Eschweiler: Eine Sucht kann nicht geheilt, nur behandelt werden

Eschweiler: Eine Sucht kann nicht geheilt, nur behandelt werden

In der linken Hand hält Robert D. (Name von der Redaktion geändert) eine Zigarette. „Mit dem Zeug will ich auch aufhören“, sagt er, als er den Stummel kurz darauf ausdrückt. Robert ist 25 Jahre alt und seit einem Jahr clean.

Bereits mit 13 Jahren fing er an, Drogen zu nehmen. Der Grund war die Scheidung seiner Eltern. In seiner Nachbarschaft lernte er ein Mädchen kennen, das Speed konsumierte — Roberts Einstiegsdroge. „Ich habe mir gedacht, dass ich das einfach mal ausprobiere“, erinnert er sich. Schnell rutschte er tiefer in den Drogensumpf. Neben Speed nahm er Kokain und Ecstasy, rauchte Cannabis und Zigaretten.

1071 Menschen bei Beratung

Dass Fälle wie diese in der Indestadt eher zu den Ausnahmen gehören, wissen Gabi Fischer von der Suchtberatung und Nicole Hillemacher von der Mobilen Jugendarbeit der Stadt Eschweiler. Im vergangenen Jahr suchten 1071 Menschen mit Sucht- oder Drogenproblemen die Beratungen in Alsdorf und Eschweiler auf. Der Schwerpunkt lag jedoch nicht auf Kokain, oder Cannabis, sondern auf dem klassischen Suchtmittel schlechthin: Alkohol.

Lag die Zahl der Betreuungen von Alkoholikern im Jahr 2009 in der Indestadt noch bei 401 Betroffenen, so stieg sie kontinuierlich an. Im Jahr 2012 waren es bereits 595 Menschen, die Hilfe in Anspruch nahmen. „Alkohol ist in der Gesellschaft akzeptiert“, meint Gabi Fischer und ergänzt: „Ein Alkoholabhängiger kann lange und gut in seinem System leben, ohne dass es auffällt. Bei einem Heroinabhängigen ist das nicht möglich.“

Heroin hat Robert noch nie genommen. „Davon wirst du direkt abhängig und so weit wollte ich nie gehen.“ Vor Alkohol machte er als Jugendlicher allerdings nicht Halt. Mit seiner ersten Alkoholvergiftung mit 14 Jahren landete er im Krankenhaus. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, bald wieder zur Flasche zu greifen.

Im Leben von Robert spielten Drogen eine immer größere Rolle. „Ich habe gekifft und mir das Zeug durch die Nase gezogen. Tabletten habe ich auch noch genommen“, sagt er. Zu seinen schlimmsten Zeiten habe er am Tag mehr als 25 Pillen Ecstasy eingeschmissen. „Dann habe ich aufgehört zu zählen.“

Angst vor Nebenwirkungen hatte er nicht. „Als ich das erste Mal Kokain genommen habe, war ich sechs Tage wach und habe am Ende nur noch geweint, weil ich nicht schlafen konnte.“ Außerdem habe er kein Hungergefühl mehr verspürt und stark abgenommen. „Das Zeug entzieht deinem Körper das ganze Wasser. Du schwitzt schon, wenn du nur spazieren gehst.“

Bereits 2010 versuchte er clean zu werden und machte eine 13-tägige Entgiftung. Wenige Tage nach der Entlassung wurde er rückfällig. „Dafür schäme ich mich nicht“, sagt er, während er sich eine weitere Zigarette anzündet, und fügt hinzu: „Jeder kann rückfällig werden. Auch wenn ich clean bin, werde ich immer ein Abhängiger bleiben.“

Für immer abhängig

Sucht könne nicht geheilt werden, sondern nur behandelt, weiß auch Gabi Fischer. „Wer nie eine Therapie machen möchte, der braucht das auch nicht. Wir helfen auch so“, sagt Fischer. Dass er Hilfe braucht, wollte Robert sich lange Zeit nicht eingestehen. Er ist sich sicher: „Es muss bei dir selbst „klick“ machen. Wenn das nicht passiert, kannst du 1000 Therapien machen und du wirst trotzdem immer wieder anfangen.“

Neben den Drogen setzte Robert sich vor allem damit auseinander, wie er sich die Suchtmittel beschaffte. Zahlreiche Einbrüche waren die Folge. Wegen Sachbeschädigung landete er für 25 Tage im Gefängnis. Auf die Frage, ob er sich selbst als Junkie bezeichnen würde, antwortet er: „Ein Junkie ist jemand, der morgens aufsteht und direkt etwas einwirft und das geht dann den ganzen Tag so.

Um sich das zu finanzieren, geht er auch klauen.“ Der 25-Jährige macht eine kurze Sprechpause, seine blauen Augen glänzen und er fährt mit leiser Stimme fort: „Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann war ich das auch.“ Sein Blick richtet sich gen Boden, dann drückt er seine Zigarette im Aschenbecher aus.

Mit der Zeit lernte er, dass man von der Realität immer wieder eingeholt wird: „Du kannst nicht so viel konsumieren, dass du immer weg bist. Irgendwann holt die Vergangenheit dich ein und dann wird es schlimmer als vorher.“

Es hat „klick“ gemacht

„Klick“ machte es bei Robert im vergangenen Jahr. Er hatte wieder Kontakt zu seinem Sohn und beschlossen, eine stationäre Therapie zu machen. Einzel-, Gruppengespräche und Sport standen auf dem Programm. Er lernte über seine Gefühle zu reden.

Inzwischen hat er regelmäßig Kontakt zu seinem Sohn und einen Job. Von seinem damaligen Freundeskreis hält er sich fern. „Egal wo ich hinkomme, ich sehe Menschen an, wenn sie Drogen nehmen. Ich bin selbst süchtig. Nur weil ich Drogen genommen habe, bin ich kein schlechter Mensch.“ Das findet auch Hillemacher. „Drogen dürfen kein Tabu-Thema sein. Man sollte offen darüber sprechen.“