Eschweiler erinnert an die Reichspogromnacht

Gedenkfeier zur Reichspogromnacht vor 80 Jahren: Erinnerungen an ein dunkles Kapitel Eschweiler Geschichte

„Warum?“ So lautete die Frage, die die Stellvertretende Bürgermeisterin Helen Weidenhaupt am Freitagnachmittag während der Gedenkstunde zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht vor vielen Zuhörern in der Dreieinigkeitskirche immer wieder stellte, um konstatieren zu müssen, dass es keine schlüssigen Antworten gebe.

„Warum wurde unzähligen Menschen unvorstellbares Leid zugefügt? Warum taten sich menschliche Abgründe auf? Wie war es möglich, dass Empathie vollkommen ausgelöscht war und stattdessen Hass und Niedertracht herrschten? Auch in Eschweiler“, so die Rednerin. Jahrhundertelang sei jüdisches Leben in Eschweiler und Umgebung selbstverständlich gewesen. „Schon im 16. Jahrhundert ist jüdisches Leben in Weisweiler dokumentiert. Am 18. September 1891 wurde unter reger Anteilnahme der Bevölkerung die Synagoge in der Moltkestraße in Eschweiler eingeweiht“, warf Helen Weidenhaupt einen Blick in die Geschichte. Diese habe 1926 ihre „Selbstständigkeit“ erhalten, nachdem sie bis dahin der jüdischen Gemeinde Jülich angehört habe.

Im Jahr 1933, dem Jahr der Machtergreifung durch die Nazis, seien 229 Juden in Eschweiler wohnhaft gewesen. „Doch es gab kein friedliches Miteinander mehr. Die Synagoge wurde während des Pogroms am Morgen des 10. Novembers 1938 in Brand gesetzt, der Feuerwehr ausdrücklich verboten, das Feuer zu löschen. Es fanden auch Plünderungen statt, ohne dass die Polizei eingriff. In der Folgezeit begann die systematische Verfolgung und Ermordung der jüdischen Menschen“, skizzierte die stellvertretende Bürgermeisterin kurz die Ereignisse. Im Jahr 1941 sei dann im Bereich des Stadtteils Stich ein Sammellager für die Juden aus Eschweiler und Stolberg eingerichtet worden, von wo aus die Entrechteten in die Vernichtungslager transportiert worden seien.

Die Frage, warum dies unter den Augen so vieler Menschen geschehen konnte, ohne dass diese den Opfern in irgendeiner Form zu Hilfe kamen, werde immer im Raum stehen. Es sei unsere Pflicht, fortwährend an die menschenverachtenden Geschehnisse während der Reichspogromnacht, die das Fanal zur Vernichtung von Millionen Menschen gewesen sei, zu erinnern.

Auch und gerade wegen der aktuellen politischen Entwicklungen: „Synagogen müssen in Deutschland wieder geschützt werden. Menschen fürchten sich, die Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen. Ein Mob greift in Chemnitz ein jüdisches Restaurant an“, nannte die Gedenkrednerin furchtbare Tatsachen. Darüber hinaus gebe es Politiker, die die zwölfjährige Naziherrschaft mit ihren unvorstellbaren Verbrechen als „Vogelschiss“ verharmlosten und Menschen, die vor Krieg und Verfolgung flüchteten, verdammten. „Lasst uns mutig sein und dem Rassismus, dem Antisemitismus und jeder Ausländerfeindlichkeit entgegentreten. Ein erneutes Wegsehen darf es nicht geben“, schloss Helen Weidenhaupt ihre Ansprache unter dem Applaus der Zuhörer mit einem Appell.

Zu Beginn der Gedenkveranstaltung hatte Dieter Sommer, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Eschweiler, die Teilnehmer, darunter die zukünftigen Konfirmanden, traditionell am Gedenkstein vor der Dreieinigkeitskirche begrüßt und mit ihnen das jüdische Gebet „Kaddisch“ gesprochen. „Heute erleben wir einen bedrückenden Jahrestag. Wir haben allen Grund zu mahnen und die Geschehnisse, die sich vor 80 Jahren rund 50 Meter von hier ereignet haben, nicht zu vergessen, damit ein solches Unrecht, eine solche Schandtat nie mehr geschieht“, sagte der Geistliche.

Sein Kollege Thomas Richter ergänzte wenig später im Gotteshaus: „Die Reichspogromnacht hat gezeigt, wozu Menschen fähig sind, wenn nur genügend Hass geschürt wird!“ Doch auch in unseren Tagen schürten Menschen Hass und spalteten die Gesellschaft. „Es muss Menschen geben, die dem entgegentreten“, lautete die Forderung des evangelischen Pfarrers.

Im Anschluss an die Gedenkstunde, die musikalisch von Bärbel Ehlert (Geiger) und Friedhelm Lutzer (Akkordeon) gestaltet wurde, begaben sich zahlreiche Menschen auf den jüdischen Friedhof an der Talstraße, um dort gemeinsam zu beten und nach jüdischer Tradition Steine auf die Gräber zu legen. „Wir gedenken hier Menschen, die unter uns gelebt haben und die auch nach ihrem Tod Würde besitzen“, sagte Dieter Sommer, der sich erfreut über die große Teilnehmerzahl zeigte, mit der ein wichtiges Zeichen gesetzt werde.

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