Eschweiler: Ein Buch, das niemals an Aktualität verliert

Eschweiler: Ein Buch, das niemals an Aktualität verliert

„Es gibt über den Krieg kein gutes Wort zu sagen!“ Der, der diesen Satz spricht, hat in seiner Kindheit und seiner Jugend selbst viel Gewalt am eigenen Leib erfahren müssen.

Seit nunmehr sechs Jahren ist Schriftsteller Tilman Röhrig einmal jährlich zu Gast in der Realschule Patternhof, um vor Schülern der zehnten Jahrgangsstufe aus seinem historischen Jugendroman „In 300 Jahren vielleicht“, für den er im Jahr 1984 mit dem „Deutschen Jugendliteraturpreis“ ausgezeichnet wurde, zu lesen und mit den Schülern ins Gespräch zu kommen.

Das Buch, das auf 150 Seiten die fünf letzten und furchtbaren Tage des fiktiven Dorfes Eggebusch während des „Dreißigjährigen Krieges“ (1618 bis 1648) beschreibt, gehört seit Jahren fest zum Schulprogramm der Realschule und wird im Rahmen des Religionsunterrichts der zehnten Jahrgangsstufe intensiv behandelt.

„Es gibt Bücher, die niemals an Aktualität verlieren. Schließlich rücken die Krisen- und Kriegsgebiete wieder näher an uns heran“, betont Röhrig, der in seinem 1973 erschienenen Roman „Thoms Bericht“ seine eigenen Erfahrungen mit einem gewalttätigen Vater, der seinen Sohn häufig bis aufs Blut verprügelte, beschrieb.

Die Geschichte der Kindheit und Jugend Röhrigs war auch Gegenstand der Dokumentation „Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie“, die am vergangenen Montag in der ARD ausgestrahlt wurde. „Auch diese Art von Gewalt legt die Basis für Krieg“, ist der Schriftsteller, der vor seiner Autorenkar-riere als Schauspieler tätig war, überzeugt. Entscheidend sei aber, Gewalt nicht stillschweigend hinzunehmen, sondern darum zu kämpfen, den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt verlassen zu können. So wie es Röhrig tat, als er im Alter von 15 Jahren sein Elternhaus hinter sich ließ. „Ganz wichtig ist auch, sich über seine Erlebnisse mit Menschen, die eine ähnliche Geschichte vorzuweisen haben, auszutauschen, egal auf welche Weise.

Denn das Wissen, mit derartigen Erlebnissen nicht alleine zu sein, nimmt auch dem Selbstmitleid die Spitze“, so der Autor, der im Beisein von Sabina Jansen und Jörg Drescher von der Buchhandlung Oelrich & Drescher sowie von Priester Christoph Graaff vor die Schüler der Lehrer Günther Busch, Elisabeth Dammwerth, Elke Schwieren und Sigrid Hendrik trat und zahlreiche Fragen beantwortete.

Etwa, wie er zum Autor wurde? „Als Kind habe ich oft gehört, ‚Tilman, halt die Klappee_SSLq. Ich war Luft für die anderen. Aus dieser Not heraus habe ich mit demjenigen gesprochen, der zuhörte. Und das war das Papier. Schriftsteller zu werden, konnte ich mir aber lange Zeit nicht vorstellen. Mein Traum, den ich mir auch erfüllte, war, Schauspieler zu werden. Bis mir dies irgendwann zu wenig wurde, denn der Schauspieler ist nach dem Autor und dem Regisseur erst der Dritte, der denkt“, antwortete Röhrig, dessen neues Buch „Die Könige von Köln“ am 1. September erscheint.

Die Schauspielerei sei zunächst auch eine Flucht aus seiner Lebenssituation gewesen. „Ich hatte das Gefühl, wenn ich in eine Rolle schlüpfe, also nicht ich selbst bin, dann mögen mich die Menschen auf einmal. Ich wollte raus aus meiner Haut, um endlich seelischen Frieden zu finden.“ Und warum ein Werk über den „Dreißigjährigen Krieg“? „Ich musste einfach ein Buch über die Unsäglichkeit des Krieges schreiben. Und im Bezug auf den Dreißigjährigen Krieg diskutiert heutzutage niemand mehr über die Schuldfrage. So kann sich der Leser ganz auf die Menschen, die den Krieg erleiden müssen und schon während des Krieges aufgegeben werden, konzentrieren. Die Gewalt selbst wird ja auch auf lediglich fünf Seiten des Buches beschrieben.

Ansonsten dreht sich alles darum, was die Gewalt verursacht“, unterstrich der 69-Jährige. Mucksmäuschenstill wurde es dann, als Tilman Röhrig die vielleicht berührendste, aber wohl auch am schwierigsten zu ertragene Szene des Buches vorlas, die das Sterben des jungen Mädchens Anne beschreibt, die von marodierenden Soldaten vergewaltigt wurde. Kurz vor ihrem Tod fragt sie ihren Bruder Tobias, der verzweifelt um ihr Leben kämpft, ob eine Welt ohne Krieg und Soldaten möglich sei? „Ganz bestimmt. In 300 Jahren vielleicht!“, lautet die Antwort.

„Dieses Buch bewegt die Schüler ungemein. Die Beschäftigung mit einem Thema, das im Bezug auf ihren Alltag weit weg zu sein scheint, erschreckt die Schüler, macht sie fassungslos und bringt sie dazu, nachzudenken“, sagt Schulleiterin Michaela Silbernagel. Und Röhrig, der momentan einen Roman über die Reformatoren Martin Luther und Thomas Müntzer vorbereitet, ist sicher, dass das Buch auch in Zukunft seinen Bezug zur Wirklichkeit nicht verlieren wird.

(ran)
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