Eschweiler: Schülerinnen stolz auf Sozialtraining an Realschule

Sozialtraining in der Schule : Die Stunden mit „Herrn Breidohr“ sind „befreiend“

Die 16-jährige Coraline schämt sich nicht, dass sie mit Hilfe eines Psychologen an sich arbeitet. Jacqueline ebenfalls nicht – die beiden sind stolz darauf. Wenn sie die Wahl hätten, sollte das Nischenangebot Sozialtraining öfter auf dem Stundenplan stehen.

Wenn Jacqueline ein Zertifikat dafür bekommen würde, dass sie in der Schule an einem Sozialtraining teilgenommen hat, würde sie es auch selbstbewusst einer Bewerbung beilegen. Sie wäre stolz auf, wenn sie anderen schriftlich beweisen könnte, dass sie daran gearbeitet hat, sich persönlich weiterzuentwickeln. „Das zeigt doch, welcher Mensch man ist“, sagt die 15-Jährige von der Realschule Patternhof.

Coraline denkt anders als ihre Mitschülerin. Für 16-Jährige wäre dieses Dokument nichts weiter als ein Stück bedrucktes Papier. „Ich würde keine Schwäche zeigen wollen, die es einmal gegeben hat, sondern nur das, was daraus geworden ist“, sagt sie. Coralines Schwächen, das erzählt sie selbst, waren aufmüpfiges, respektloses Verhalten, sie wollte immer die Schlauere sein.

Jacqueline beschreibt sich ähnlich: Sie hat jeden Streit mit ihrer Mutter bis zum letzten Wort – das immer sie haben musste – ausdiskutiert, und Schuld hatten alle, nur sie nicht.

Pubertät? Höchstwahrscheinlich auch, ja. Aber da war noch etwas anderes, tiefer im Innern der beiden Jugendlichen, das ihren Charakter lange geformt hatte. Mit einem Sozialtraining an ihrer Schule haben sie herausgefunden, was das war – und sich geändert. Die Art und Weise, wie Jacqueline und Coraline über sich selbst reden und nach außen wirken, zeugt von einer Reife, die man eher jungen Erwachsenen zuschreibt.

Nicht zwingend auffällige Schüler

Dieses Sozialtraining bieten mehrere Schulen in Eschweiler an: die Willi-Fährmann-Förderschule, die Adam-Ries-Hauptschule und eben die Realschule Patternhof. Letztgenannte seit vier Jahren in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. Pro Halbjahr gibt es zwei Angebote: eins für die Klassen 5/6, eins für die älteren Schüler; gebildet werden jeweils vierköpfige Gruppen, sie treffen sich zwei Schulstunden pro Woche. Wer für die Gruppen infrage kommt, entscheiden die Sozialpä-
dagogin Brigitte Vonken-Möller und Schulleiterin Michaela Silbernagel. Beide betonen, dass sie nicht zwingend auffällige Schüler auswählen, sondern diejenigen, „die an ihrem Selbstwertgefühl arbeiten“ könnten. Die Eltern werden einbezogen, aber das Jugendamt erfährt nicht mehr, als die reine Teilnehmerzahl. Stehen die Gruppen fest, nehmen Heiko Gatzke und Richard Breidohr ihre Arbeit auf. Sie sind offiziell Pädagogen, Psychologen, Trainer. Aber für die Schüler sind sie in erster Linie Menschen, denen sie sich besser anvertrauen als ihren Freunden. Und anders als Lehrer sind Gatzke und Breidohr keine Machtinstanz, sondern Gesprächspartner auf Augenhöhe.

„Die Schüler sehen es mittlerweile als Privileg an, in die Gruppen zu dürfen“, sagt Heiko Gatzke, wie auch Sozialpädagogin Brigitte Vonken-Möller weiß: „Der Bedarf ist noch viel größer. Wir bräuchten mehr Angebote und Gelder.“ Die Erfolge des Sozialtrainings haben auch zu positiven Rückmeldungen der Eltern geführt.

In den Sitzungen arbeiten die beiden Experten mit den Schülern unter anderem an ihrer Selbstbehauptung, Körpersprache, Rhetorik. Richard Breidohr beschreibt das Ziel mit den Worten, die wie eine Weisheit klingen: „Die Schüler sollen Achtung und Achtsamkeit für sich selbst entwickeln. Wer friedlich mit sich selbst ist, ist weniger empfänglich für die Abwertung anderer.“ Denn Abwertung ist oft der Grund für den Charakter der Schüler – sei es in der Schule, in der Familie, in sonstigen sozialen Kreisen. Die Stunden mit Richard Breidohr, in denen viele Gefühle und Erfahrungen offengelegt werden, seien „befreiend“, erzählt Jacqueline, auch deshalb, „weil sich in der kleinen Gruppe niemand über einen lustig macht“.

Wer mit Lehrern über ihren Alltag spricht, hört oft die Klage, dass sie fast schon mehr erziehen müssen als lehren können. Das führt vermehrt zu Spannungen und Druck. Und für die Schüler kommt hinzu, erklärt Heiko Gatzke, dass soziale Medien ihren Alltag nicht nur in Sachen ständiger Nutzung „ganz massiv“ beeinflussen: „Früher blieben Konflikte in der Schule und waren im besten Fall am nächsten Tag schon vergessen. Heute gehen sie digital weiter.“ Abwertung passiert also auch online, häufiger, härter. Dagegen möchten die Experten möglichst immun machen.

Ein Werkzeug von Richard Breidohr: viel über die eigenen Probleme aus der Vergangenheit reden, zeigen, dass auch der gestandene Experte früher verwundbar(er) gewesen ist. Besonders das schätzt Coraline an den Stunden mit Richard Breidohr, weshalb sie diese reifen Sätze sagt: „Du wirst stärker, je mehr du von dir gibst und auch von anderen nimmst. Wer Hilfe angeboten bekommt, sollte sie auch annehmen. Dafür muss sich niemand schämen.“

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