Die Wüste lebt: Das neue Rathaus-Quartier in Eschweiler

Die Wüste lebt : Das neue Rathaus-Quartier in Eschweiler

Dass sich hinter dem Rathaus, zwischen Peilsgasse, Dürener und Wollenweberstraße eine riesige Steinwüste aus Bergen von Geröll erstreckt, hat nicht nur damit zu tun, dass eine Firma schlicht „gepennt“ hat.

Die Abbruchfirma, die die Reste des einstigen Karstadt-Komplexes samt Parkhaus und City-Center beseitigen sollte, hatte es schlicht versäumt, die zwingend notwendige Genehmigung zum Schreddern des Bauschutts auf dem Areal einzuholen. Das so aufbereitete Geröll soll nämlich im Anschluss zur Fundamentierung der neuen Baukörper eingebracht werden.

Ansichten aus dem Architekturbüro der Ten-Brinke-Group: die Peilsgasse aus Richtung Dürener Straße gesehen. Vorne die geplante Kindertagesstätte, im Bildhintergrund Wohnbebauung. Foto: Ten Brinke-Group

Die Genehmigung liegt inzwischen vor. Doch ihr Fehlen war nicht der einzige Grund dafür, dass es mit dem geplanten „Rathaus-Quartier“ der Investoren Bernd Pieroth und Ralf Schumacher nicht weiterging. Auch nicht die Tatsache, dass es erst am Donnerstag zum Kaufvertrag zwischen der Moscheegemeinde, die ihr Gebäude an der Wollenweberstraße aufgibt, und dem bisherigen Besitzer ihres künftigen Domizils am Rand der Innenstadt kommen sollte.

Im Erdgeschoss ein 2800 Quadratmeter großer Edeka-Markt, darüber Büro- und Dienstleistungsflächen; Eckgebäude Inde-/Wollenweberstraße. Foto: Ten Brinke-Group

Lange Partnersuche

Monatelang hatten Pieroth und Schumacher nach einem Partner gesucht, der das nach einigen Überplanungen und Vergrößerungen von etwa 40 auf geschätzt 70 Millionen Euro teure Bauvorhaben verwirklichen konnte. Sprich: ein namhaftes Bauunternehmen. Gefunden hatten sie schließlich die Ten-Brinke-Group, ein international tätiges Immobilienunternehmen mit über 850 Mitarbeitern, einem Umsatz von ca. 900 Millionen Euro und Niederlassungen in den Niederlanden, Deutschland, Spanien, Portugal, England und Griechenland.

Die Gruppe befasst sich mit Entwicklung von Bebauungs- und Nutzungskonzepten, Finanzierung, Planung, Ausführung als Generalunternehmer, Verkauf, Vermietung und Asset Management. Und sie ist inzwischen Eigentümerin des Rathaus-Quartier-Areals und Investorin des Projekts. Vor wenigen Tagen unterzeichnete Ten Brinke den Kaufvertrag mit Pieroth und Schumacher.

Schon bevor das Kerpener Investorenduo das Areal kaufte, zählte das Unternehmen zu den Interessenten, die hier investieren wollten. Die unklare Situation mit mehreren Eigentümern, von denen ein Fonds in London saß und der andere in Insolvenz war, ließ sie dann allerdings davon Abstand nehmen, während Pieroth und Schumacher das Risiko auf sich nahmen und erst die eine Hälfte des Areals — Hertie — kauften in der Hoffnung, auch die andere erwerben zu können. Ein Vorhaben, das funktionierte.

Sehr gut vorbereitet

Donnerstag stellte Ten-Brinke-Geschäftsführer Ilja Keller und sein Kollege Finn Eimermacher ihr Unternehmen und das Projekt dem Eschweiler Planungs-, Umwelt- und Bauausschuss in öffentlicher Sitzung vor. Ein Projekt, das — wie Eschweilers Technischer Beigeordneter Hermann Gödde betont — von Pieroth und Schumacher sehr gut vorbereitet worden war.

Pläne, bei denen Ten Brinke wenig Änderungsbedarf sah. „Was sich geändert hat, ist die Lage einzelner Läden, die Unterbringung der Kindertagesstätte“ (die jetzt an der Ecke Peilsgasse/Dürener Straße errichtet werden soll, ein Dutzend Eltern-Parkplätze für den Bring- und Abholverkehr inklusive) „und auf unseren Wunsch hin die Anliefermöglichkeiten für die Geschäfte“, so Gödde.

Gut 20.000 Quadratmeter Brutto-Geschossfläche sollen auf dem Areal entstehen, davon allein rund 5000 Quadratmeter Wohnflächen. Die sind auch in einem als „Kerngebiet“ festgesetzten Bereich durchaus zulässig, widerspricht Gödde Äußerungen seines Vorgängers Wilfried Schulze. „Kerngebiete“ seien zwar grundsätzlich dem Handel sowie öffentlichen Einrichtungen vorbehalten, doch lasse das Baugesetzbuch neben Betriebswohnungen auch weitere Wohnungen zu, wenn diese aus städtebaulichen Gründen sinnvoll erscheinen, beispielsweise der Verdichtung innerstädtischen Wohnraums dienen oder einer Verödung des Gebiets entgegenwirken. „Beides trifft hier zu.“

Besatz steht fest

Fest steht auch, welche Läden sich im künftigen Rathaus-Quartier niederlassen: Neben einem großen Vollsortimenter (Edeka) an der Ecke Indestraße/Wollenweberstraße sind dies die Discounter Aldi (östlich des Rathauses) und Netto (zwischen Rathaus und Kita). Letzterer gibt dafür seine Filialen an der Indestraße und Dürener Straße auf. Ebenfalls im Quartier zu finden: ein Drogerie-Fachmarkt, ein Fitnessstudio, ein Kaufhaus (beides über zwei Etagen), ein Elektronik-Markt, ein Schuhgeschäft, ein Textilgeschäft, zwei noch unbenannte, kleinere Shops und — an der Ecke Wollenweberstraße/Eingang Rathaus-Quartier — ein Gastronomiebetrieb über zwei Etagen samt Außengastronomie.

Hinzu kommen Praxis-, Büro- und Dienstleistungsflächen, unter anderem für ein Ärztehaus, die Volkshochschule, die Fernuniversität und Einrichtungen der Städteregion. So wird das Gesundheitsamt nicht komplett von der Steinstraße nach Stolberg verlagert; einzelne Dienststellen wie der schulpsychologische Dienst beziehen Räume im Rathaus-Quartier.

Entworfen wird das Ensemble aus Gebäuden mit zwei bis vier Obergeschossen von Ten-Brinke-eigenen Architekten. „Keine Betonklötze, sondern transparente Bauten“, sagt Hermann Gödde. „Hochwertige Architektur, keine Schuhkartons.“

Bauantrag im Oktober

Die Gebäude gruppieren sich um einen ebenerdigen, begrünten Hof, der rund 160 Pkw-Stellplätze bietet. Erreicht werden kann er über die Wollenweberstraße, die künftig zwischen Indestraße und Marktzufahrt in zwei Richtungen befahrbar sein soll. Der Hof bietet nicht nur einen Rollsteig, sondern auch eine Pkw-Zufahrt zu einer Tiefgarage mit Anbindung zur Peilsgasse, die unter dem Hof und den umliegenden Gebäuden rund 350 weitere Stellplätze bietet: für Besucher, aber auch für Bewohner und Verwaltungsmitarbeiter.

Die Investoren wollen so schnell wie möglich an die Umsetzung des Vorhabens gehen. Dazu gehört, dass nach Übernahme bestehender Verträge und der Verpflichtung des Abrissunternehmens Rhiem als Tiefbaupartner für das Projekt bis spätestens Ende Oktober ein Bauantrag im Rathaus vorliegen soll. Erst wenn dieser positiv beschieden ist, wird für Ten Brinke die Kaufsumme an Pieroth und Schumacher fällig.

Eigentlich würde dazu eine positiv beschiedene qualifizierte Bauvoranfrage nötig. Die aber ist inhaltlich bereits so aufwendig, dass Ten Brinke lieber gleich den kompletten Bauantrag stellen will.