Eschweiler/Kirchberg: Der „Stier von Saragossa“ lebt nun beschaulich

Eschweiler/Kirchberg: Der „Stier von Saragossa“ lebt nun beschaulich

Mehr als 760 Kilometer legt man zurück, um das beschauliche Kirchberg in Tirol zu erreichen. Dennoch fahren jedes Jahr Hunderte Eschweiler dorthin. Der österreichische Ort, der nur wenige Kilometer vom bekannten Kitzbühel entfernt liegt, ist seit vielen Jahren die Heimat von Heinz „Aka“ Willms, der dort ein Hotel führt.

Sobald sich ein Gast als Inde­städter zu erkennen gibt, wird er an der Rezeption von dessen Söhnen Stefan und Ralf auf Eischwiele Platt begrüßt.

Wer einen Blick in den Gastraum wirft, findet dann auch das Eschweiler Original. Mit einer Tasse Tee in der Hand und einem roten Schal um den Hals hat es sich der 81-Jährige an einem der großen Holztische gemütlich gemacht. „Wie war das damals eigentlich so bei der Alemannia?“ ist wohl die Frage, die der ehemalige Fußball-Profi am häufigsten beantworten muss.

Erzählungen in Platt

Gerne erzählt Willms von dieser Zeit. Es sind jedoch nicht die Geschichten, die seine Augen zum Leuchten bringen, sondern die Verbundenheit zu seiner Heimat, die er beim Erzählen empfindet. „Wenn Leute aus Eschweiler da sind, kann ich endlich wieder meinen Dialekt auffrischen“, sagt er und berichtet auf Eischwiele Platt von der Vergangenheit. Zahlreiche Bilder aus Eschweiler schmücken die Wände im Gastraum des Hotels und seine Wohnung. Aufnahmen vom Landwirtschaftsbetrieb in Dürwiß, den die Familie 1969 verkaufte, sind dort zu sehen, im Regal stehen Werke des Eschweiler Geschichtsvereins. „Die Heimat ist immer bei uns“, sagt Ehefrau Janny.

Wenn Heinz Willms — die meisten Menschen kennen ihn nur als „Aka“ — erzählt, dann kramt er alte Fotos hervor, als er noch als Fußball-Profi Schwarz-Gelb trug. Acht Jahre war Willms für Alemannia Aachen aktiv. Damals spielte das Team in der Oberliga West. „Das war zu diesem Zeitpunkt die höchste Liga in Deutschland. Die Bundesliga gab es ja noch nicht“, erinnert sich Willms. Seit der Saison 1955/1956 in der Kaiserstadt kickte und mit Michael Pfeiffer und Josef Martinelli zusammen spielte.

Nicht nur die Begegnungen um die Meisterschaft, die am Wochenende ausgetragen wurden, gehörten zum Fußballalltag dazu. Rund 100 Freundschaftsspiele absolvierte Willms in acht Jahren. Teams wie Lokomotive Moskau, Athletico Madrid und Espanyol Barcelona gingen auf dem alten Tivoli ein und aus.

Das schönste Ereignis seiner Fußball-Karriere fand allerdings nicht in der heimischen Spielstätte, sondern in Spanien statt und liegt stolze 53 Jahre zurück. 1961 traf die Alemannia im Fußballstadion in Saragossa auf die spanische Nationalmannschaft. 50.000 Fans verfolgten die Partie, die der Indestädter heute als „schönstes Spiel“ seiner Karriere bezeichnet. Nicht nur wenn er an die einmalige Atmosphäre im Stadion denkt, bekommt Willms leuchtende Augen. „Die spanische Nationalmannschaft hatte damals den weltbesten Sturm“, sagt der 81-Jährige, „da spielten Leute wie Gento, Suárez, Di Stéfano und Martinez.“

An den genauen Ausgang der Partie erinnert er sich nicht mehr. „Ich glaube wir haben verloren“, sagt er und lacht. Doch nicht das Auftreten der spanischen Topstars, sondern das des Indestädters blieb Fans und Presse im Gedächtnis. „Stier von Saragossa“ titelten die spanischen Zeitungen nach dem Spiel und zeigten darunter ein Bild von „Aka“ Willms.

Im Jahr 1963 beendete Willms seine Karriere als Profi-Fußballer und machte den Trainerschein. „Ich hätte damit auch Bundesliga-Mannschaften trainieren können“, sagt er. Dreieinhalb Jahre stand er am Spielfeldrand des SC 08 Elsdorf, dann stand der Umzug nach Kirchberg bevor. 1969 übernahm er mit seiner Frau Janny, die in einer Hotelfachschule gelernt hatte, dort eine Pension, die heute von den Söhnen Stefan und Ralf sowie deren Frauen Sylvia und Gudrun betrieben wird.

Der Abschied aus der Heimat fiel damals vor allem „Aka“ Willms schwer. „Die ersten vier oder fünf Jahre war es wirklich schlimm. Aber dann wurde es immer leichter“, erinnerter sich. Das lag nicht nur an den vielen Gästen aus der Heimat, sondern auch an den zahlreichen Fußballvereinen, die regelmäßig das Hotel besuchten. „Dass wir hier Fuß gefasst haben, habe ich auch den Fußballern zu verdanken“, ist er sich sicher.

Dass ein ehemaliger Fußballprofi in Kirchberg lebt, sprach sich schnell herum. Selbst Fußballgrößen wie Franz Beckenbauer und Egidius Braun kamen in das Hotel. Auch den Kontakt zu anderen Ehemaligen der Alemannia hält Willms aufrecht. Seit 35 Jahren besucht ihn die Traditionsmannschaft des Vereins. „Der Sport verbindet einfach“, ist Willms sich sicher. Natürlich verfolgt er auch noch die Spiele seines ehemaligen Vereins. „Was in den letzten Jahren mit der Alemannia passiert ist, hat mir sehr weh getan.“

Bereits im Kindergarten bestimmte der Fußball sein Leben. „Dort haben wir schon mit Tennis- oder Lumpenbällen gespielt“, sagt er. Nachdem er seine Jugendzeit bei Germania Dürwiß verbrachte, wechselte er mit 19 Jahren zu Rhenania Würselen, später ging es dann zur Alemannia. Sein Sohn Stefan, der wie Eherau Janny die österreichische Staatsbürgerschaft annahm, war erfolgreicher Fußballer und kickte mit Kufstein in der zweiten österreichischen Bundesliga.

Heute noch Fanpost

Auch über 50 Jahre nach dem Ende seiner Profikarriere erhält Willms, der zu seiner aktiven Zeit auf der Fünferposition im Mittelfeld als Mittelläufer spielte, noch regelmäßig Fanpost. „Die bearbeitet er akribisch“, verrät Ehefrau Janny.

Bleibt die Frage nach seinem Spitznamen „Aka“: Diesen, unter dem er nicht nur in der Indestadt bekannt ist, trägt er bereits seit seiner Jugend. „Die Leute haben oft zu mir gesagt: Du arbeitest wie ein Ackerbauer. So kam ich dann an meinen Spitznamen“, erklärt der 81-Jährige und seine Frau Janny fügt lachend hinzu: „Er hat wirklich immer gearbeitet. Es gibt kein Bild, auf dem nicht seine Zunge zu sehen ist.“ Auch sie hat den ehemaligen Alemannen nur unter dem Namen „Aka“ kennen gelernt.