Eschweiler: Die Rente reicht für viele Eschweiler nicht aus

Eschweiler : Die Rente reicht für viele Eschweiler nicht aus

Zahlen lassen Tendenzen erkennen, sagen aber nichts über die menschlichen Schicksale dahinter. Dies gilt auch in der Sozialhilfe. Die Entwicklung ist jedoch deutlich: In Eschweiler steigen seit 2005, als das Sozialgesetzbuch XII eingeführt wurde, die Fallzahlen.

Waren im Eschweiler am 31. Dezember 2005 405 Personen registriert, deren Rente nicht zum Leben ausreichte oder die dauerhaft erwerbsunfähig oder erwerbsgemindert sind, so waren es am gleichen Tag des vergangenen Jahres 737 Menschen. Sozialamtsleiter Jürgen Rombach geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl Bedürftiger sogar noch höher ist: „Vor allem bei älteren Menschen ist die Schamgrenze noch hoch.“

Vor allem bei älteren Menschen sei die Schamgrenz noch hoch, sagt der Sozialamtsleiter Jürgen Rombach. Foto: Nowicki

Nicht nur Frauen

Für diese Aussage spricht die Tatsache, dass die Seniorenberater der Stadt Eschweiler immer wieder mit Fällen konfrontiert werden, die im Sozialamt nicht bekannt sind. In Eschweiler zeigt sich die Altersarmut allerdings nicht als vorrangig weibliches Problem: Zum 1. Januar dieses Jahres waren 63,59 Prozent der insgesamt 423 Hilfeempfänger im Alter über 65 Jahren Frauen.

„Dies entspricht in etwa dem Anteil der Frauen an der Gesamtbevölkerung in dieser Altersgruppe“, sagt Rombach. Grundsätzlich will man im Rathaus in Zukunft noch genauer hinschauen. Bis zum Sommer soll der Sozialbericht vorliegen, der die einzelnen „Sozialräume“ beschreibt. Dann wisse man genau, welche Angebote sinnvoll seien und wo man den Hebel ansetzen müsse, heißt es.

Mit der Veränderung des Sozialgesetzgebung vor 13 Jahren wurde das Sozialamt zuständig für die Grundsicherung im Alter, für Menschen, die dauerhaft nicht in der Lage sind, einen Vollzeitjob nachzugehen. Die Kosten werden mit der Städteregion abgerechnet und seit dem 1. Januar 2014 komplett vom Bund übernommen.

Die Summe ist kontinuierlich gestiegen: von 4,4 Millionen Euro im Jahr 2014 auf 5,33 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Diese Steigerung resultiert aus der wachsenden Fallzahl. Im Eschweiler Sozialamt hat man auch den demografischen Wandel als Ursache für die Entwicklung ausgemacht. „Die Zahl der über 65-Jährigen steigt kontinuierlich an“, heißt es in der Vorlage für den Dienstag tagenden Sozial- und Seniorenausschuss.

In den Augen Jürgen Rombachs werden allerdings auch Tendenzen auf dem Arbeitsmarkt spürbar: „Wir stellen fest, dass die Rente auch bei Menschen, die auf eine Lebensarbeitsleistung von 40 Jahren und mehr zurückblicken können, nicht ausreicht.“

Fatal wirke sich aus, wenn die Arbeitsbiografie Lücken aufweise. Natürlich sind auch Menschen betroffen, die nie gearbeitet haben und im Alter von der Grundsicherung gestützt werden. Jürgen Rombach betont jedoch, dass es sich dabei um eine sehr geringe Zahl von Menschen handelt.

Es steigt jedoch auch die Zahl der Sozialhilfeempfänger in Alter von unter 65 Jahren. Der Hintergrund dieser Entwicklung ist die wachsende Zahl an Menschen, die in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten oder als junger Mensch bereits als dauerhaft erwerbsgemindert gelten. Alle übrigen Bedürftigen werden vom Jobcenter betreut und erhalten Unterstützung im Rahmen der sogenannten Hartz-IV-Gesetze.

Insgesamt stieg die Fallzahl im Bereich des Sozialgesetzbuchs XII von 435 am 31. Dezember 2005 auf 865 mit 918 Personen am gleichen Tag des vergangenen Jahres. „Seit Einführung des Gesetzes ist eine Steigerung der Fallzahlen um 125 Prozent erfolgt“, schreibt die Stadtverwaltung. Immer mehr Menschen in der Indestadt leben also von der Sozialhilfe.

Die Beratung und Unterstützung der Betroffenen liegt im Aufgabengebiet des Sozialamtes. Allerdings wird es von zahlreichen Organisationen in der Stadt unterstützt. „Wir können hier vor Ort auf ein gut funktionierendes und engmaschiges Netzwerk zurückgreifen“, sagt Rombach.

Regelmäßig treffe man sich zu unterschiedlichen Schwerpunktthemen. Manche Aufgabe wurde an andere Organisationen übertragen. Als Beispiel dient die Beratungsstelle des Sozialdienstes katholischer Frauen, die Menschen unterstützt, denen eine Räumungsklage der Wohnung droht. Vielfach kann der Rausschmiss vermieden werden.

Düstere Prognose

Im Eschweiler Rathaus ist man sich sicher, dass die Zahl der Menschen, die im Alter finanzielle Hilfe benötigen, weil die Rente nicht zum Leben ausreicht, weiter in die Höhe gehen wird. Bürgermeister Rudi Bertram warnte schon vor Monaten, dass prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Minijobs dazu führen würden, dass nicht ausreichend in die Rentenkasse gezahlt werde.

Dass die Zahl der betroffenen Rentner in den vergangenen beiden Jahren stagnierte, führt Rombach auch auf die „starke Fluktuation“ zurück. So seien genauso viele Menschen gestorben wie neu die Grundsicherung im Alter beantragt hätten. Auf lange Sicht sei aber mit einem weiteren Anstieg zu rechnen, zumal die Menschen auch immer älter würden.

Das Team des Sozialamtes und der Hilfsorganisationen hat es sich allerdings auch zur Aufgabe gemacht, die Senioren aus der Einsamkeit herauszuholen. „Es besteht schließlich nicht nur eine Armut an finanziellen Mitteln, sondern auch eine seelische Armut“, meint Rombach. Auch darauf zielt der Sozialbericht, der vor Sommer fertiggestellt sein soll.

Der Sozial- und Seniorenausschuss trifft sich am Dienstag um 17.30 Uhr im Raum 7 des Rathauses, um über die aktuellen Zahlen zu debattieren.