Eschweiler: Forum Medizin der Zeitung und des St.-Antonius-Hospitals

Forum Medizin über Gelenke : „Schmerzen tapfer auszuhalten, ist nicht der richtige Weg“

Das Thema „Schmerz" stand beim von dieser Zeitung präsentierten Forum Medizin gleich in mehrfacher Hinsicht im Mittelpunkt.

Auf dem Podium der Bühne des Talbahnhofs informierten die Ärzte Markus Schlächter, Bernhard Schiffgens, Beyhan Sanli und Dr. Tobias Schwirtz unter der Überschrift „Gelenkschmerzen – wann operieren und wann nicht?“. Vor der Bühne machte sich derweil ein gewisser Abschiedsschmerz bemerkbar, denn Dr. Eberhardt Schneider moderierte das Forum zum 20. und letzten Mal. Nach einleitenden Worten übergab der Chefarzt und Ärztliche Leiter des Euregio-Reha-Zentrums den symbolischen Staffelstab sowie das Amt des Forumleiters an Dr. Oliver Heiber, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädische Chirurgie am St.-Antonius-Hospital.

Wenige Minuten zuvor hatte Dr. Schneider die zahlreichen Gäste über die 1:0-Führung der deutschen Fußball-Frauen im WM-Spiel gegen Spanien informiert. Nicht ohne medizinischen Hintergrund: „Auch und nicht zuletzt die Fußballerinnen der Nationalmannschaft werden einmal die Probleme haben, über die wir heute sprechen“, sagte der Leiter der ambulanten orthopädischen Rehabilitation, der in wenigen Tagen in den (Un-)Ruhestand wechseln wird und in Markus Schlächter seinen Nachfolger gefunden hat.

„Gelenke sind bewegliche Strukturen, die dazu da sind, zwischen den eigentlich steifen Knochen Beweglichkeiten herzustellen. Ohne Kiefergelenke kein Schluck welcher Flüssigkeit auch immer, ohne Gehörknöchelchen kein Verstehen, ohne Rippen keine Atmung“, betonte er. Schmerzen entstünden, wenn die Gelenke an den Armen oder den Beinen nicht mehr gut funktionierten, was nach 60, 70 oder 80 Jahren durchaus natürlich sei. „Bei Gelenkschmerzen geht es nicht um Leib und Leben, aber um Lebensqualität“, verdeutlichte der Chefarzt, bevor er Staffelstab und Verantwortung an Dr. Oliver Heiber weitergab.

Mit Beyhan Sanli erläuterte dann der Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums am St.-Antonius-Hospital zunächst die Anatomie eines Gelenks, das aus dem Gelenkkopf, der vom Knorpelgewebe umhüllten Gelenkpfanne, der Gelenkkapsel sowie der Gelenkinnenhaut, in der die Gelenkflüssigkeit gebildet werde, bestehe.

Informierten im Rahmen des Medizinforums über die Entstehung von Gelenkschmerzen und die zahlreichen Therapiemöglichkeiten, diese zu beseitigen oder zu lindern: das Expertenteam mit Dr. Eberhardt Schneider, Dr. Oliver Heiber, Markus Schlächter, Bernhard Schiffgens, Beyhan Sanli und Dr. Tobias Schwirtz (v. r.). Foto: Andreas Röchter

„Beinahe 50 Prozent der Menschen klagen bereits im Alter von 45 Jahren über Gelenkschmerzen, die unter anderem durch Abnutzung, Verschleiß, Arthrose oder auch auf Grund von Entzündungen entstehen können“, erklärte der Referent. Neben Schleimbeutelentzündungen könnten auch Arthritis, Morbus Crohn, Schuppenflechte, Gichtanfälle oder Einblutungen weitere Anlässe für Gelenkschmerzen darstellen. Die Bandbreite der Schmerzen reiche von akut, also plötzlich, bis chronisch. Von größter Bedeutung sei aber die alters- und belastungsbedingte Abnutzung. „Dabei kann es im Extremfall zur Zerstörung der Knorpelschicht bis hin zur Deformation des Knochens kommen.“ Einige der vielfältigen Symptome seien nächtliche Ruheschmerzen, Bewegungseinschränkungen oder auch Hautrötungen.

„Frage der Perspektive“

Der konservativen, also erhaltenden und bewahrenden Behandlung widmete sich kurz darauf Markus Schlächter. Wobei der zukünftige Leiter des Euregio-Reha-Zentrums grundsätzliche Gedanken zu den Begriffen Gesundheit und Krankheit äußerte: „Wir reden generell von komplexen Prozessen, bei denen individuelle Aspekte immer eine wichtige Rolle spielen. Es gibt nicht die eine Tablette, OP oder Behandlung als generelle Lösung aller Probleme.“ So könne es sein, dass eine Patientin trotz Arthrose aktiv am Leben teilnehme. „Ist sie dann krank? Ich denke, dies ist eine Frage der Perspektive“, so Markus Schlächter, der darüber hinaus unterstrich, dass ein akuter Schmerz nicht ausschließlich negativ bewertet werden solle.

Schmerz könne in bestimmten Fällen als ein im gewissen Sinne „gesundes“ Zeichen angesehen werden. „Er kann auch als Warn- und Schutzsignal interpretiert werden.“ Chronische Schmerzen seien dagegen eine „ganz andere Geschichte“. Generell dürfe bei der Bewertung von Gesundheit oder Krankheit die Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist, und zwar in beide Richtungen, nicht außer Acht gelassen werden. Es gelte, Gelenkschmerzen zielgerichtet und ganzheitlich zu behandeln.

Stabübergabe von „Ebs“ an „Olli“: Dr. Eberhardt Schneider übergab das Amt des Forumleiters an Dr. Oliver Heiber. Foto: Andreas Röchter

Sinnvoll seien häufig kombinierte Behandlungskonzepte, die die medikamentöse Behandlung mit Salben und Spritzen in Verbindung mit Bewegungs- und Physiotherapie, Ergotherapie, Wärme- und Kältebehandlungen, niedrig dosierter Strahlentherapie sowie dem Einsatz von Reizstrom und Hilfsmitteln (z. B. Orthesen) zur Bewältigung des Alltags vorsähen. Natürlich könne den Gelenkschmerzen auch vorbeugend entgegengetreten werden. „Bewegung ist gesund! Wobei gesund bedeutet, dass die Bewegung mit möglichst geringer Belastung einhergeht“, führte Markus Schlächter aus. „Joggen auf Asphalt in schlechten Schuhen ist also nicht unbedingt gemeint“, ergänzte Dr. Oliver Heiber.

Anästhesist Bernhard Schiffgens brachte den Zuhörern den sinnvollen Umgang mit Medikamenten näher. „Dabei kann das Ziel nicht immer die vollständige Schmerzfreiheit, sondern auch die Linderung sein“, so der Schmerztherapeut, der drei Grundregeln benannte. „Die Einnahme von Medikamenten über den Mund hat sich als effektiv erwiesen. Die Einnahme sollte regelmäßig nach einem festen Zeitplan erfolgen. Die individuelle Dosierung hat nach dem Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation zu erfolgen.“ Dieses sehe in Stufe 1 (leichte Schmerzen) die Verschreibung von Nicht-Opioiden, bei Stufe 2 (mäßig starke Schmerzen) die Verschreibung von schwach wirksamen Opioiden sowie in Stufe 3 (starke Schmerzen) die Verschreibung stark wirksamer Opioiden, für die ein sogenanntes Betäubungsmittel-Rezept erforderlich sei, vor. Klar müsse sowohl dem Patienten als auch dem Arzt sein, dass jedes Medikament Nebenwirkungen mit sich bringe.

Den medizinischen Schlusspunkt des informativen Abends setzte Dr. Tobias Schwirtz, der den Gästen chirurgische Therapiemöglichkeiten vorstellte. „Ja, wir greifen zum Skalpell. Aber erst dann, wenn alle anderen Therapieansätze ausgeschöpft sind“, unterstrich der Mediziner. Ausschlaggebender Punkt sei die Lebensqualität des Patienten. „Ist diese durch anhaltende Schmerzen, die weder durch Medikamente, Physiotherapie oder andere konservative Behandlungsmethoden in den Griff zu bekommen sind, nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen, dann sollte über eine Operation nachgedacht werden“, betonte Dr. Tobias Schwirtz.

Momentan würden in Deutschland pro Jahr rund 400.000 Gelenkprothesen eingesetzt. Von größter Bedeutung für das Gelingen der Therapie sei das Zusammenspiel zwischen Patient und Ärzten. „Es sollte nicht der Eindruck eines paternalistischen Systems entstehen, in dem der Arzt einsame Entscheidungen trifft“, schloss der Referent seinen kurzen Vortrag mit der Vorstellung der „Begegnung auf Augenhöhe“.

Dr. Eberhard Schneider hat von der Redaktion zum Abschied und für den Ruhestand zwei Liegen des Medienhauses Aachen erhalten. Foto: Andreas Röchter

Bevor Rudolf Müller, Leiter der Eschweiler Redaktion dieser Zeitung, das Wort ergriff, dem nun ehemaligen Leiter des Forums Medizin für dessen jahrelanges Engagement dankte und ihn mit einem Geschenk für ruhige Minuten bedachte, fasste Dr. Schneider die zurückliegenden zwei Stunden so zusammen: „Sowohl der Körper als auch die Seele eines Menschen leiden unter dauerhaften Schmerzen. Diese können die Teilhabe am Leben erheblich einschränken, in die soziale Isolation führen und hochgefährliche Depressionen hervorrufen. Der Gedanke, Schmerzen tapfer auszuhalten, ist definitiv nicht der richtige Weg.“

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