Eschweiler: Berufliche Chancen für psychisch Kranke

Arbeitsförderungsgesellschaft : Per Selbsthilfe auf ersten Arbeitsmarkt

Es ist schon ein schmuckes, massives Teil, der große Konferenztisch, an dem Dr. Wolfgang Hagemann und sein Sohn Fabian sitzen. In einem Raum, dessen Wände mit passgenauen Einbauschränken ausgestattet sind. Tisch wie Schränke hatten es nicht weit, in das Obergeschoss des AFG-Gebäudes an der Wasserwiese zu gelangen: Sie wurden im Haus selbst handgefertigt.

Seit fast 25 Jahren bietet die AFG, die gemeinnützige Arbeitsförderungsgesellschaft als Selbsthilfefirma, schwerbehinderten Menschen die Chance einer Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt. Das bedeutet: sozialversicherungspflichtige Dauerarbeitsplätze, die den Menschen helfen, ihren Alltag zu strukturieren, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen, ihr Selbstwertgefühl zu steigern und sich letztlich auch ein gutes Taschengeld hinzuzuverdienen. Anders als in betreuten Werkstätten gilt bei der AFG der Mindestlohn.

Entstanden ist die AFG, die eine hundertprozentige Tochter des von Dr. Wolfgang Hagemann ins Leben gerufenen Fördervereins für die Rehabilitation psychisch Kranker und Behinderter ist, aus der Erkenntnis, dass der Verein in seinem Mitte der 80er Jahre bezogenen Wohnheim seine Klienten zwar betreuen, ihnen aber nur sehr beschränkt Beschäftigung und Arbeitstherapie bieten konnte.

„Unser Ziel: Die Leute sollen qualifizierte Tätigkeiten erlernen“, betont Hagemann und unterstreicht die Unterschiede zu Werkstätten wie etwa der Caritas: „Dort werden immer wiederkehrende, einfache Tätigkeiten ausgeübt. Bei uns dagegen sind Leute, die ein Studium absolviert haben oder im Beruf erkrankt sind. Die gilt es so anzuleiten, dass sie wieder in der Lage sind, qualitativ gute Arbeit auszuführen.“ Dazu beschäftigt die AFG eigens Fachpersonal: Ausbilder, Betriebsleiter.

Acht im Umgang mit psychisch Kranken eigens geschulte Anleiter kümmern sich in der AFG derzeit um 22 Klienten. Klienten, die den Status von Festangestellten haben und zwischen 24 und 28 Stunden je Woche für die AFG arbeiten. Mehr ist nicht drin: Dann würde der Druck zu groß, wäre die Konstanz guter Arbeit nicht zu gewährleisten. „Wir sind zwar der erste Arbeitsmarkt, aber in einem geschützten Rahmen“, sagt Hagemann, dessen Sohn Fabian kaufmännischer Leiter des Fördervereins und seit kurzem auch Geschäftsführer der AFG ist.

Die handgefertigte, massive Tischplatte ist ein schmuckes Unikat: Fabian (links) und Wolfgang Hagemann in der AFG-Schreinerei. Foto: Rudolf Müller

Andererseits: „Wenn wir erkennen, dass jemand das Potenzial mitbringt, ist hier für ihn auch eine Ausbildung möglich“, sagt Fabian Hagemann. Das gilt nicht nur für psychisch Erkrankte: In der Schreinerei der AFG absolviert derzeit ein junger Mann ganz regulär seine Ausbildung zum Schreinergesellen.

Die Schreinerei ist einer von fünf Bereichen, in denen die AFG mit Erfolg tätig ist. Hier bauen fünf Mitarbeiter Massivholzmöbel aller Art nach Maß, leisten Trockenbauarbeiten, verlegen Laminat, fertigen komplette Küchen. Ein Bereich, der noch ausbaufähig ist, wie Fabian Hagemann sagt.

Das gilt für die Gartenpflege nur bedingt: Acht Mitarbeiter kümmern sich um Grünpflegearbeiten – sowohl für Privatleute als auch im Auftrag der Kommunen, der MVA und der AWA. „Durchaus möglich, dass dann auch mal ein, zwei Betreute aus dem Wohnheim mitkommen, die dann nur auf der Wiese sitzen und in einer Stunde gerade mal drei Unkräuter zupfen. Das ist völlig in Ordnung: Die werden vom Auftraggeber nicht bezahlt, können aber hier Zugehörigkeit erleben und ihr Selbstwertgefühl stärken“, sagt Hagemann.

Leichte Arbeit in der Gruppe schafft Zusammengehörigkeitsgefühl und hebt den Selbstwert: Beschäftigungstherapie des Fördervereins für die Rehabilitation psychisch Kranker im Domizil der AFG. Foto: Rudolf Müller

Auf Monate ausgebucht

Zu den Einsatzorten der Gartenpflegetruppe gehören zum Beispiel der Drimbornshof und das Gewerbe- und Technologiecenter. Jede Woche reinigen sie die Aussegnungshallen der Eschweiler Friedhöfe, säubern die Standorte aller Glascontainer in Eschweiler und beseitigen mit ihrer „Picker-Gruppe“, was Umweltsünder an Müll in der City und am Blausteinsee zurückgelassen haben.

Auf Monate ausgebucht ist derzeit die fünfköpfige Malergruppe. „Ein Klasse-Trupp“, so Hagemann, der mit vielen Hausverwaltungen in der Region zusammenarbeitet und für große Kunden, darunter Kommunen, ganze Häuser renoviert. Derzeit warten die AFG-Maler auf das Ergebnis einer Ausschreibung, das komplette Würselener Rathaus zu renovieren.

Last but not least ist da die Wäscherei: Hier wird für Firmenkunden gewaschen, gemangelt, gebügelt. Arbeitskleidung von MVA und AWA zum Beispiel, ebenso wie Tisch- und Bettwäsche aus der Röher Parkklinik. Und auch Privatleute können ihre Hemden hier zwar nicht waschen, aber günstig bügeln lassen.

Beschäftigungstherapie

Ebenfalls unter dem Dach der AFG-Halle an der Wasserwiese hilft Beschäftigungstherapie 22 Betreuten, ihren Tag zu strukturieren. Ein Angebot des Fördervereins, das sich sowohl an Klienten aus dem Wohnheim als auch aus den Wohneinrichtungen anderer Träger richtet. Hier wird beispielsweise recycelt, wird Kunststoff von Alukomponenten getrennt. „Eine Tätigkeit ohne Druck, die von psychisch Kranken sehr gern getan wird“, sagt Wolfgang Hagemann. Von Menschen zum Beispiel, die durch die Einnahme notwendiger Medikamente auch im Denken gebremst werden.

Ziel bleibt dennoch, den Menschen zu mehr Selbstständigkeit und Normalität im Alltag zu verhelfen, ihnen den Wechsel aus stationärem in ambulant betreutes Wohnen und aus der Beschäftigungstherapie in ein Angestelltenverhältnis zu ermöglichen.

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