Eschweler Raphael Kamp legt sein Buch "Grenzenlos" vor

Unterwegs in eine grenzenlose Welt : Eschweiler Migrationswissenschaftler fordert offene Grenzen

Wer Migration in den Griff bekommen will, der muss die Grenzen öffnen. Zu diesem provokanten Schluss kommt Raphael Kamp in seinem Buch „Grenzenlos“, das der junge Wissenschaftler gerade im Eigenverlag herausgegeben hat.

Ein Werk, das dazu anregen soll, „Migration neu zu denken“, wie Kamp sagt. Der 28-Jährige weiß, wovon er spricht und schreibt. Nach dem Abi 2011 am Städtischen Gymnasium Eschweiler absolvierte er ein Freiwilliges Soziales Jahr im Haus St. Josef, arbeitete u.a. in einer traumapädagogischen Intensivgruppe; ein Job, dem er auch nach dem Jahr treu blieb, als er an der Uni Maastricht European Studies bis zum Bachelor belegte. Dem folgte ein Masterstudium an der Uni Maastricht und der ebenfalls in Maastricht beheimateten Uni der Vereinten Nationen Public Policy and Human Development mit dem Schwerpunkt Migrationsstudien.

„Mein Bild, das ich vor dem Studium hatte, und das, mit dem ich aus dem Studium rauskam, waren zwei völlig verschiedene Dinge“, erzählt Raphael kamp. „Das hat mich veranlasst, dieses Buch zu schreiben.“ Im Vorwort zu „Grenzenlos“ heißt es entsprechend: „Vergessen Sie allesm, was Sie meinen, über Migration zu wissen. Im Laufe dieses Buches werden Sie sehen, warum.“

Im Laufe eines Buches, in dem Kamp auf 191 Seizen mit Vorurteilen aufräumt. Zweieinhalb Jahre lang hat der Indestädter, der seit 2016 als Quartiermanager in West tätig ist, zum Thema recherchiert und geschrieben.  Dass er dabei zu der Erkenntnis gelangt ist, dass Migration seit jeher ein natürliches Verhaltren der Menschen in aller Welt ist und Deutschland entgegen manch anderer Behauptung selbstverständlich ein Einwanderungsland ist, ist nicht verwunderlich. Kamp räumt aber auch auf mit der Behauptung, dass es das deutsche Sozialsystem ist, vom dem Migranten sich angezogen fühlen: Denn die Sozialleistungen der Niederlande, Frankreichs, Österreichs und Skandinaviens seien mit den deutschen durchaus vegleichbar.

„Versuchen Sie doch einmlal, sich bei (noch) 28 Mitgliedsstaaten die folgenden Leistungen in sämtlichen Sprachen auf Ihre Situation zugeschnitten zu errechnen und zu vergleichen: Steuern, Sozialabgaben, Mutterschafts- und Familienleistungen, Kranken- und Pflegeversicherungen, Arbeitslosenversicherung, Leistungen für Hinterbliebene, Behinderte und Invaliden, Kindergeld, Wohngeld, Rentenversicherung... Sie merken, es wird schwierig. Für die meisten Menschen ist bereits das System des Heimatstaates schwer zu durchblicken. Wenn Sie aber ein kurdischer Analphabet im Norden Syriens sind, über keine Internetverbindung verfügen und keine einzige EU-Sprache sprechen, wünsche ich Ihnen viel Erfolg.“ Unmöglich, auf diesem Weg eine Entscheidung über ein Zielland zu treffen.

Zu arm für die Flucht

Eine glatte Lüge sei auch, das der Klimawandel zu steigenden Flüchtlingszahlen in Europa führe, betont Kamp. Wer vor der Dürre fliehe (etwa aus Zentralafrika), der habe nicht das Geld, seiner Familie eine Flucht nach Europa zu ernöglichen, und suche sein Auskommen in einer der umliegenden Großstädte. Der Großteil der Vertriebenen verlase sein Heimatland nicht. Von aktuell 68,5 Millionen Vertriebenen bleiben 40 Millionen in ihrem Heimatstaat. Und: In den letzten etwa 50 Jahren habe der prozentuale Anteil der Migranten an der Weltbevölkerung stetig abgenommen.

„Es gibt genügend Gründe, weshalb Menschen eben nicht auswandern“, sagt Kamp. „Familie zum Beispiel, aber auch mangelnde Arbeitsmöglichkreiten im möglichen Zielland.“

Dass aus den afrikanischen Ländern „Armutsflüchtlinge“ nach Europa kommen, weist Kamp ebenfalls zurück: „Die Ärmsten der Armen verfügen schlichtweg nicht über die Ressourcen zu einer solchen Reise. Hungernde Einwohner des Tschad haben keine 2000 Dollar zur Reise nach Europa auf der hohen Kante. Es sind vielmehr die Menschen, die über gewisse Einnahmen verfügen, aber im Land selber keine Perspektiven für sich sehen.“

Europa steht vor großen Problemen, weiß Kamp. Die Nationalstaaten schaffen es nicht, sich abzuschotten; die Zahl der Geduldeten, die nicht abgeschoben werden können, steigt und belastet die Sozialsysteme. Was tun mit den Leuten? „Die dürfen nicht arbeiten, haben keine Zukunftsperspektive, werden in Schwarzarbeit und Kriminalität getrieben.“

Raphael Kamps provokante Lösung: „Macht die Grenzen auf!“ Unter gewissen Kriteruien, über die diskutiert werden müsse: Wer kommt, musse über Geld verfügen, müsse arbeiten, dürfe keine kriminrelle Vergangenheit haben und dürfe nicht von unseren Sozialsystemen getragen werden. „Wer Arbeit hat – okay. Wer nicht, muss wieder gehen!“ Dass Flüchtlinge bzw. Vertriebene, die legal einreisen, die Zeit der Jobsuche mit eigenen Mitteln überbrücken müssten, sieht Kamp nicht als Problem: „Die bezahlen bisher ja auch Tausende an Schlepper und Schleuser.“

Einen anderen Vorteil offener Grenzen macht Kamp am Beispiel der USA deutlich: Dort schwankte die Zahl der MIgranten bislang analog zur Wirtschaftslage. In wirtschaftsschwachen Zeiten gingen viele zurück in ihre Heimatländer, um später, bei besserer Konjunktur, wieder einzureisen. „Wenn Trump jetzt da seine Mauer hinsetzt, wird jeder in den USA bleiben und die Sozialsysteme belasten, weil er nicht sicher sein kann, dass er  später noch einmal zurückkehren kann.“

Blutwurst oder Veggie-Schnitzel?

Deutschland sei immer ein Einwanderungsland gewesen, weist Kamp Befürchtungen einer „Überfremdung“ zurück. „Die Ideologie aus dem 19. Jahrhundert hat mit der Realität des 21. Jahrhunderts nichts mehr zu tun“, betont er. „Was ist denn überhaupt die deutsche Kultur? Ist es die Blutwurst oder das Veggie-Schnitzel? Das Oktoberfest oder der Karneval? Ist es die Rückbesinnung auf christliche Werte? Wenn ja, protestantische oder katholische?“ Solange wir an die Idee und die Identität des Nationalismus glauben, sagt Kamp, „sind wir keine Europäer, keine Weltbürger, stört jeder Einwanderer unser Weltbild des Nationalstaats. Jeder Ausländer stellt eine potentielle Bedrohung dar. Wie kann eine heterogene Gesellschaft in Zeiten der Globalisierung überhaupt möglich sein, wenn die Schubladen, in die Menschen gesteckt werden, immer noch in unseren Köpfen verharren?“

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