Eschweiler: Ein sehr wehmütiger Rückblick auf St. Michael

Eschweiler: Ein sehr wehmütiger Rückblick auf St. Michael

Mit dem 29. Band seiner Schriftenreihe legt der Eschweiler Geschichtsverein das bisher umfangreichste Werk dieser Reihe vor. Auf 249 Seiten werden elf stadtgeschichtliche Themen behandelt. Das Buch ist ab sofort im örtlichen Buchhandel erhältlich. Mitglieder des Geschichtsvereins erhalten es kostenlos als Jahresgabe.

Im Archivraum im Souterrain des Rathauses wurde es am Mittwochnachmittag ein wenig feierlich. Mit Sekt stießen dort 15 Mitglieder des Eschweiler Geschichtsvereins auf ein gelungenes Werk an: Band 29 der Schriftenreihe ist fertig, und er wurde noch dicker als alle seine Vorgänger. Der 1978 erschienene erste Band hatte gerade einmal 72 Seiten — eher eine Broschüre als ein Buch, erinnerte sich Simon Küpper an die Anfangsjahre. Aber immerhin waren auch damals schon lokalhistorisch bedeutsame Aufsätze dort versammelt, etwa über die Geschichte des Gymnasiums oder zum 120-jährigen Bestehen des St.-Antonius-Hospitals.

Ein Nachschlagewerk

Seit damals bis heute ist Simon Küpper, inzwischen Ehrenvorsitzender des Eschweiler Geschichtsvereins, der Schriftleiter dieser Reihe. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, er macht aus den Manuskripten der Autorinnen und Autoren und den vielen historischen Bildern eine Buchserie, die zu einem lokalhistorischen Nachschlagewerk geworden ist. Eine Übersicht aller Beiträge seit 1978 findet sich auf der Internetseite des Geschichtsvereins unter www.eschweilergeschichtsverein.de.

Dort gibt es auch eine Liste der vielen anderen Veröffentlichungen, denn der Geschichtsverein gibt nicht nur die Schriftenreihe heraus, sondern auch Bücher — als jüngstes ein Werk über die Röthgener Burg. Außerdem gab es bereits weitere Veröffentlichungen wie Bildkalender, Bildbände, Hefte mit heimischen Kochrezepte und auch den beliebten Schimpfwortkalender.

Alle Autoren der Beiträge in Nr. 29 sind Mitglieder des Eschweiler Geschichtsvereins, darauf wies Simon Küpper am Mittwoch hin. Das zeige, wie hoch der lokalhistorische Sachverstand und Forschergeist in diesem Verein ist.

Als Titelbild wurde diesmal eine Ansicht der Synagoge an der Moltkestraße ausgewählt, die 1891 eingeweiht und in der Nacht zum 10. November 1938 niedergebrannt wurde. Das Bild weist auf einen Beitrag von Stadtarchivar Horst Schmidt hin, der eine Zeittafel zur Geschichte der Juden in Eschweiler und den eingemeindeten umliegenden Orten aufgestellt hat. Sie beginnt mit der ersten Erwähnung eines in Weisweiler ansässigen jüdischen Arztes 1546 und reicht bis zur Ausstellung im Rathaus im November des vorigen Jahres, die von Schmidt selber konzipiert und gestaltet worden war.

Die einzige Autorin

An erster Stelle im Band 29 steht die Geschichte der jüngsten katholischen Pfarrgemeinde in Eschweiler und ihres Pfarrzentrums St. Michael, verfasst von der einzigen Autorin der Runde, die am Mittwoch zusammenkam. Maria Luise Hermann hat mit spürbarer Wehmut die Geschichte von St. Michael geschrieben — die Kirche an der Steinstraße wird aus finanziellen Gründen voraussichtlich bald entwidmet und dann nicht mehr als Gotteshaus genutzt.

So, wie sich Maria Luise Hermann „ihrer“ Pfarrgemeinde widmet, so sind auch die beiden nächsten Beiträge von Leuten geschrieben, die sozusagen hautnah dabei waren. Hans Günter Bömeke, früherer Geschäftsführer der Lynenwerke, schildert auf 26 Seiten die Geschichte dieser traditionsreichen, inzwischen stillgelegten „Fabrik isolierter Drähte und Kabel“. Und der Beitrag „50 Jahre Richtfest am St.-Antonius-Hospital“ wurde verfasst vom früheren Verwaltungsdirektor und Geschäftsführenden Vorstand des Krankenhauses, Ludger Petersmann.

Fast einen Krimi hat Hubert Jakobi verfasst. Im knochentrocken klingenden Titel seines Beitrags „Eine Geschäftsreise nach England in der Frühphase der Industrialisierung und ihre Auswirkungen auf die heimische Eisenhüttenindustrie“ steht das Wort „Geschäftsreise“ in Anführungsstrichen. Jacobi schildert einen Fall von Industriespionage im Frühjahr 1823. Die Spione: der Industrielle Eberhard Hoesch, der später in Eschweiler das Werk „Hoesch & Söhne“ gründete, und der Ingenieur Samuel Dobbs. Sie reisten in das damals industriell führende England, um heimlich moderne Verfahren der Eisenherstellung zu erkunden.

Den umfangreichsten Beitrag im Band 29 der Schriftenreihe hat ein Autorenkollektiv verfasst. Der von Dr. Berthold Drube geleitete Arbeitskreis 4 „Industrie- und Gewerbegeschichte“ des Eschweiler Geschichtsvereins beschreibt mit einer Fülle von Fakten, wie der elektrische Strom nach Eschweiler kam, vom ersten Aufleuchten einer Glühbirne bis zum Bau der ersten Windkraftanlage in Eschweiler im Jahr 1993 an der Autobahn-Raststätte.

Opernsängerin Rosa Sucher

Die weiteren Beiträge: Heinz Hilgers legt „Anmerkungen zur Nothberger Pfarr- und Ortsgeschichte“ vor. Dr. Josef Brandt erforschte die Geschichte der Aktiengesellschaft Eschweiler Bank. Horst Schmidt verfasste nicht nur die Zeittafel „Juden in Eschweiler“, sondern erinnert auch an die heute vergessene Opernsängerin Rosa Sucher. Hans-Reiner Jansen hat einen aufschlussreichen Bericht ausgewertet, den der Bürgermeister Carl Englerth (1756 bis 1814) über die französische Mairie Eschweiler verfasst hat.

Und auch Armin Gille, dem Simon Küpper besonders herzlich für das Korrekturlesen der jüngsten Veröffentlichung dankte, befasst sich in einem Beitrag mit der Franzosenzeit. Er untersuchte die Bevölkerungslisten aus den Jahren 1799, 1812 und 1813 für die Orte Hastenrath und Scherpenseel.