Erzählerin Antonella Simonetti: Eine Frau, die Geschichten verkörpert

Erzählerin Antonella Simonetti : Eine Frau, die Geschichten verkörpert

Worte formen Sprache. Doch auch die Art und Weise, wie Worte ausgesprochen werden, übt großen Einfluss auf den Zuhörer aus. Gestik, Mimik und nicht zuletzt Lautstärke spielen entscheidende Rollen für das Verständnis und die Interpretation des Gehörten.

Im Rahmen des Sprachenforums der Volkshochschule Eschweiler war die Geschichtenerzählerin Antonella Simonetti an der Kaiserstraße zu Gast, um vor zahlreichen sprachinteressierten Menschen Geschichten, Erzählungen, Märchen, Mythen, Sagen und Legenden zum Besten zu geben.

Dabei machte sie dem Programmtitel „Nuove storie di vita, morte e miracoli – Neue Geschichten vom Leben, Tod und Wundern“ alle Ehre. Denn die gebürtige Italienerin, die seit 30 Jahren in Köln lebt, präsentierte ihre Erzählungen dreisprachig: in deutsch, italienisch – und gemischt!

„Inmitten des Weltalls, dort wo sich Erde, Sterne und Himmel berühren, existiert auf dem höchsten Gipfel ein Ort, an dem eine Göttin wohnt, in deren Haus sich jedes Bild widerspiegelt, in dem ein ständiges Kommen und Gehen herrscht, in dem jeder Ankömmling in den Töpfen der Gerüchteküche rührt und etwas Neues hinzufügt. Wer dieser Fülle etwas entnimmt, bringt Harmonie, Schönheit und Ordnung ins Universum“, öffnete Antonella Simonetti umgehend das Tor zu einer Welt, in der alle Facetten des Lebens zu finden sind.

„Worte sind die Brücke zum Herzen und der Schlüssel zur Seele“, ließ sie der Begrüßung von VHS-Leiterin Silvia Hannemann, die Malgorzata Müller (Leiterin des Fachbereichs Integration und Sprachen und Initiatorin des Sprachenforums) vertrat, Taten folgen. Und sie bediente sich dabei auch der universellen Sprache der Musik: Ai Aoki untermalte die Geschichten von Antonella Simonetti am Saxophon und weiteren Instrumenten.

Mit vollstem Körpereinsatz präsentierte die Erzählerin im wahrsten Sinne des Wortes fantastische Begebenheiten vom Streben der Menschen nach Glück. Dabei wechselte sie immer wieder auch mitten im Satz die Sprache, ohne dass die Zuhörer, unabhängig ihrer Sprachkenntnisse, Gefahr liefen, den Faden zu verlieren. Die Worte und Sätze trafen merklich eben nicht nur den Kopf, sondern die Herzen und die Seelen der Menschen.

Wobei auch das Augenzwinkern keinesfalls zu kurz kam: Denn als der Schöpfergott sein Werk vollenden wollte, schuf er die Frau, die dem Mann durchaus Kopfzerbrechen bereitete. Als dieser die Frau dem Schöpfer zum wiederholten Mal zurückgeben möchte, konstatiert Gott, dass der Mann wohl weder mit noch ohne die Frau leben könne. Die Frau erklärt dagegen lapidar, dass sie sowohl mit als auch ohne ihr männliches Pendant bestens zurechtkomme.

Affen und Hüte

Zu guter Letzt warf Antonella Simonetti mit Hilfe einer kurzen Erzählung die Frage auf, ob der Mensch tatsächlich die Krone der Schöpfung sei. Denn ein junger Mann, der von Dorf zu Dorf reist, um Hüte zu verkaufen, schläft auf seiner Reise unter einem Mangobaum ein und träumt davon, durch den Verkauf aller Hüte so reich zu werden, dass ihn der Wesir bittet, seine Tochter zur Frau zu nehmen.

Als er aufwacht, sind alle seine Hüte verschwunden. Der junge Mann blickt verzweifelt gen Himmel und sieht, dass der Mangobaum von einer Horde Affen bevölkert wird, die sich die Hüte auf ihre Köpfe gezogen haben. Als der junge Mann bemerkt, dass die Affen all seine Bewegungen imitieren, reißt er sich seine Schirmmütze vom Kopf und wirft sie auf den Boden. Die Affen tun es ihm gleich und so erhält er seine Hüte zurück.

Eine Frage für den Rückweg

50 Jahre später wandelt sein Enkel Habib auf den Spuren seines Großvaters, gerät in die gleiche Situation und erinnert sich an das Handeln seines Vorfahren, das inzwischen unter den Menschen von Generation zu Generation weitergegeben wird. Auch diesmal imitieren die Affen die Handlungen des Menschen. Als Habib jedoch seine Schirmmütze auf den Boden wirft, bleibt die Reaktion der Affen aus. Stattdessen springt ein Affe vom Mangobaum und stellt Habib eine Frage: „Glaubt ihr Menschen tatsächlich, dass ihr die einzigen Geschöpfe seid, die Geschichten weitergeben?“

Eine Frage, die die Zuhörer auf ihrem Nachhauseweg nach knapp zweistündigem Genuss außergewöhnlicher Erzählkunst begleitet haben dürfte.

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