Eschweiler: Jobcenter verkündet positive Zahlen

Eschweiler Arbeitsmarkt : Das Jobcenter spricht über das „Superjahr 2018“

Noch nie hat die Behörde so viele Hartz-IV-Empfänger in Arbeit gebracht, heißt es bei der Jahresbilanz. Für manche Arbeitgeber gibt es Kritik, große Hoffnungen setzen die Verantwortlichen dagegen auf neue Trainer.

Jürgen Schoenen und Stefan Graaf haben den großen Wunsch, dass sie bald einen der vielen Balken in der Jahresbilanz des Jobcenters mit dem Wert „100 Prozent“ kennzeichnen können. Und zwar den mit der Überschrift „Arbeitslose nach Berufsausbildung“, in dieser Liste sollen in Zukunft nur noch Personen, also 100 Prozent, ohne abgeschlossene Berufsausbildung stehen.

Für das Jahr 2018 steht dort 74 Prozent, für das Jahr davor 66 Prozent. Schoenen und Graaf sagen: „Das ist ein Erfolg.“ Und sie sagen: „Wer eine Ausbildung hat, für den finden wir leichter einen Job.“ Das ist die einfache Rechnung auf dem Arbeitsmarkt. Die Aufgabe des Jobcenters ist es, die Personen dort wieder zu integrieren, die Anspruch auf Hartz IV haben, also auf die Grundsicherung, die ein (im besten Fall nur vorläufiges) Leben ohne Arbeit mit Würde ermöglichen soll.

Die Steigerung von acht Prozentpunkten binnen eines Jahres seien für Jürgen Schoenen, den Chef des Eschweiler Jobcenters, und Stefan Graaf, den Geschäftsführer aller Jobcenter der Städteregion, ein Beleg guter Arbeit. Auf diese Zahl sind sie stolz. Und man kann sich vorstellen, wie sie sich auf den Pressetermin freuen würden, sollten sie die 100 Prozent irgendwann mal erreichen. Denn Schoenen und Graaf präsentieren wie jede andere Behörde, jedes Unternehmen gerne gute Zahlen. Vor allem möchten sie das, weil die öffentliche Wahrnehmung der Jobcenter nicht die beste ist, finden die beiden.

Zu oft, erzählen sie, würden negative Einzelfälle breitgetreten. Und geht es um finanzielle Sanktionen des Jobcenters gegen die, die eh schon kaum Geld haben, gelten sie als die böse Behörde, die gerne bevormundet. „Wir verstehen uns als Kümmerer, ohne den Menschen aber jede Pflicht abzunehmen. Was unsere Mitarbeiter machen, ist Kärrnerarbeit an der sozialen Dienstleistungsfront“, sagt Stefan Graaf. Und außerdem: „Die Sanktionsfälle, also wenn zum Beispiel Termine nicht eingehalten werden, liegen bei drei Prozent. Das ist verschwindend gering. Viele Meldungen gehen an der Realität vorbei.“

Foto: grafik

Zu der Arbeit der Jobcenters gehört natürlich auch, dass sie die Gesetze von Bund und Land umsetzen müssen. Auf das meiste, über das öffentlich viel, emotional, teils hitzig diskutiert wird, haben die Jobcenter keinen direkten Einfluss. Die Entscheidungsträger über Freibeträge, Auszahlungshöhen und darüber, ob jemand nach 30 Jahren in Arbeit finanziell so behandelt wird wie jemand, der noch nie einen Job hatte, sitzen woanders.

An der Rosenallee, wo das Jobcenter seinen Sitz hat, kümmern sich 60 Mitarbeiter um rund 6500 Personen. Das heißt, dass mehr als elf Prozent der Eschweiler Bürger Anspruch auf Hartz IV haben. „Das ist eine Menge“, sagt Jürgen Schoenen. In Stolberg sind es 11,7, in der Städteregion 9,8 Prozent.

Wenn Schoenen und Graaf über die Jahresbilanz sprechen, bezeichnen sie 2018 als „ein Superjahr“, weil sie in den vergangenen fünf Jahren noch nie so viele Betreute in Arbeit gebracht. Es waren mehr als 25 Prozent, absolut 1121 Personen. „Darunter waren viele Langzeitarbeitslose“, betont Jürgen Schoenen. „Und 117 Geflüchtete, nachdem es 2017 nur 75 waren. Ein Grund dafür ist, dass ihre Sprachkurse abgeschlossen sind.“ Wer in einen Job vermittelt worden ist, fällt aber nicht zwangsläufig aus der Jobcenter-Betreuung, betont Stefan Graaf, denn wenn derjenige Alleinverdiener für eine Familie ist, reicht das Geld in den meisten Fällen nicht für den Unterhalt. „Das stellen wir immer häufiger fest.“

Natürlich würde das Team von Jürgen Schoenen gerne mehr Hartz-IV-Empfänger in Arbeit bringen. Dass das nicht ganz so einfach geht, hat zwei Gründe, sagt der Jobcenter-Chef: Nicht alle Betreuten haben die gleichen Voraussetzung, sei es intellektuell, psychisch oder sozial. Schoenen beschreibt es so: „Wir können die Menschen ja nicht backen.“ Es gibt eben Personen, die einen festen Job nicht durchhalten, sie würde „die Angst packen“.

Wenn Schoenen über die andere Seite spricht, also die Arbeitgeber, schüttelt er den Kopf. Dazu kommentiert er: „Manchmal habe ich Unverständnis dafür, dass selbst Hilfsjobs sehr hohe Anforderungen stellen.“ Deswegen fordert er: „Entweder Arbeitgeber senken in manchen Fällen ihre Anforderungen oder sie müssen ihre Arbeit anders strukturieren. Oder intern besser schulen.“

Das Jobcenter präsentiert nach eigener Ansicht derzeit gute Zahlen, das soll so bleiben. Aber die Zukunft ist herausfordernd: In der Region steht der Strukturwandel an, ein großer Umbruch auf dem Arbeitsmarkt. Und eine ständige Aufgabe wird es sein, die in einen Job Vermittelten auch dort zu halten. Deswegen setzt das Jobcenter Trainer ein, die den neuen Lebensablauf mit den Familien besprechen. „Das Coaching ist eine ganz neue Geschichte, die wir gerne einsetzen und von der wir uns viel versprechen“, sagt Jürgen Schoenen.

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