Eschweiler: Fachkräftemangel auch in der Physiotherapie angekommen

Eschweiler : Fachkräftemangel auch in der Physiotherapie angekommen

Eine falsche Bewegung und der Schmerz sticht ins Mark. Wer dieses Gefühl kennt, weiß, wie schnell man es wieder loswerden will. Die erste Maßnahme ist dann oft der Weg zum Orthopäden, der einen wiederum zum Physiotherapeuten schickt. So schnell man auch reagiert, die Wartezeit verkürzt es nicht — und die ist häufig lang.

„Es muss nur ein Kollege im Urlaub sein, schon kann es bis zu 14 Tagen dauern, bis ein Termin frei wird“, sagt Kevin Marso. Der 28-Jährige arbeitet seit vier Jahren als Physiotherapeut im sechsköpfigen Team einer Praxis in Eschweiler. Lange Wartezeiten sind nur eines der vielen Probleme, die dem jungen Therapeuten immer wieder im Hinterkopf herumschwirren. Dabei könnte es sein Traumjob sein.

Eng getakteter Zeitplan

Doch momentan läuft in der Physiotherapie längst nicht alles rund. Der Fachkräftemangel ist auch in diesem Beruf angekommen. Und zwar bundesweit, wie eine Engpassanalyse der Arbeitsagentur zeigt. Darin heißt es: „Die Stellen in der Physiotherapie sind im Durchschnitt 157 Tage vakant und bleiben damit 47 Prozent länger als im bundesweiten Durchschnitt nicht besetzt.“ Gleich mehrere Ursachen kommen zusammen: Zum einen steige der Bedarf an Therapie, erklärt Ute Merz, Pressesprecherin des Verbandes deutscher Physiotherapeuten (ZVK). Zum anderen nehme die Zahl der Berufsaussteiger zu, die der Schüler gehe dagegen weiter zurück.

Die Situation spitzt sich zu. Für Physiotherapeuten wie Kevin Marso wird der Zeitplan immer enger. Eigentlich ist jede Minute verplant, erklärt Marso. Bei der üblichen Krankengymnastik, die der Arzt verschreibt, stehen dem Patienten pro Sitzung 15 Minuten zu. Keine Minute mehr, keine Minute weniger. In dieser Zeit müssen die Physiotherapeuten das Rezept bis ins kleinste Detail überprüfen, möglicherweise Fehler der Ärzte noch korrigieren, den Patienten behandeln, einen Therapieplan erarbeiten und die Sitzung anschließend dokumentieren.

Kein Wunder, dass sich manch ein Patient abgefertigt fühlt, sagt Kevin Marso. „Die Zeit reicht vorne und hinten nicht.“ Das sei oft ein unbefriedigendes Gefühl, weil man in so kurzer Zeit wenig Therapieerfolg erzielen könne. Vor allem bei älteren Menschen werde es zeitlich noch knapper, da sie schon fürs An- und Ausziehen eine gewisse Zeit benötigen. „Ohne Überstunden können wir keine vernünftige Versorgung gewährleisten“, sagt Marso. „Das Gesundheitswesen wird kaputtgespart. Das macht mich sauer.“

In vielen Physiopraxen wie auch der, in der Marso arbeitet, ist es daher mittlerweile üblich, dass fünf Minuten mehr pro Sitzung eingeplant werden. Sozusagen als Bonus, der allerdings nicht von den Krankenkassen bezahlt wird. Alles, was die Therapeuten über die verschriebene Sitzungszeit hinausmachen, also auch Vor- und Nachbereitung am Morgen und Abend, bleibt unvergütet. Für 15 Minuten Therapie gibt es etwa 20 Euro. Davon fällt ein Teil für Strom und Miete der Praxisräume ab. Für die Therapeuten selbst bleibt wenig über.

Wie der Verband deutscher Physiotherapeuten mitteilt, liegt das durchschnittliche Bruttogehalt eines Physiotherapeuten bundesweit bei 2107 Euro im Monat. Und das für einen Beruf, der direkten Einfluss auf die Gesundheit hat und viel medizinisches Wissen abverlangt. „Da fühlt man sich wenig wertgeschätzt“, sagt Marso. „Ohne uns würde es mehr Kranke, Verletzte und Rückenleidende geben.“

Hinzu kommen die enormen Investitionskosten für eine Ausbildung. Denn anders als bei anderen Lehrberufen bekommt man keine Vergütung, sondern zahlt monatlich 400 Euro Schulgeld aus eigener Tasche. Das sind insgesamt 15.000 Euro über drei Jahre, die ein Schulabgänger in die Hand nehmen muss, um Physiotherapeut zu werden. Manch einer, der keine Unterstützung aus dem Elternhaus bekommt, muss einen Kredit aufnehmen — und mit Schulden in die Arbeitswelt.

„Für junge Physiotherapeuten ist das eine große Belastung. Es macht den Beruf extrem unattraktiv“, erklärt Merz vom Verband deutscher Physiotherapeuten. Und über die Ausbildungskosten hinaus müsse man noch in Weiterbildungen investieren, um für den Berufsalltag gewappnet zu sein. Dafür können zusätzlich mehrere Tausend Euro anfallen. Beispielsweise kostet die Weiterbildung Manuelle Therapie, die zum Standardrepertoire eines Physiotherapeuten gehört, etwa 3000 bis 4000 Euro.

„Wenn man sich dann anschaut, was Freunde, die eine andere Ausbildung machen, verdienen, ist das schon mies“, sagt Marso. Der 28-Jährige hat seine Ausbildung an der Physiotherapieschule in Würselen absolviert, die seit 2017 eine der wenigen gebührenfreien Ausbildungsstätten ist. Marso wurde damals bei der Finanzierung von seinen Eltern unterstützt, suchte sich aber noch einen Nebenjob, um zumindest etwas Taschengeld zu haben. Viele schreckt diese Ausbildungssituation ab.

Die Folge? Weniger Nachwuchs, längere Wartezeiten. Und damit ergibt sich das nächste Problem: Die Krankenkasse schreibt nämlich vor, dass maximal 14 Tage Unterbrechung zwischen den Behandlungen eines Patienten liegen dürfen, um den Therapiestand aufrechtzuerhalten.

Lange kann dieses System nicht mehr so bestehen, ist sich Kevin Marso sicher. „Das Ausmaß will ich gar nicht kennen.“ Man müsse sich gut überlegen, ob man diesen Beruf ausüben möchte. „Befreundete Physios hatten mich vorgewarnt: ,Du musst wissen, worauf du dich einlässt.‘“, erinnert er sich. Das hat ihn aber nicht abgehalten: Die Verbindung aus Sport und der Arbeit mit Menschen hat ihn überzeugt. Zudem gefiel ihm die medizinische Seite des Berufs. Mittlerweile denkt er darüber nach, sich ein zweites Standbein aufzubauen im privaten Sektor.

Hoffnung hat Marso aber immer noch. Er wünscht sich vor allem von den Berufsverbänden mehr Zusammenarbeit für eine größere Stimmgewalt. Dass daran gearbeitet wird, zeigt der geplante Therapiegipfel in Berlin, der erstmalig am 27. September veranstaltet wird. Der Spitzenverband der Heilmittelverbände ruft dabei zur politischen Diskussion auf, unter anderem wird Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu Gast sein. Gefordert werden höhere Vergütungen, die Akademisierung des Berufes, Direktzugang zu Patienten und kostenfreie Ausbildung.

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