Eschweiler: Der Klang der „Königin der Instrumente“

Eschweiler: Der Klang der „Königin der Instrumente“

Sie gehören zu jeder Messe (bei den Katholiken) oder zu jedem Gottesdienst (bei den Evangelischen) dazu wie der Pfarrer und die Pfarrerin oder das Glockengeläut: die Frauen und Männer an der Orgel und als Leiter der Chöre.

Ob bei Hochfesten für die Gemeinde wie Weihnachten, Ostern und Karfreitag oder bei freudigen und traurigen persönlichen und familiären Ereignissen wie Taufe, Hochzeit (Trauung) oder Beerdigung: Der Klang der „Königin der Instrumente“ mit erbauendem Solospiel und begleitendem Gemeindegesang darf seit etwa 400 Jahren in den Kirchen nicht fehlen.

Gerhard Behrens ist einer von drei festangestellten Kirchenmusikern im Kirchenkreis Jülich.

Mitgliederzahlen gehen zurück

Doch letztere haben zu kämpfen: Die Mitgliederzahlen gehen bedingt durch Demographie und Austritte zurück. Damit sinken Kirchensteuer-Einnahmen, aus denen die Kirchenmusik mitfinanziert wird. Im katholischen Bistum hat es zudem Pfarrfusionierungen gegeben. Das führt zu einem Mehr an Orgeldiensten für hauptamtliche Kirchenmusiker oder zu zeitlichen „Doppelungen“, die Orgelvertretungen notwendig machen.

Eine Bestandsaufnahme bei den Evangelischen Kirchengemeinden und den katholischen Pfarreien, welchen Veränderungen die Kirchenmusik sich derzeit ausgesetzt sieht und wie es um ihre Zukunft bestellt ist oder sein könnte.

Unsere Zeitung beginnt ihre Serie mit der Evangelischen Kirchengemeinde Eschweiler. Sie umfasst die Gebiete der alten Stadt Eschweiler vor 1972 und der dann eingemeindeten Kommune Kinzweiler. Wie die andere Evangelische Kirchengemeinde auf dem Territorium der Indestadt (Weisweiler-Dürwiß) gehört die Evangelische Kirchengemeinde Eschweiler zum Kirchenkreis Jülich.

In diesem Verband, Teil der „von unten nach oben“ strukturierten Evangelischen Landeskirche im Rheinland, leben 80.000 evangelische Christen. Hauptamtlich angestellte Kirchenmusiker sind „Luxus“ geworden, wie Gerhard Behrens betont.

1994 trat der Mann aus dem „hohen Norden“ die Stelle des Kantors und Organisten in der Evangelischen Kirchengemeinde an — und gehört 2013 zu den wenigen festangestellter Kirchenmusiker im Kirchenkreis Jülich. Nur noch drei (!) weitere gibt es derzeit — die benachbarten Glaubensschwester und -brüder in Weisweiler und Dürwiß können bereits seit Jahrzehnten davon nur träumen.

Gerhard Behrens hat durch seine engagierte Arbeit selbst dazu beigetragen, dass er als „Hauptamtlicher“ unverzichtbar in den beiden Pfarrbezirken Dreieinigkeitskirche und Friedenskirche ist. In Eigenregie hat der 46-Jährige neben seinem Dienst als Chorleiter und Organist Vokal- und Instrumentalensembles aufgebaut wie den Gospelchor und das Vokalensemble, das 2013 mit einem Konzert und musikalischen Ausgestaltungen von Gottesdiensten sein zehnjähriges Bestehen feiert.

Und Gerhard Behrens arbeitet nicht als Einzelkämpfer. Drei Mitarbeiterinnen leiten nebenamtlich weitere musikalische Gruppen: den seit 1984 bestehenden Handglockenchor „Bells of Glory“ (Anneliese Malischewski), die Kindergruppe „Musik macht Spaß“ (Elke Frohmann) und den seit dem vorigen Jahr bestehenden neuen Posaunenchor (Marita Ehm).

Starkes Fundament

Doch wird dieses starke Fundament der Kirchenmusik in Eschweiler-Mitte und Pumpe-Stich erhalten bleiben? Die Pensionierung des hauptamtlichen Kantors steht zwar erst in den 30er Jahren an. Doch diese Zahl korrespondiert mit einer anderen, nachdenklich machenden Prognose: Im Jahre 2030 wird es gegenüber der Jahrtausendwende vermutlich nur noch 50 Prozent des Kirchensteuer-Aufkommens in der Evangelischen Kirchengemeinde geben. Dann dürfte die Frage im Raum stehen: Können wir uns noch den eingangs erwähnten „Luxus“ eines Kirchenmusikers mit Vollzeitanstellung leisten?

Die Gegenwarts-Fragen hinsichtlich der Musik in der Evangelischen Kirchengemeinde Eschweiler sind jedoch andere: Wer spielt die Orgel in den beiden Kirchen, wenn Gerhard Behrens einmal krank ist, wegen eines Chorauftritts nicht rechtzeitig in der zweiten Kirche erscheinen kann, es zeitliche „Doppelungen“ bei Beerdigungen gibt oder der Kantor seinen wohlverdienten Urlaub antritt?

„C-Kirchenmusiker“

Und dann sind ja auch noch das SBZ, die Einrichtungen von Senotel, AGO und Pro Seniore sowie die Altenheime Haus Regina und Haus Maria bei Gottesdiensten regelmäßig kirchenmusikalisch zu versorgen. Der Kantor gibt da eine — noch — beruhigende Antwort: „Wir haben keinen ständigen Orgelvertreter, aber einen ‚Kranz‘ von etwa zehn Stand-by-Organisten.“

Deren Qualifizierung ist unterschiedlich: Da helfen hauptamtliche Organisten katholischer Pfarren aus Eschweiler ebenso wie evangelische Organisten aus Nachbargemeinden. Schließlich springen auch „C-Kirchenmusiker“ — sie haben beim katholischen Bistum Aachen in zwei Jahren ein kleines Orgel-Examen abgelegt — und Laien, die über gehobene Klavier-Kenntnisse verfügen, ein.

Langfristig steht die Evangelische Kirchengemeinde Eschweiler vor der doppelt schweren Aufgabe: ihre Kirchenmusik in Sparzeiten solide zu finanzieren und gleichzeitig den hohen musikalischen Anspruch, der seit den Zeiten Martin Luthers und Johann Sebastian Bachs die Kirche der Reformation begleitet, zu wahren.

Es gibt zum Glück einen — dem kleinen Organisten-Examen im Bistum Aachen vergleichbaren — „C-Kurs“ auf der Ebene der beiden Kirchenkreise Jülich und Aachen mit zwölf angehenden Kirchenmusikern. Gerhard Behrens: „Es ist zu hoffen, dass das Interesse für diese Ausbildung weiter wächst und gefördert wird.“

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