Zu reich, um wahr zu sein: Eschweilerin in den USA wegen Betrugs vor Gericht

Zu reich, um wahr zu sein : Eschweilerin in den USA wegen Betrugs vor Gericht

In aller Ruhe soll Anna S. einen Hundert-Dollar-Schein nach dem anderen auf den Tresen gelegt haben. So lange, bis die Empfangsdame sich dazu entschied, andere Kunden warten zu lassen und die hübsche junge Frau mit den rötlich-blonden Haaren und den vollen Lippen, kaum älter als sie selbst, zuerst zu bedienen.

Sie seien Freunde geworden, sagt die Empfangsdame später im Interview mit einem amerikanischen Magazin. Annas übertrieben großzügiges Trinkgeld habe sie aber weiterhin angenommen.

In New York muss sich derzeit eine junge Frau vor Gericht verantworten, die in Eschweiler ihr Abitur gemacht hat und sich selbst Anna Delvey nennt. Die 27-Jährige soll Hotels, Banken und Freunde sowie eine englische Firma um insgesamt 275.000 US-Dollar betrogen haben. Wie? Indem sie sich als Tochter eines reichen deutschen Unternehmers ausgab, Dokumente fälschte und mit Geldscheinen regelrecht um sich warf. Anna S. gab an, bald 60 Millionen zu erben, flog Erste Klasse, veranstaltete Soireen in den besten Restaurants, lebte in edlen Hotelsuiten und zahlte dabei kaum eine Rechnung. Im Oktober 2017 wurde sie schließlich verhaftet.

Netflix plant Verfilmung

Seit Anna S. wegen des Vorwurfs des schweren Diebstahls, der Leistungserschleichung und anderer Vergehen in Untersuchungshaft sitzt, empört sich einerseits die gehobene New Yorker Gesellschaft über das „Möchtegern-It-Girl“. Andererseits wird Anna S. gleichzeitig in vielen Sozialen Netzwerken gefeiert. Als Robin Hood wird sie betitelt, als Inkarnation der Oceans 8, einer Warner Brothers Verfilmung über eine Gruppe krimineller Frauen, die einen Raubzug auf der Met Gala in New York planen.

Anna S. gilt nun für manche als ein Idol, das die oberflächliche und prätentiöse Welt der gehobenen New Yorker Gesellschaft mit ihren eigenen Waffen geschlagen hat. Und weil Betrugsstorys offenbar ein Verkaufsschlager sind, hat der Seriengigant Netflix ihre Geschichte gekauft. Der Skandal um Anna S., die sich in New York unter einem anderen Namen vorstellte und sich in die Welt der Superreichen einschlich, soll verfilmt werden. Um das Drehbuch soll sich Shonda Rhimes kümmern, die auch hinter der erfolgreichen „Grey‘s Anatomy“-Serie steckt.

Inspiriert vom Soho House

Vor ihrer Inhaftierung erzählte Anna S. Freunden und Geschäftsleuten sie wolle eine Art Kunst-Club aufbauen, mit Niederlassungen in den großen Metropolen. Dafür wolle sie in New York ein Gebäude mieten und dort moderne Künstler und Kunstfreunde zusammenbringen. Inspiriert sei die selbsternannte Millionenerbin vom Soho House, einem englischen Privatclub für Kunstschaffende, mit Niederlassungen auf der ganzen Welt. Für dieses Projekt suchte sie Investoren und beauftragte einen Londoner Designer damit, ein entsprechendes Logo und Profil für ihre Stiftung zu entwerfen. Die Rechnung zahlte sie nicht, was die Designfirma fast in den Bankrott führte. Noch immer beteuert Anna S. vor Gericht, dass ihre Ambitionen ernst und ehrlich gemeint waren — und noch immer seien.

Die Familie von Anna S. zog 2007 von Russland nach Deutschland. Obwohl die Familie in eher bescheidenen Verhältnissen lebte, galt sie nach außen hin dennoch als überdurchschnittlich gut betucht. Das zumindest geben zwei ehemalige Mitschüler an. An mehrere Millionen wollen aber beide nicht so recht glauben. In der Schule sei Anna S. nicht besonders motiviert gewesen. „Auffällig ruhig. Gegenüber Lehrern und auch gegenüber ihren Mitschülern“, erinnert sich ein Klassenkamerad, der sie aber nicht besonders gut gekannt haben will.

„Ich habe sie immer sehr für ihre Intelligenz bewundert“, erinnert sich eine ehemalige Klassenkameradin, die bis vor wenigen Jahren noch regelmäßig Kontakt zu ihr hatte. Anna S. soll sprachbegabt gewesen sein und trotz russischer Wurzeln gut Deutsch gesprochen haben.

Nach ihrem Abitur studiert Anna S. ein Semester in England, bricht ab und macht ein Praktikum bei einem französischen Modemagazin in Paris. In London und Paris arbeitet sie bereits intensiv an einem ausgeprägten Instagram-Profil mit namhaften Menschen der internationalen Modeszene.

„Es war klar, dass sie nicht in der Region Aachen bleiben würde“

Sie habe oft von der großen weiten Welt geschwärmt, erinnert sich die Schulfreundin. „Es war klar, dass sie nicht in der Region Aachen bleiben, sondern in den großen Metropolen leben würde.“ Auch sei Anna S. immer offen und ehrlich gewesen. „Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, wie der Mensch, an den ich mich erinnere, mit der Frau zusammenpassen soll, die jetzt in den amerikanischen Medien beschrieben wird“, sagt die ehemalige Schulfreundin. Vielleicht habe Anna die Realität aus den Augen verloren; bei ihrem Praktikum in Paris soll sie Models und Shootings für Fashion-Weeks in der ganzen Welt organisiert haben. Zumindest habe Anna S. das erzählt. „Wenn man immer mit reichen und berühmten Menschen Zeit verbringt, verliert man vielleicht den Bezug zum Geld, den Boden unter den Füßen.“

Zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung wird sie mehr als 40.000 Follower haben. Anna S. ist außerdem auf den Partys erfolgreicher Start-ups zu finden, auf Events von Künstlern und Berühmtheiten. Und wenn sie selbst zum Essen lädt, dann kommen Geschäftsführer, Künstler und Stars. Bald gilt sie als neues Sternchen am Himmel der New Yorker Szene. Niemand stellt infrage wo sie herkommt, woher sie das Geld hat, um 100-Dollar-Trinkgeld zu geben — oder warum sie ihre Flüge und Hotels von Freunden buchen lässt.

Das Absurde dabei: 2000 bis 3000 Dollar zahlt ein Galerist Anna S. für ihren Besuch der Biennale in Venedig, für einen Flug in der Ersten Klasse und ein Hotelzimmer. Anschließend will er die Schuldsumme einfach vergessen haben. Es sei ja nicht so viel Geld, sagt er in einem Interview. In dieser undurchdringbar erscheinenden Welt der Superreichen bewegte sich Anna S., als sei es ihre natürliche Umgebung.

Als eines der Hotels beschließt, gegen die heute 27-Jährige vorzugehen, hat Anna S. bereits einige Rechnungen offen. Unter anderem 35.000 US-Dollar für einen gemieteten Privatjet, 62.000 US-Dollar für eine Villa in Marokko, die sie inspiriert von dem US-Model Khloé Kardashian gemietet hatte, mehrere Hotelrechnungen verschiedener Anbieter in jeweils fünfstelliger Höhe und Bankkredite.

Kriminelles Genie?

Dass ein Betrug wie dieser funktioniert, ist für Otto Normalverbraucher in Deutschland — und wahrscheinlich überall auf der Welt — kaum nachvollziehbar. Schließlich gilt: Je teurer die Rechnung, desto früher und eindeutiger wird die Bezahlung geklärt. Nicht so in der Welt der Superreichen. In Hotels wie dem 11Howard kann der Kunde offenbar die Kreditkarte nachreichen, wenn er ein Zimmer für 400 Dollar pro Nacht gleich für mehrere Wochen mietet. Und so kam es auch, dass erst nach anderthalb Monaten auffiel, dass Anna S. ihre Rechnungen nicht zahlte. Weder in der Hotelbar noch für das Zimmer. Viel mehr noch: Sie hatte nicht einmal ihre Kreditkartendaten angegeben.

Die Kaltschnäuzigkeit, die die Geschichten der Anna S. umgibt, hat etwas Unnatürliches, etwas Ausgedachtes. Und vielleicht hat Anna S. sie sich auch ausgedacht, hat als kriminelles Genie den Plan geschmiedet, wie die Reichen und Schönen in der amerikanischen Kulturmetropole New York wohl am besten auszunehmen seien. Vielleicht. Vielleicht wollte sie aber auch einfach nur die Stadt erobern und ist, etwas weniger genial, gescheitert. Schließlich beginnen viele Geschichten vom großen Geschäft, dem amerikanischen Traum, damit, so zu tun als ob: „Fake it, till you make it.“

Es sind Geschichten wie die von US-Präsident Donald Trump, der mit seinen fragwürdigen Investitionsverhalten Anfang der 80er Jahre in Atlantic City nicht nur privat Bankrott ging, sondern auch fast ganze Kreditinstitute mit in den Abgrund gezogen hätte. Nach dem riesigen Bauprojekt des Taj Mahal Kasinos hatte Trump derart hohe Kreditschulden, dass die Banken sich ein Scheitern des Geschäftsmannes nicht mehr leisten konnten. In der Folge wurde er nicht nur nicht angezeigt, sondern auch weiterhin unterstützt, in der Hoffnung er würde seine Kreditschulden irgendwann tilgen. Demnach gilt: Wer zu groß ist, um bestraft zu werden, darf bleiben.

Aus dieser Perspektive würden die Betrügereien der Anna S. mehr über die Gesellschaft der Superreichen sagen, als über den Charakter der jungen Frau. Dennoch gilt auch: Ist man nicht groß genug, landet man mit einiger Wahrscheinlichkeit im Gefängnis.

Anna S. gibt sich aufmüpfig

Anna S. gibt sich, selbst aus dem amerikanischen Gefängnis heraus, aufmüpfig. So, als würde sie die Situation nicht ernst nehmen, oder als könne sie immer noch gewinnen, wenn sie einfach bei ihrer Geschichte bliebe. Im Interview mit einem amerikanischen Magazin spricht sie davon, dass man ihr doch Freigang auf Kaution anbieten solle. Dann werde man schon sehen, ob sie wirklich keine Multimillionärin sei und die Kaution nicht zahlen könne.

Offenbar hat Anna S. bisher immer jemanden gefunden, der ihre Rechnungen zahlte. Auch dieses Mal wäre es beinahe gut gegangen. Schließlich könnte sie durch die Vereinbarung mit Netflix bald in der Lage sein, ihre Rechnungen zu bezahlen. Entsprechend richtete die Verteidigung einen Antrag an das New Yorker Gericht, in dem bei Schuldentilgung das Strafmaß erheblich gesenkt werden sollte. Doch der zuständigen amerikanischen Richterin war das Gebaren der Anna S. zu dreist. In ihren Betrügereien sowie in ihrem Auftreten vor Gericht. Am 18. September soll der Strafprozess gegen Anna S. beginnen. Der jungen Frau stehen bis zu 15 Jahre Haft bevor.

Existenzen stehen auf dem Spiel

Nun da sie vor Gericht steht, will keiner der New-Yorker-Szene-Mitglieder sie recht gekannt haben. Zumindest in amerikanischen Zeitungsberichten nehmen viele Abstand davon, mit ihr näher zu tun gehabt zu haben. Auch wenn mehrere Auftritte in den Sozialen Medien anderes vermuten lassen, scheinen die Verbindungen der Anna S. in die High Society doch nur oberflächlich gewesen zu sein.

Die einzigen Frauen, die sich in der amerikanischen Metropole als ihre Freundinnen gewusst haben wollen, sind Angehörige der Mittelschicht. Jene, die von ihren Geldeskapaden profitierten — zumindest solange Anna S. noch Trinkgelder geben konnte. Doch nach einigen Monaten der offenen Rechnungen war die großzügige Bezahlpolitik der Szene-Cafés und -Restaurants und der Hotels überstrapaziert. Wenn Anna S. nicht zahlen konnte, wurden ihre Freundinnen zur Kasse gebeten. Im Fall der Empfangsdame handelte es sich um einige Hundert Dollar. Ein Bruchteil dessen, was sie an Trinkgeldern von ihrer Freundin erhalten hatte. Für eine andere Freundin der Anna S. steht jedoch die Existenz auf dem Spiel. Sie übernahm eine Rechnung, die höher ist als ihr Jahresgehalt.

Bauernopfer werden hingenommen

Bei dem Trubel, den Netflix und die New Yorker Szene um den Fall Anna S. machen, scheinen die Schicksale der Einzelpersonen und der englischen Firma, die bis an die Grenzen finanzieller Abgründe gerieten, nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Wenn es um den Glanz und Glamour der Superreichen geht, so wirkt es, werden sogenannte Bauernopfer hingenommen — oder sind in der Diskussion um die richtigen Schauspieler in der anstehenden Netflix-Verfilmung vielleicht einfach nicht der Rede wert.

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