Ausgrabungen in Eschweiler: Eine 7000 Jahre alte Steinzeit-Siedlung

Ausgrabungen in Eschweiler : Eine 7000 Jahre alte Steinzeit-Siedlung

Bei Ausgrabungen in Eschweiler und Würselen haben Archäologen Teile einer der größten steinzeitlichen Siedlungen Europas entdeckt. Nördlich des Aachener Autobahnkreuzes fanden sie die Spuren so genannter Langhäuser, Abfallgruben und die Scherben keramischer Gefäße.

Die Relikte sind etwa 7000 Jahre alt. Westlich von Röhe wurden zudem Reste einer deutlich jüngeren Streusiedlung freigelegt. Sie entstand wahrscheinlich in der jüngeren Bronzezeit, etwa 1000 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung.

Wegen zweier Großprojekte sind derzeit umfangreiche archäologische Grabungen in der Nähe von Broichweiden und nordöstlich von Eschweiler notwendig. Zum einen wird die „Zeelink“-Gaspipeline vorbereitet, die im Jahre 2021 in Betrieb gehen soll. Sie wird von Zeebrügge in den Niederlanden aus über Aachen-Lichtenbusch bis nach Ahaus führen. Auf Würselener Stadtgebiet soll dafür eine Verdichterstation entstehen, die eine Fläche von der Größe mehrerer Fußballfelder beansprucht. Für den Bau der Station werden jetzt Wirtschaftswege nahe dem Flugplatz Merzbrück zu Baustraßen verbreitert. Deshalb sind diese Wege derzeit als Radwanderwege gesperrt, die Radler werden durch Broichweiden umgeleitet. Entlang dieser Wirtschaftswege werden archäologische Untersuchungen vorgenommen. Über Funde bei diesen Grabungen ist bisher allerdings nichts bekannt.

Anders ist das bei dem zweiten großen Projekt, der Verlegung eines Gleichstrom-Erdkabels durch die Amprion GmbH zwischen Niederzier und Belgien. Diese erste direkte Stromverbindung zwischen Deutschland und Belgien mit einer Kapazität von 1000 Megawatt wird meist parallel der Autobahnen 4 und 44 verlaufen. Das Projekt mit dem Namen „Alegro“ soll 2020 fertig sein.

Ein großer schwarzer Fleck: Haben hier Steinzeitmenschen um 5000 vor Christi den Brandschutt eines abgebrannten Hauses in eine Grube gekippt? Grabungsleiter Thomas Sambale hält das für die einleuchtendste Erklärung. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Vor dem Verlegen der Stromleitung muss die Trasse auf einer Breite von acht Metern archäologisch untersucht werden. Diese Arbeiten haben bereits 2017 begonnen. Beauftragt ist damit die Dürener Fachfirma Goldschmidt. Dabei wurden in Oberzier bei Düren Gräber aus der Römerzeit entdeckt, berichtete die Projektleiterin Dr. Tanja Baumgart.

Wegen der Größe des Projekts arbeiten mehrere Grabungsteams gleichzeitig. Aktuell werden direkt neben der Bundesstraße 264 nahe dem Ortseingang von Eschweiler-Röhe Reste einer metallzeitlichen Streusiedlung freigelegt und dokumentiert. Solche Siedlungsbelege hat das Team auch beim nahen Buschfuhrer Hof bereits entdeckt. Tanja Baumgart: „Der Siedlungsplatz stammt wahrscheinlich aus der jüngeren Bronzezeit, also etwa 1000 vor Christi. Vielleicht auch noch aus der Eisenzeit, wir müssen die Funde noch genauer anschauen.“ Entdeckt und dokumentiert wurden vor allem Gruben. Auch Pfostengruben als Reste von Gebäuden konnten die Archäologen nachweisen.

Mitten im Matsch sitzen und mit Buntstiften ein Bild zeichnen – für Archäologen ist das ganz normal. Hier dokumentiert Sabine Voit in der Grabungsstelle bei Röhe einen freigelegten Befund aus der Metallzeit. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Bedeutender und auch deutlich älter sind die Funde in der Nähe des Aachener Autobahnkreuzes. Dort legte ein Team um Grabungsleiter Thomas Sambale Teile einer bandkeramischen Siedlung aus der Jungsteinzeit frei. Auf einem 600 bis 800 Meter langen Geländeabschnitt siedelten damals Menschen, die man als die ersten Bauern bezeichnen kann. Sambale: „Wir sind hier so um die 5000 Jahre vor Christus. Es ist noch Steinzeit, aber die Menschen stellen schon Keramiken her. Die Wandungen dieser Keramiken haben oft Linienmuster, deshalb werden diese Kulturen als Linearbandkeramiker bezeichnet.“

Die Linearbandkeramiker waren die ersten sesshaften Siedler in Europa. Sie waren die ersten, die Häuser errichtet und Getreide angebaut haben. Ihre Häuser waren die so genannten Langhäuser, 20 bis 40 Meter lang, aber nur fünf bis acht Meter breit. Drei bis fünf Pfostenreihen trugen die Konstruktion. Die Wände bestanden zwischen den Pfosten aus Reisig, der mit Lehm beworfen war. Natürlich sind diese Häuser längst vergangen. Aber dort, wo die Pfosten standen, hat sich der Boden verfärbt. Wenn Archäologen bei ihren Grabungen kreisrunde, dunkle Flecken finden, die typischerweise in Reihen angeordnet sind, können sie sicher sein: Hier stand einmal ein Langhaus.

In ihrem Geländeschnitt nördlich der Autobahn haben die von Amprion beauftragten Archäologen diese typischen Verfärbungen freigelegt. Nicht nur die Pfostenlöcher, auch viele Gruben haben sie gefunden. Solche Gruben sind besonders spannend, denn wenn es sich um Abfallgruben gehandelt hat, finden sich darin oft Scherben der typischen Keramik. Damit lässt sich das Alter der Fundstätte bestimmen. Auch Vorratsgruben für Getreide sind aufschlussreich. Man erkennt sie an ihrer Glockenform und an einer dünnen, schwarzen Grenzschicht — ein Hinweis auf die Auskleidung der Gruben mit Reisig. „Wenn man Gruben mit Überresten des ursprünglichen Inhalts findet, kann man archäobotanische Analysen von den Getreidekörnern machen“, sagt Projektleiterin Tanja Baumgart.

Dieses unscheinbare Bröckchen Keramik ist Teil eines Gefäßes, das vor rund 7000 Jahren getöpfert wurde. Die Linien darauf sind typisch für die Zeit der Linearband-Keramik. Der Fund stammt aus der jetzt dokumentierten Steinzeit-Siedlung am Autobahnkreuz Aachen. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eine besonders große Grube, die Thomas Sambale und sein Team freigelegt haben, enthält ebenfalls eine schwarze Schicht, wahrscheinlich durch Reste von Holzkohle. „Es könnte sein“, vermutet Sambale, „dass da ein Haus abgebrannt ist, und dann haben sie den ganzen Müll von dem Haus genommen und einfach in diese Grube geschüttet.“

Oft überschneiden sich diese Gruben. Sie sind nicht gleichzeitig entstanden, sondern im Verlauf der Besiedlungszeit. Die gesamte jetzt entdeckte große Siedlung wird nicht über die Jahrzehnte hinweg die gleiche Ausdehnung gehabt haben. „Bei diesen ersten bäuerlichen Kulturen“, erläutert der Archäologe, „waren die Böden ja verhältnismäßig schnell erschöpft. Wenn die dann nichts mehr hergaben, wurde die Siedlung einfach ein Stückchen verlegt. Man hat dann wieder die Wälder gerodet und neue Felder angelegt.“

Um zu solchen Erklärungen zu kommen, sind viele Stunden ebenso mühsamer wie sorgfältiger Arbeit notwendig. Zuerst wird der Mutterboden entfernt. Er wird gesondert gelagert, damit er nach dem Ende der Grabung wieder zuoberst eingebaut werden kann. Von der dann hergestellten Fläche aus, dem ersten Planum, tragen die Archäologen sorgsam Schicht um Schicht ab, oft millimeterweise. Funde werden dokumentiert, sowohl die Bodenverfärbungen als auch Gegenstände wie Scherben, Feuersteinknollen und Abschläge von Feuersteinen. Steinwerkzeuge wie Pfeilspitzen oder Messer findet man eher selten, versichert der Grabungsleiter.

Nicht nur fotografisch, auch zeichnerisch werden Bodenbefunde festgehalten. Wenn notwendig, werden mehrere Plana sowie Profilschnitte bis zur Grubensohle angelegt.

Größere Strukturen werden tachymetrisch dokumentiert. Die Tachymetrie ist eine Methode zum schnellen dreidimensionalen Einmessen von Punkten. „Man kann dann die Daten später auf dem Laptop auslesen und mit spezieller Software präzise Pläne erstellen“, erläutert Thomas Sambale. Mit dieser Methode wird auch die Siedlung der Bandkeramiker am Aachener Kreuz vermessen. Damit man sie auch dann noch erforschen kann, wenn längst wieder der Mutterboden die Fundstelle bedeckt und die Landwirte Mais oder Weizen nördlich von Röhe einsäen.