Das Reh ist das Tier des Jahres 2019

Tier des Jahres : Der Kulturfolger hat sich durchgesetzt

In Amerika gibt es keine Rehe. Deswegen machten die Zeichner von Walt Disney aus der österreichischen Romanfigur „Bambi“ 1942 kurzerhand einen Hirsch. Als der Film nach dem Krieg ins Deutsche synchronisiert wurde, mutierte das Tierchen wieder zum Rehkitz, blieb aber ein Star. Vielleicht wird es jetzt noch bekannter: Die Deutsche Wildtier-Stiftung hat das Reh zum „Tier des Jahres 2019“ gekürt.

Sein zierliches Äußeres täuscht: „Capreolus capreolus“, so sein wissenschaftlicher Name, ist ein Gewinner. 2,5 Millionen Rehe leben in Deutschland. Das nur rund 20 Kilo leichte Tier streift durch Wald und Feld, meist allein. Beim Morgengrauen und in der Abenddämmerung äst es auch an Landstraßen und Autobahnen. „Nur in den Wintermonaten finden sich die Rehe in größeren Gruppen, von uns ,Sprünge‘ genannt, zusammen“, berichtet RWE-Power-Förster Michael Zimmer. Immer wieder beobachten die Waldprofis und Spaziergänger Gruppen von 80 bis 100 Individuen in den ausgedehnten Feldfluren der Rekultivierung der drei Tagebaue. „Große Flächen, gute Verstecke, viel Nahrung, wenige Wirtschaftswege, keine Autos“ – das sind nach Zimmers Angaben ideale Rahmenbedingungen für Rehe. Und die finden sie zum Beispiel auf dem Marienfeld, auf der Sophienhöhe, links und rechts der Inde und auf der Königshovener Höhe. Selbst vor den Baggern haben die Rehe keine Angst: Sie durchqueren die Tagebaue und kriechen dabei auch unter laufenden Bandanlagen hindurch.

Warum wurde dieser erfolgreiche Kulturfolger dann ohne Not zum „Tier des Jahres“ bestimmt? „Die Deutsche Wildtier-Stiftung möchte damit auf bestehende Konflikte in der Land- und Forstwirtschaft hinweisen“, erklärt Förster Zimmer. Manche seiner Berufskollegen machen heftig Jagd auf Rehe, weil diese junge Bäume an- und abknabbern und dadurch die Waldverjüngung und das kostspielige Anpflanzen neuer Baumbestände konterkarieren. „Der Verbissdruck ist da“, bestätigt Zimmer, „doch in der Rekultivierung verteilt sich das. Die neuen Wälder und Felder sind so ausgedehnt, dass sie dem Reh schadlos auch als Ort der Nahrungssuche dienen können.“

Ein anderer Konflikt ist blutig: Immer wieder werden junge Rehkitze von den Messern landwirtschaftlicher Erntemaschinen verstümmelt oder getötet. Der günstigste Termin zur Heumahd fällt in den Zeitraum der Jungenaufzucht. „Wenn Landwirte die Flächen vor der Ernte mit ihren Hunden abgehen, werden die Rehe vertrieben“, meint Michael Zimmer. Beim Mähen können die Bauern „von innen nach außen“ vorgehen und Ricke und Kitz so vertreiben.

Noch stärker setzt der Straßenverkehr den Rehen zu. Fast 200.000 Rehe pro Jahr fallen Wildunfällen zum Opfer. Zimmer rät: „Wo die Wildwechsel-Schilder stehen, sollten die Autofahrer besonders wachsam und bremsbereit sein.“

Noch vor 150 Jahren war das Reh in Mitteleuropa eher selten. Mittlerweile kommt es in ganz Europa und im Nahen Osten vor. Es besiedelt alle Vegetationsbereiche – von der offenen Feldflur über abwechslungsreiche Heckenlandschaften bis hin zu geschlossenen Waldgebieten. Ideal ist ein hoher Waldrand-Anteil. „Auch deshalb ist es kein Wunder, dass sich das Reh in unserer Rekultivierung so zu Hause fühlt“, erklärt Zimmer.

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