesamte künftige Neubaugebiet nur eine Ackerfläche ohne Baum und Strauch. Wildtiere leben dort nicht, für die gibt es den nahen Wald auf dem Vöckelsberg. Von Bestrebungen, diese Flächen zum Naturschutzgebiet zu erklären, sei ihm nichts bekannt, berichtete Gödde trocken. Aber natürlich werde es eine Artenschutzprüfung geben, und Ausgleichsflächen auf dem Gelände zur Autobahn hin, denn „jede Bebauung bringt Verlust von Lebensraum für die heimische Tierwelt“. Allerdings brauche Eschweiler neue Wohngebiete, denn die Bevölkerung wächst. Da müsse man abwägen.

Den von den Anliegern erwarteten zusätzlichen Autoverkehr wird es allerdings geben. Zwar nicht die befürchteten 2000 Fahrten täglich, sondern nach Ansicht der Verkehrsplaner höchstens 700. Doch so ruhig, wie es in der bisherigen Sackgasse am Ende der Königsberger Straße ist, wird es in zwei, drei Jahren nicht mehr sein, bei 50 neuen Wohnungen. Auch mit dem heftig beklagten Baustellenverkehr in das Neubaugebiet werden die Anwohner eine Zeit lang leben müssen. An dieser Stelle konnte der Dezernent sich doch einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen: „Auch der Bau der jetzt dort stehenden Wohnhäuser ging mit solchen Belastungen einher.“

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