1. Lokales
  2. Eschweiler

Eschweiler: Interesse an Ausbildungen fehlt

Azubis fehlen : Kaum einer will noch riesige Unikate aus Stahl bauen

Ralph Rötgers stellt Konstruktionen aus Stahl her. Alles Unikate, zum Beispiel Treppenhäuser, die an Kunst erinnern. Mit „Schema-F-Produkten“ kann er nichts anfangen. Sein Job ist spannend und anspruchsvoll – aber die Azubis bleiben aus. Das Problem kennt auch die Awa, dabei geht es alles andere als darum, nur im Müll zu stehen.

Ralph Rötgers hat’s bei bei einem „trendigen Radiosender“ versucht. Ohne Erfolg. Sein Job ist nicht mehr der, den ein „trendiger Jugendlicher“ heute will, sagt der Stahlbauer. Nicht mal eine Handvoll Bewerbungen liegen in seinem Büro, sonst waren es 15, 20 pro Jahr. Deswegen sollte am Dienstag der Tag der Berufsfelderkundung helfen. Den haben die Stadt und die Städteregion mit rund 20 Eschweiler Betrieben für Schüler der achten Klasse organisiert, unter anderem mit Rötgers Firma. Aber beim Besuch der Redaktion sagt der Chef: „Ach, der war heute? Es hat sich eh keiner gemeldet.“

Wenn man sich in der Lyrik bedienen würde, um Rötgers Situation zu verbildlichen, könnte es so klingen: „Stell dir vor, es ist Ausbildung, und keiner geht hin.“

Rötgers sagt, er kann sich nicht erklären, warum das Interesse an seinem Beruf so nachgelassen hat. Wenn der Firmenchef von seinen Aufträgen erzählt, kann man sich gut vorstellen, dass er auf einer Feier viele Zuhörer haben würde, wenn er die Projekte des Zehn-Mann-Betriebes aufzählt. Denn die Firma an der Phönixstraße neben dem Recyclinghof stellt seit 1998 nur Sonderkonstruktionen her, vorrangig in den Regionen Aachen, Köln, Düsseldorf.

Entworfen in Eschweiler: Das Treppenhaus im Erzbischöflichen Berufskolleg in Köln stammt von der Firma Rötgers Stahlbau. Foto: Ralph Rötgers

Wie zum Beispiel: das Gerüst eines 35 Meter hohen Aufzugs für das Hauptgebäude der RWTH Aachen, mehrstöckige Treppenhausgeländer im Erzbischöflichen Berufskolleg in Köln, den Heli-Landeplatz des Würselener Krankenhauses, Fluchttreppen an großen Gebäuden. Die 3D-Zeichnungen dafür kommen auch von Rötgers Mitarbeitern, sie sind bis auf jede kleinste Schraube genau und dauern gerne mal mehrere Hundert Stunden. „Ich habe Bock auf Sonderkonstruktionen. Bei uns gibt es kein Schema-F, absolut nicht“, sagt Rötgers, 49. „Die Jugend weiß heute anscheinend nicht mehr, was sie als Schlosser oder Stahlbauer erwartet.“

Das mit dem falschen Image kennt Ralph Rötgers aber auch selbst aus seiner Jugend, muss er zugeben, denn er hat sich lieber zum Kunstschmied als zum Schlosser ausbilden lassen, weil er den Beruf „nicht so anspruchsvoll“ fand. Nun ist er selbst in der Branche tätig, und das nicht unerfolgreich. In den vergangenen Jahren sei der Beruf viel anspruchsvoller geworden, was vor allem daran liegt, dass mehr Wert auf Genauigkeit bei allen nötigen Messungen gelegt wird. „Die DIN-Vorgaben haben sich verzehnfacht“, sagt der 49-Jährige. Seine persönlichen Ansprüche was die schulische Vorbildung angeht setzt er bei Bewerbern aber nicht so hoch, sagt Rötgers, zumal man auch erst nach etwa acht Jahren die nötige Erfahrung für die Projekte habe, die seine Firma umsetzt.

Kein Job im Abfall

Würde Frank Lenzen hören, was Ralph Rötgers über die Bewerberzahlen sagt, er würde zustimmen. Er kennt das Problem bei seinem Arbeitgeber nur zu gut, und er ist seit vier Jahren selbst Ausbildungsleiter bei der Awa. Aber zumindest sitzen dort am Dienstagmorgen zwei Schüler. Bei der Awa wird bekanntlich viel – und immer mehr – Müll entsorgt. Müll ist ein großes Thema. Wo viel Müll ist, muss es auch Leute geben, die ihn entsorgen.

Frank Lenzen ist seit vier Jahren Ausbildungsleiter bei der Awa. Foto: ZVA/Carsten Rose

Doch es finden sich immer weniger junge Menschen, die sich für eine Ausbildung zur Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft interessieren. Wer jetzt denkt, dass die Auszubildenden den ganzen Tag nur im Abfall stehen, der irrt: „Nur 20 Prozent unserer Zeit verbringen wir mit Abfall“, erklärt Frank Lenzen. Der Schwerpunkt der Ausbildung liegt auf der Kreislaufwirtschaft, also der Frage, wie das, was heute im Müll landet, morgen wiederverwertet werden kann. Der Anspruch an den Beruf ist über die Jahre hinweg stark gestiegen. Heutzutage, erläutert Lenzen, werde bei den Entsorgern viel mehr Wert auf Mülltrennung gelegt, eine Fachkraft muss daher genau wissen, welcher Müll wie entsorgt werden muss, was recycelt werden kann und welcher Müll nicht angenommen werden kann.

Auch Wissen über Deponietechnik müssen sich Auszubildende aneignen, so hat die Deponie in Warden ein eigenes Klärwerk. Schließlich ist ein großes Problem bei Müllhalden die Dichtigkeit und der Einfluss auf das Grundwasser. Wer Spaß an großen Fahrzeugen, wie Lkw, Radlader oder Gabelstapler hat, der ist auf der Deponie bestens aufgehoben, denn auch das gehört zur Ausbildung. Früher habe die Awa immer bis zu 40 Bewerbungen erhalten, vor allem von Abiturienten, aber „mittlerweile sind wir froh, noch fünf oder sechs Bewerbungen zu bekommen“, betont Lenzen – und mit der Bewerberzahl sinke auch die Qualität. Eine mittlere Reife sollte es sein, aber ein sehr guter Hauptschüler habe auch Chancen. „Das Lernpensum ist aber enorm hoch. Es geht viel um Chemie und Biologie, und Gesetze und Regeln werden schärfer“, betont Lenzen.

Die Auszubildenden sind aber auch viel außer Haus: Sie fahren zum Beispiel mit dem Schadstoffmobil durch die Region, klären in Kindergärten, Schulen und Unternehmen über die Abfallwirtschaft auf und sind auch mal mit der Müllabfuhr unterwegs, um zu wissen, wie das so ist. Vermutlich ist der Geruch am Heck der Müllwagen strenger als auf dem Awa-Gelände – dort können Azubis ohne Probleme die Nase in den Wind halten. Es riecht nicht so, wie der Name des Berufsfeldes es mitunter vermitteln mag.