Eschweiler: Eschweiler Ärzteduo veröffentlicht Standardwerk

Eschweiler: Eschweiler Ärzteduo veröffentlicht Standardwerk

Als er vor rund zehn Jahren zwei umfangreiche Fallsammlungen urologischer Fehlbehandlungen herausgab, galt er bei vielen seiner Zunft als Nestbeschmutzer. Damals, so sagt Professor Dr. Joachim Steffens heute, „haben wir alle Leichen aus den Kellern von 150 Kliniken Deutschlands geholt”.

Dass er und sein Mitautor P.H. Langen die jeweiligen Behandlungen kritisch begutachtet haben, stieß vielen Kollegen sauer auf. „Dabei haben wir das nicht getan, um den Kollegen an die Wand zu stellen”, betont Steffens. Sein Anliegen: Fehler und Risiken aufzuzeigen, um sie künftig vermeiden zu können.

Kunstfehler, Ärztepfusch: Heute ist das Thema aktueller denn je. Erst vor wenigen Wochen stärkte die Bundesregierung Patienten, denen der Nachweis, Opfer ärztlicher Fehler zu sein, oft schwerfällt, den Rücken. Die Zahlen sind alarmierend: Zwischen 17?000 und 300?000 Menschen sterben nach unterschiedlichen Studien jährlich infolge von Fehlbehandlungen, Nachlässigkeiten und ärztlichem Pfusch allein in den rund 2000 deutschen Kliniken. „Ein Großteil ist schlicht auf Ärztepfusch zurückzuführen und wäre vermeidbar”, sagt der Eschweiler Urologe ganz offen. Der Handlungsbedarf ist enorm. Und für Hunderttausende von Menschen, die ihre Gesundheit und ihr Leben Ärzten anvertrauen, überlebenswichtig.

Als Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr auf dem Deutschen Ärztetag in Nürnberg am Tag vor dem Kabinettsbeschluss von der Ärzteschaft forderte, „die Diskussion um die Fehlervermeidung offensiv” anzugehen, hatte Professor Dr. Joachim Steffens für seinen Fachbereich dem längst vorgegriffen: „Risiken und Komplikationen in der Urologie” heißt die von ihm und Dr. Petra Anheuser herausgegebene „Bibel” der Urologie, die als einziges Fachbuch ihrer Art zum Standardwerk für deutschsprachige Urologen avanciert ist. Dass es Steffens gelungen ist, 145 namhafte Ärzte und Autoren des Fachbereichs Urologie zur Mitarbeit zu gewinnen und ihre jeweiligen Spezialthemen anschaulich einzubringen, kommt nicht von ungefähr: Nach zehn Jahren Berufspolitik und wissenschaftlichem Arbeiten war der 54-jährige Indestädter, der sein Fachwissen in bereits sieben Büchern und mehr als 300 weiteren Publikationen weitergegeben hat, 2010/11 zum Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Urologie gewählt worden. „Und als solcher kennt man seine Kollegen ganz genau”, sagt Steffens.

Was in einjähriger, vornehmlich - wie Steffens gerne unterstreicht - von Dr. Petra Anheuser neben ihrer Tätigkeit als Oberärztin an der Klinik für Urologie und Kinderurologie des St.-Antonius-Hospitals geleisteter Arbeit herauskam, ist ein Werk von 332 Seiten mit 247 Abbildungen und 66 Tabellen. Ein Werk, in dem erfahrene Urologen anhand von Beispielen aus dem klinischen Alltag Risiken und Komplikationen bei unterschiedlichsten Befunden und Behandlungen von der medikamentösen Therapie bis hin zur minimal invasiven Chirurgie und Roboterchirurgie systematisch auflisten und dabei erläutern, was im Fall des Falles zu tun ist, um Komplikationen gezielt zu begegnen, statt sie aus falschem Stolz, Hilflosigkeit und Unwissen in einem möglichen Desaster münden zu lassen. Wenn man so will: eine übersichtliche Sammlung dessen, was für Otto Normalverbraucher in Kamera- oder Computerhandbüchern als „FAQs” unverzichtbar ist. „Frequently Asked Questions”, häufig gestellte Fragen, was bei welcher Fehlfunktion am sinnvollsten zu tun ist.

Ganz billig ist das Werk nicht: 199,90 Euro sind für das im Stuttgarter Georg-Thieme-Verlag erschienene Buch zu zahlen. Hört sich viel an. Ist aber nicht nur dann „Peanuts”, wenn auch nur eine der jeweils 60 Cent teuren Seiten einem Arzt - und mehr noch seinem Patienten - einen folgenschweren Behandlungsfehler erspart. Schon nach wenigen Wochen war die Hälfte der 1200 Exemplare zählenden Auflage verkauft; eine zweite, erweiterte ist in Vorbereitung. Petra Anheuser und Joachim Steffens verdienen übrigens an dem Werk keinen Cent, unterstreicht der Eschweiler Klinikleiter: „Uns geht es nur um die Sache!”

Die heißt: aus Fehlern lernen. Und das scheint diesmal zu funktionieren. „Wir haben aus Kollegenkreisen sehr viele sehr positive Resonanz erfahren, sagt Steffens, der für sein Bemühen vor Jahren noch schief angesehen wurde..”Ehrlich miteinander umgehen, den Patienten die Wahrheit sagen und Probleme gemeinsam lösen”, lautet das Credo des Chefarztes im Akademischen Lehrkrankenhaus der RWTH Aachen in Eschweiler. „So werden auch meine Mitarbeiter ausgebildet. Keiner kann sich hinstellen und sagen ?Ich bin hier der Star - jeder muss auch seine Fehler eingestehen können. Nur so kann man lernen.” Letzteres gilt auch für die Internetforen, die sich nach dem Erscheinen des Standardwerks von Anheuser/Steffens gebildet haben und auf denen rege diskutiert wird.

Wo Menschen arbeiten, machen Menschen Fehler. Die von Anheuser und Steffens herausgegebene Sammlung von Expertenanleitungen zum Risiko- und Komplikationsmanagement in der Urologie kann helfen, viele davon zu vermeiden. Steffens sieht sich da auf einer Linie mit Bundesgesundheitsminister Bahr, der auf dem Deutschen Ärztetag aufrief, aus den Fehlern verstärkt zu lernen. „Das geht nur dadurch, dass man sie offen anspricht, dass man sie thematisiert und daraus lernt”, sagt Bahr.

Und der Geschäftsführer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, Hardy Müller, forderte im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: „Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem Ärzte über Fehler berichten, ohne Angst haben zu müssen.” Zumindest im Eschweiler St.-Antonius-Hospital, so unterstreicht Professor Dr. Steffens, ist die längst Wirklichkeit.