Eschweiler: Kritik aus Röhe an den Flugplatz Merzbrück

Fluglärm über Röhe? : Anwohner und Flughafen-Chef haben verschiedene Meinungen

Anwohner im Stadtteil Röhe sagen: Der lauten Flugbewegungen an Wochenenden sind unzumutbar – der Ausbau des Flugplatz Merzbrück macht es schlimmer. Dem widerspricht der Flugplatzchef. Deutlich.

Der vergangene Sonntag war regnerisch, und deswegen war der Wochenabschluss gerade in Röhe ein ruhiger. Wenn die Sonne scheint, ist das anders. So sagen es Frank Hübel, Herbert Secker und nach ihren Aussagen noch ein gutes Dutzend anderer Anwohner in dem westlichen Stadtteil. Denn wenn es an Wochenenden sonnig ist, erzählen die Männer im Rentenalter, ist der Sonntagmittag im Freien nicht zu genießen. Dann nämlich würden Flugzeuge mit Motoren, die auf dem Flugplatz Merzbrück starten und landen, um Segelflieger in die Luft zu ziehen, über Röhe für unzumutbaren Lärm sorgen. Es müsse nicht sein, dass die Flieger das Wohngebiet überqueren, wenn es rundherum unbewohnte Fläche gebe. Und sie befürchten, dass es nach dem Ausbau des Flugplatzes, der 2020 abgeschlossen sein soll, noch schlimmer wird, selbst wenn das Rollfeld verschwenkt wird, wie geplant.

Die Röher – vornehmlich aus der Erf-, Aachener- und Goerdstraße – beschäftigt das Thema seit Jahren. Das belegen nicht zuletzt E-Mail-Verläufe von Anwohnern mit Uwe Zink, dem Geschäftsführer der Flugplatz Aachen-Merzbrück GmbH (FAM), und dem Städteregionsrat Tim Grüttemeier. Die jüngsten Beschwerdeschreiben datieren auf Juli 2018 und April 2019. In der E-Mail an Uwe Zink aus 2018 heißt es, dass an einem Sonntag zwischen 13.58 und 14.40 Uhr „mindestens zehn Flugbewegungen, die in unmittelbarem Zusammenhang“ mit dem Flugplatz stehen, gegeben habe.

Im April dieses Jahr hat sich dann Frank Hübel an Tim Grüttemeier gewandt. Bei seiner Beschwerde handelte es sich nicht um irgendein Wochenende, sondern um Ostern. Herausgehoben hat Hübel den Sonntag: „Insgesamt habe ich von 13 Uhr bis 19.41 Uhr 26 Flugbewegungen gezählt“, schreibt Hübel. Und im Gespräch mit dieser Zeitung beschreibt Frank Hübel den zeitweisen Flugverkehr am Himmel so: „Die Schlepper holen die Segelflieger wie Stukas ab.“ Heißt: tieffliegend, schnell, laut.

Der Röher hat sich an Tim Grüttemeier gewandt mit der dringenden Bitte, die Sorgen der Bürger wahrzunehmen und für die Zukunft zu berücksichtigen. Die Städteregion ist an dem Flugplatz beteiligt und stolz auf den Ausbau. Aber seitdem feststeht, dass der Flugplatz mit Fördermillionen zu Forschungszwecken vergrößert wird, sind sich die Röher einig: Wenn die Landebahn von 530 auf 1160 Meter verdoppelt wird, fliegen abgesehen von den Forschungsmaschinen auch noch mehr Sportpiloten – sowie mehr Privat- und Geschäftsleute. Im schlimmsten Fall über den Ort und die Röher Gärten.

Städteregionsrat Grüttemeier antwortete, er könne die „subjektive Sicht“ nachvollziehen. Der Politiker betont aber in Bezug auf den Ausbau, dass der Fokus nicht auf der Förderung des Individualverkehrs, sondern auf der Forschung liege. Die sei wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit der Region. Und: „Dies führt perspektivisch auch zu einer Entlastung im Umfeld.“

So sieht es auch FAM-Chef Uwe Zink. Der kennt die Kritik aus Röhe, sagt aber in aller Deutlichkeit, dass er sie nicht verstehen könne: „Es stimmt nicht, dass die Maschinen ständig über das Wohngebiet fliegen, weil sie im Gegenwind fliegen, und der kommt aus Westen.“ Der Flugplatz Merzbrück liegt westlich von Röhe. Dementsprechen sagt Uwe Zink auch, dass der Ausbau des Flugplatzes die Situation für Röhe und St. Jöris, wo 2018 die gleichen Sorgen geäußert wurden, sich nicht verändern würde. Das belege ein Gutachten, auf das auch die Stadt Eschweiler verweist. Zudem sei Broichweiden weitaus stärker betroffen. Frank Hübel aber sagt, und dabei bezieht er sich auf Gespräche, die er über dieses Thema in Weisweiler geführt hat: „Die Flieger nutzen die Thermik des Kraftwerks.“ Das liegt im Osten der Stadt, die Flieger müssten Röhe also überqueren.

Einer der größten Röher Gärten: Frank Hübel hat an der Goerdstraße ein grünes Idyll. Als das Foto aufgenommen wurde, war es regnerisch und kein Flugzeug in Sicht – an sonnigen Wochenenden sei das anders. Foto: ZVA/Carsten Rose

Da wäre aber noch die Summe der Flugbewegungen, an denen sich die Röher stören. Nach Angaben des FAM-Geschäftsführers liegt diese Zahl bei 40.000 bis 42.000 pro Jahr, je nach Wetter vielleicht auch bei 45.000. Da sowohl Start und Landung einzeln gezählt werden, sind es 20.000 bis 22.500 Flüge. Zum Vergleich: In den 80er Jahren, zu Zeiten der hier stationierten belgischen Soldaten, seien es 90.000 Flugbewegungen gewesen.

Der Anteil des heutigen Geschäftsflugverkehrs liege nach Berechnung von Uwe Zink bei etwa drei bis fünf Prozent. Geht man von 20.000 Flügen aus und nimmt davon drei Prozent, sind es 600 Flugzeuge jährlich, also gerundet zwei täglich. „Das sind nicht die großen Zahlen, die sich mit dem Ausbau auch nicht stark verändern werden“, betont Zink.

Abhilfe durch Seilwinde

Im Zuge der Vergrößerung wird auch eine Seilwinde installiert, die die Segelflieger in die Luft zieht, so dass kein Schleppflugzeug mehr nötig ist. Diese Neuerung beschwichtigt die Röher Anwohner zumindest etwas. Jedoch sei diese laut Zink je nach benötigter Flughöhe nicht für alle Flieger nutzbar, also könne sie auch nicht vorgeschrieben werden, um Lärm zu vermeiden. Frank Hübel ist daher der Meinung: „Es wäre doch gut, wenn Fördergelder auch dafür genutzt werden, eine Seilwinde für alle Flugzeuge zu bauen.“

Wie Städteregionsrat Tim Grüttemeier in seiner Mail schon angeführt hatte, ist die „subjektive Sicht“ bei streitbaren Themen wie in diesem Fall der Fluglärm nicht zu vernachlässigen. An diesem Punkt setzt auch Uwe Zink an, aber aus einer anderen Richtung. Er sagt: „Hubschrauber werden anders toleriert als Flugzeuge, obwohl sie lauter sind. Laute Oldtimer-Autos sind faszinierend, Oldtimer-Flieger störend. Das ist Kopfsache.“

Abgesehen davon ist Zink optimistisch, dass sich der Flugverkehr verbessern wird, leiser wird, und von den neuen Techniken könne die Autoindustrie profitieren, wie es schon oft der Fall gewesen sein.

Frank Hübel und andere Röher werden genau beobachten, wie sich Ausbau und Forschung am Himmel bemerkbar machen. Vor allem sonntags. Bei gutem Wetter.

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