Eschweiler: Enthusiastischer Applaus, nachdenkliches Staunen

Eschweiler : Enthusiastischer Applaus, nachdenkliches Staunen

Wirklich verstanden, was eigentlich passiert ist, hat er nicht! Eben noch war Dodó Deér (Helene Graff) verantwortlicher Catering-Manager bei einer großen Fluggesellschaft, nun findet er sich im „Outplacement Center” der „New Challenge Company” (NCC) wieder.

Und dort macht ihm Susanne Wrage (Laura Jahn), ehemalige Finanzanalystin der „Chase Manhattan”, unmissverständlich klar, in welcher Lage er sich befindet: „Sie sind entlassen worden!” Gemeinsam mit Michael Neuenschwander (Philipp Rueben), Julia Jenkins (Verena Sieben), Urs Bihler (Alexander Heinrich), Gilles Tschudi (Sebastian Rameil), Heinrich E. Krause (Max Salzmann) und Hanspeter Müller (Vanessa Buhl) nimmt Dodó Deér gerade an der wöchentlichen „Gipfelkonferenz” der NCC teil, denn diese muss dafür sorgen, dass die entlassenen Topmanager, „Top Dogs” genannt, schnellstens wieder funktionieren.

Optimale Unterstützung bei der Wiedereingliederung der Fallengelassenen des Arbeitsmarktes, lautet die Devise. Und zwar „all over the world”. Schließlich sind die Unternehmen weltweit auf der Suche nach belastbaren, flexiblen und leistungsstarken Mitarbeitern.

Aktueller kann ein Theaterstück in Zeiten der Banken-, Finanz-, Staatshaushalts- oder Was-auch-immer-Krisen kaum sein: 73 Schüler der Literaturkurse der elften und zwölften Jahrgangsstufe des Städtischen Gymnasiums unter der Leitung der Lehrer Felix Louis, Gottfried Haargasser und Peter Schulz beschäftigten sich seit Schuljahresbeginn intensiv mit dem gesellschaftskritischen Drama „Top Dogs” des Schweizer Autoren Urs Widmer, dessen Werk im Jahr 1996 in Zürich uraufgeführt wurde.

Am Freitag brachten die Nachwuchsdarsteller das Werk nun erstmals auf die Bühne der vollbesetzten Schulaula und ernteten nach zwei Stunden sowohl enthusiastischen Applaus als auch nachdenkliches Staunen. Denn das, was die Zuschauer und -hörer live und in Videoeinspielungen geboten bekamen, war nicht gerade leichte Kost.

Alle ehemaligen „Top Dogs” leiden nämlich unter Realitätsverlust und können nicht nachvollziehen, was geschehen ist. Dodó Deér musste musste zwar selbst Menschen entlassen, „als wir das Catering ausgelagert haben”, aber dass ihm nun das Gleiche wiederfährt!? Susanne Wrage verlässt während ihres Karibik-Urlaubs, den sie sich nach ihrer Entlassung endlich einmal gegönnt hat, drei Wochen lang ihr Hotelzimmer nicht und verbüsst quasi eine Gefängnisstrafe.

Und erst Heinrich E. Krause: Das „sentimentale Ungeheuer” steht nun als Versager auf der Straße („dafür ist sie ja da”), die Familie ist weg, das Haus leer. Einziger Ausweg: „Ich bringe mich um, das ist sicher!” Auch Hanspeter Müller träumt davon, ein Leben zu beenden, Aber nicht sein eigenes: „Eine Bergwanderung mit meinem Chef. Wir steigen über die Nordwand. Klare Luft, freie Sicht. Tief unter uns ist ein Gletscher. Und dann stoße ich ihn!” Gilles Tschudi dagegen bekam die Quittung, sich auf seinen Loorbeeren ausgeruht zu haben.

„Business ist Krieg, Blut und Tränen, der Markt ein Schlachtfeld geworden. Und im Krieg brauche ich andere Menschen als im Frieden!”, hat ihm sein Chef mitgeteilt - und ihn entlassen. Dodó Deér zweifelt inzwischen, ob er überhaupt noch Manager sein will, oder nicht viel lieber Tierpfleger. „Einmal das Fell eines lebendigen Gorillas kraulen. Ich glaube, nirgendwo ist man so frei wie im Zoo.”

Und während Susanne Wrage überzeugt ist, zurückzukommen, „und zwar durchs Hauptportal”, hat die NCC für Julia Jenkins bereits eine neue Verwendung gefunden. In Südkorea, direkt an der Grenze zum Norden...

„Ein Stück, das von seiner Thematik perfekt in die momentane Situation passt”, betont Lehrer Felix Louis, der genau wie seine Kollegen Gottfried Haargasser und Peter Schulz erstmals einen Literaturkurs leitet. „Wir drei waren uns zu Beginn des Schuljahres schnell einig, dieses Werk, das schon mehrfach Schultheaterpreise eingeheimst hat, auf die Bühne des Städtischen Gymnasiums zu bringen”, denkt er zurück.

Im Bewusstsein, den Schülern damit einiges abzuverlangen. „Das Stück ist sehr sprachlastig, die Dialoge mussten sich den Schülern erst erschließen”, betont der Deutsch- und Sozialwissenschaftslehrer. „Doch von Oberstufenschülern kann man so etwas schon erwarten”, macht er deutlich.

Unterstützung erhielt das Lehrertrio von Heike Sievert, Choreographin des Dasda-Theaters Aachen, die den Schülern vor allem in den Bereichen Motorik, Gestik und Mimik wertvolle Tipps geben konnte.

„Unser Projekt ist Teil der Schultheatertage der Städteregion Aachen”, erklärt Felix Louis. So stand am Dienstag die zweite Aufführung im Aachener Ludwig-Forum auf dem Programm.

Doch auch auf der Bühne der Aula des Städtischen Gymnasiums werden die „Top Dogs” noch einmal zu sehen sein. Am kommenden Samstag, 23. Juni, treffen sie sich ab 19.30 Uhr zu einer weiteren „Gipfelkonferenz”.

Die Mitwirkenden des Stücks: Tarek Abbadi, Niels Braune, Jan Contzen, Christoph Degives, Anna Christina Fitscher, Larissa Gertig, Helene Graff, Tobias Joussen, Veit Kluge, Miriam Kuspiel, Lars Lüdeke, Thilo Mertes, Lena Nietschmann, Mira Otto, Sebastian Rameil, Philipp Rueben, Anja Schaffrath, Oliver Schüller, Julia Steyns, Kai Svoboda, Daniel Vitzer, Florian Weyand, Christian Winands, Ruby Afoley-Laryea, Sarah-Katharina Bourceau, Vanessa Kittiya Buhl, David Benjamin Cüpper, Gil-Alexander Dayss, Christian Ebener, Marvin Freiter, Kathrin Gilleßen, Laura Granrath, Alexander Heinrich, Joia Holly, Laura Jahn, Johannes Krugmann, Lisa Mersch, Sebastian Neumann, Marc Nolden, Adrian Pogorzelski, Mara Reisgen, Björn Sachs, Thomas Schilling, Verena Sieben, Paul Lukas Stock, Denise Trautmann, Phil Wätzmann, Jacqueline Winkler, Mine Ali, Carla Büttgen, Christopher Derwall, Anja Doveren, Sandra Franken, Tobias Groß, Rebecca Günther, Tim Hermanns, Mohsin Iqbal, Vivian Kastner, Cedric Kochs, Marina Kosiec, Sarah Merk, Alina Nwachukwu, Alexander Ostarek, Katharina Reichert, Maximilian Salzmann, Saskia Savelberg, Anja Schmidt, Keshia Steuer, Kevin Wieczorek, Inko Wittig, Patrick Wolf, Lina Zaft-Schallenberg, Erik Zimmermann

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