Eschweiler: Die dunkle Jahreszeit ist für Depressive besonders schlimm

Eschweiler : Die dunkle Jahreszeit ist für Depressive besonders schlimm

Die Weihnachtszeit ist vorbei. Was für viele Menschen der normale Lauf der Dinge ist, ist für Belinda Kerber ein Segen: Die 55-Jährige leidet unter Depressionen. An Heiligabend erlebt sie üblicherweise ihren Tiefpunkt. Dieses Mal hatte die Alleinlebende Glück, sie konnte bei einer Freundin unterkommen.

Aber auch jetzt geht es ihr nicht viel besser: In der dunklen Jahreszeit hat sie, wie viele Depressive, besonders mit ihrer Krankheit zu kämpfen.

„Der Winter ist eine ganz schlimme Zeit“, sagt sie. „Die Sonne scheint nicht, man hat keinen Ansporn rauszugehen, und die Freunde sind beschäftigt.“ Für Kerber wird das zur Qual: „Ich frage mich öfter nach dem Sinn des Lebens“, sagt sie. Eine Antwort darauf findet sie nicht — im Gegenteil: Ihr Dasein erscheint ihr sinnlos, immer wieder spielt sie mit dem Gedanken, ihrem Leiden ein Ende zu setzen.

Die Abwärtsspirale

Ein Verhalten, das Wolfgang Hagemann, Arzt für psychotherapeutische Medizin und Psychiatrie, von seinen Patienten kennt. Im Laufe seiner Berufspraxis musste der medizinische Leiter der Röher Parkklinik schon einige Male miterleben, dass Betroffene ihre Krankheit nicht länger ertragen wollten.

Auch er weiß, dass es in der dunklen Jahreszeit besonders schlimm ist: „Wer sich ohnehin gerne zurückzieht, wird im Winter regelrecht zurückgedrängt. Draußen ist es trübe, man bleibt also eher zu Hause.“ Was für gesunde Menschen zunächst kein Problem darstellt, bedeutet bei Depressiven den sicheren Weg in die Abwärtsspirale. Antriebslosigkeit, innere Leere und Unruhe verstärken sich.

Deshalb zwingt sich Kerber täglich, an die frische Luft zu gehen: „Früher bin ich im Bett liegen geblieben, heute bin ich bei jedem Wetter draußen aktiv“, sagt sie. Danach gehe es ihr besser — von „gut“ könne aber nicht die Rede sein. Der Begriff „Freude“ ist ihr ein Fremdwort. Auf die Frage, wann sie das letzte Mal welche empfunden hat, antwortet Kerber: „Freude, was ist das?“

Abhanden gekommen ist ihr das Gefühl nach der Geburt ihrer Tochter, das war vor etwa 40 Jahren. Kerber war gerade einmal 16 Jahre alt und hatte in Folge der Geburt mit postnatalen Depressionen zu kämpfen. Zunächst tat sie ihre Erkrankung als Überforderung ab: „Ich hatte ja eine gute Ehe, einen guten Beruf“, sagt sie. Trotzdem überfielen sie Schlafstörungen und körperliche Schmerzen — über Jahre hinweg. Immer wieder besuchte sie Rehakliniken, erst rein orthopädische, dann auch welche mit psychotherapeutischem Schwerpunkt.

Heute weiß Kerber, dass es sich bei ihrer Krankheit um eine Depression handelt, und dass es ihr phasenweise besser oder schlechter gehen kann. Diese Schwankungen kennt auch Hagemann von seinen Patienten: „Je nach lebensgeschichtlichen Umständen ist ein Mensch weniger gegen wiederkehrende Krisen gefestigt. Die genetischen Veränderungen, die einer Depression zugrunde liegen oder durch die Erkrankung ausgelöst werden, können zwar durch die Therapie geschwächt, aber nicht immer aufgehoben werden“, erklärt er. Ziel einer erfolgreichen Therapie sei es dann auch, zu erkennen, wann man erneut Hilfe braucht.

Auch Kerber befindet sich aktuell in therapeutischer und medikamentöser Behandlung. Ihre Lage ist stabil, ihren Job als Arzthelferin musste sie trotzdem aufgeben, obwohl sie ihn immer gerne gemacht hat: „Es gab Tage, da war es schon zu viel, die Türe morgens aufzuschließen und zur Arbeit zu fahren. Der Weg dorthin war schweißtreibend“, sagt sie.

Kerber habe sich wie ein Tiger im Käfig gefühlt, gefangen von ihrer Krankheit. Sie musste funktionieren, obwohl sie es nicht konnte. Jetzt lebt sie von Rente auf Zeit. Den Antrag verlängert sie immer wieder. Dass sie wieder zurück in ihren Job geht, bezweifelt sie: „Ich habe schon alles versucht: Die Stunden zu reduzieren und etliche Wiedereingliederungsmaßnahmen. Aber wenn ich versuche, den Weg zur Arbeitsstelle abzufahren, mache ich spätestens am Aachener Hauptbahnhof wieder kehrt.“ Dann ist sie von Panikattacken geplagt: Atemnot, erhöhter Herzschlag und Schweiß sind die für sie unerträglichen Symptome.

„Depression kostet Kraft“

Dass eine Depression durch Panik begleitet sein kann, erklärt Hagemann so: „Emotionen sind Energie. Eine Depression kostet Kraft, daher ist es möglich, dass in manchen Fällen sekundäre Angststörungen auftreten kann.“ Aber nicht nur: „Auch eine Infektanfälligkeit oder Schlafstörungen sind Ausdruck des Energieverbrauchs.“

So auch bei Kerber. Mit ihren Schlafstörungen hat sie ebenfalls seit Jahren zu kämpfen. Ihr Leid teilt sie mit anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe für Depressive. Kerber hat dort die Leitung übernommenen, obwohl ihr Arzt ihr von zu viel Verantwortung abgeraten hat. Kerber tut sie aber gut, sagt sie.

Genauso wie das Gefühl, anderen helfen zu können. Kerber möchte Gleichgesinnten ermöglichen, über die Krankheit zu sprechen. Alle vierzehn Tage trifft sie sich dafür mit sieben anderen Gruppenteilnehmern zur Sitzung. Jeder kann dort ein Thema ansprechen, das ihn gerade beschäftigt. „Unter Gleichgesinnten wird man viel besser verstanden, und der gesellschaftliche Zwang ist weg“, sagt Kerber.

Wirkt stimmungsaufhellend

Es hat lange gedauert, bis sie sich getraut hat, offen über ihre Krankheit zu sprechen, aber jetzt weiß sie, wie wichtig das ist. „Seine Probleme muss man in Angriff nehmen, statt sie wegzuschieben. Das möchte sie auch anderen weitergeben“, sagt sie. „Es ist wichtig, verstanden zu werden. Betroffene hören oft Worte wie „reiß dich zusammen oder stell dich nicht so an.“

Stattdessen sei Verständnis wichtig, und eine Struktur für den Alltag. Das weiß die 55-Jährige aus eigener Erfahrung. Jetzt motiviert sie sich, durch den Winter zu kommen. Denn wenn die Sonne wieder scheint, wirkt das stimmungsaufhellend. Und vielleicht kommt dann ein positives Gefühl auf — so etwas wie Freude .

Mehr von Aachener Nachrichten