Brexit: Engländer in Eschweiler bereiten sich vor

Brexit steht bevor : Zittern für den Verbleib in der Heimat

Am Dienstag stimmt das britische Parlament über das Brexit-Abkommen ab. Wie die Entscheidung ausfallen wird, ist jedoch auch weniger als drei Monate vor dem geplanten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union nicht klar. Das verunsichert sowohl Engländer, die seit Jahrzehnten in Eschweiler leben, als auch Indestädter, die mittlerweile in England wohnhaft sind.

In Eschweiler sind insgesamt 48 Menschen mit britischer Staatsangehörigkeit gemeldet (Stand 1. Januar 2019). Wie viele davon eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen, konnte Susanne Lamka vom Bürgerbüro der Stadt nicht sagen. „Ich weiß, dass viele Briten seit der Brexit-Abstimmung versuchen, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, aber hier in Eschweiler ist mir das nicht bekannt“, erklärt sie. Überhaupt sei die Indestadt nur Heimat einiger weniger Briten. Lamka behauptet: „Bei 57.000 Einwohnern sind die 48 Briten eine verschwindend geringe Zahl.“

Trotzdem gibt es sie: Einer von ihnen ist Paul Reginald King, der seit einem Vierteljahrhundert in Deutschland lebt. Gemeinsam mit seiner Frau Helena betreibt er ein Handwerksunternehmen. Die deutsche Staatsbürgerschaft hat er nicht, da er sie bisher nicht für nötig gehalten hat. Seit der Brexit-Abstimmung trägt er die Überlegung im Hinterkopf, diese doch zu beantragen. Denn ein Umzug zurück nach England kommt für ihn nicht infrage.

„Mein Zuhause ist hier in Deutschland“, sagt King. England sei zwar seine Heimat und er besuche sie gemeinsam mit seiner Frau auch drei- bis viermal im Jahr. „Aber eine Woche in England reicht, das Leben dort ist so hektisch.“ Deshalb hat er auch noch keine Vorbereitungen getroffen. „In diesem Moment weiß ich ja gar nicht, was passieren wird“, sagt er, „das weiß keiner.“ Regelmäßig verfolgt er die Debatten auf BBC, doch aufschlussreich findet er sie nicht. „Für mich ist es totaler Blödsinn, was die da machen.“

Auch seine Frau ist unzufrieden mit der Situation, sie hält das Votum – bei dem King übrigens nicht mitwählen durfte – für eine Trotzreaktion. „Ich glaube, dass viele damals für den Brexit gestimmt haben, um der Regierung einen Denkzettel zu verpassen“, sagt sie, „aber es ist zu einfach, nur jemand anderem die Schuld zu geben.“ Deshalb ist das Ehepaar King selbst aktiv geworden, um zumindest die eigene Situation abzuklären. Sowohl an Kanzlerin Angela Merkel als auch an Premierministerin Theresa May haben sie Briefe geschrieben. Antworten kamen von beiden, aber: „Downing Street hat sehr schnell geantwortet, aber Berlin hat eine konkrete Aussage gemacht.“

Nach dieser Antwort hat sich wenigstens ein wenig Erleichterung breit gemacht. Aber eine Garantie gibt es nicht. Die Behörden wissen oft selbst noch gar nicht genau, was Ende März auf sie zukommt. Da hilft nur: abwarten und Tee trinken.

In England hofft man auf Vernunft

Andersherum gibt es auch gebürtige Eschweiler, die ihr Leben auf der britischen Insel aufgebaut haben. Marcel Grosser lebt seit über 20 Jahren in Dartford im Großraum London. Ursprünglich nach England ausgewandert ist er im Jahr 1998, der Liebe wegen. „Ich war mit dem Studium fertig und zu dem Zeitpunkt mit einer Engländerin zusammen, da bin ich von jetzt auf gleich rübergefahren“, erzählt der 48-Jährige. Mittlerweile sei er fest integriert, auch seine Kinder sind im Vereinigten Königreich geboren und aufgewachsen. „Wir haben unsere zwei Kids, ein Haus und zwei Katzen, also so der Klassiker“, sagt Grosser lachend.

Darüber nachgedacht, nach dem Brexit wieder in sein Heimatland zu kommen, hat er nicht. „Das wäre für mich und gerade die Kids ein Problem, in Deutschland wäre das quasi wie ein Neuanfang.“ Seine Kinder, die 11 und 15 Jahre alt sind, verstehen und sprechen zwar Deutsch, sind aber keinesfalls Muttersprachler. Hinzu kommt, dass Grosser einen festen Job im Finanzbereich und außerdem seit etwa fünf Jahren einen britischen Pass hat. Deshalb hat er auch keine Angst, sozusagen aus dem Land rausgeschmissen zu werden. Dafür ist er bereits zu lange im Land und als britischer Staatsbürger nicht von eventuellen Regelungen betroffen.

Marcel Grosser mit seiner Familie in England. Foto: Marcel Grosser

Das bedeutet auch, dass er im Juni 2016 selbst das Recht hatte, zu wählen. „Ich bin eindeutig Remainer und kein Brexiter“, stellt er klar. Zur politischen Auseinandersetzung hat er eine eindeutige Meinung: „Dass die EU nicht perfekt ist, ist klar, aber sich rein rechnerisch so ins eigene Bein zu schießen, das verstehe ich nicht.“ Für ihn gehöre die Entscheidung über so ein schwerwiegendes und weitreichendes Thema nicht in die Hand des Volkes. Allein durch mangelnde Information, aber auch Fehlinformation der Medien, sei es nicht förderlich, den Bürgern das Votum zu überlassen.

„Keiner weiß, was hier im Endeffekt passieren wird, Theresa May versucht, alles zu verzögern“, klagt Grosser. Genau das habe auch viele seiner Bekannten dazu bewogen, die einzige Alternative zu wählen: „Einige haben die Koffer gepackt und sind zurück nach Deutschland gegangen, aber von jetzt auf gleich gehen, können und wollen wir nicht.“ Wenn es hart auf hart komme, müsse man nach dem Brexit im März schnell entscheiden, aber bis dahin trifft Grosser auch keinerlei Vorbereitungen für einen Umzug. Mit den Schulen seiner Kinder, Haus und Autos halte ihn zu viel in seiner zweiten Heimat.

Der einzige Grund, der für ihn infrage käme, wäre der Verlust seiner Arbeitsstelle. „Viele Firmen haben schon dicht gemacht oder sich aus England zurückgezogen, die Konjunktur wird einige Federn lassen“, behauptet der 48-Jährige. Einen ungeregelten Brexit kann er sich aus diesem Grund auch nicht vorstellen. „Das wäre wirtschaftlicher Selbstmord.“

Wunsch nach neuem Referendum

Grosser geht wie die meisten Briten davon aus, dass der Brexit-Deal am Dienstag nicht vom Haus ratifiziert wird. „Mein Wunschszenario wäre dann, dass es noch einmal zu einem Referendum kommt“, sagt er, „ich hoffe und bete, dass die Vernunft gewinnt.“ Es sei einfach besser, Teil der EU zu sein. „Für mich macht es keinen Sinn, dass die hier wieder die Grenzen hochziehen.“