Eschweiler: Bilderreicher Zugang zu Deutschland

Eschweiler : Bilderreicher Zugang zu Deutschland

Dass die Zahl der Flüchtlinge vor über zwei Jahren die Stadt vor Herausforderungen gestellt hat, zweifelt niemand an. Sozialarbeiterin Edith Platau blickt mit einer gewissen Zufriedenheit auf die Zeit zurück. Die Fachberaterin für die städtischen Kindertagesstätten hat hautnah erlebt, wie die Familien in der Sporthalle Jahnstraße untergebracht wurden.

Sie war beteiligt, als man sofort Angebote für die Kinder in diesen Familien geschaffen hat. Zwei Jahre später berichtet sie darüber, wie aus verstörten und unsicheren Kindern ohne Deutschkenntnisse aufgeschlossene und lebendige Kita-Kinder wurden. Improvisation war gefordert, denn Fachbücher, Spiele und Bilderbücher zum Thema Flucht waren schwer zu finden. Dies hat sich inzwischen geändert.

Zeitersparnis

Seit Mittwoch befindet sich der Kita-Koffer der Städteregion Aachen in der BKJ-Kindertagesstätte an der Jahnstraße. Dort kann jede Kita der Stadt das Paket aus Büchern und Spielen ausleihen. Das Geschenk der Städteregion spart der Stadt nicht nur Geld, sondern auch viel Zeit. „Man muss stundenlang recherchieren, um geeignete Bücher zu finden“, schildert Timur Bozkir vom kommunalen Integrationszentrum der Städteregion. Jede Kommune soll mit so einem Koffer ausgestattet werden. Dabei soll es allerdings in den Augen von Bozkir nicht bleiben: „Wir hoffen, dass wir damit einen Stein ins Rollen bringen und der Koffer einige Anregungen liefert.“

Das Thema Flucht spielt in sämtlichen Kitas der Stadt eine Rolle. „Etwa ein Drittel aller Kinder in den Kitas hat einen Migrationshintergrund“, sagt Sozialdezernent Stefan Kaever, „bei einem Viertel der Kinder ist die Primärsprache nicht Deutsch.“ Der Erwerb der deutschen Sprache zählt zu den wichtigsten Aufgaben der Kita-Teams. Die Muttersprache, oder besser: die Familiensprache soll dabei erhalten bleiben. „Es hat sich gezeigt, dass der Zugang zu einer neuen Sprache erleichtert ist, wenn man die zuerst gelernte Sprache in der Familie weiter spricht“, teilt Jugendamtsleiter Jürgen Termath mit. Es sei eine erste Barriere entstanden, wenn man die Ursprungssprache grundsätzlich ablehne, meint er.

Nicht nur die Kinder erfahren mit dem Koffer Unterstützung, auch die Erzieherinnen und Erzieher können den Kita-Alltag leichter gestalten. Per Bilderbuch: „Wenn man den Eltern des Kindes mitteilen möchte, dass es eine neue Zahnbürste mitbringen soll, dann muss man in Zukunft nicht mehr in verschiedenen Sprachen operieren“, nennt Aljona Altergott von der Städteregion Aachen ein Beispiel. Zweisprachige Bilderbücher waren bis vor kurzem ebenfalls eine Rarität. Die ersten Erfahrungen mit dem Inhalt des Koffers sind gemacht, denn er kommt schon in der ein oder anderen Kommune zum Einsatz. „Die Resonanz ist durchweg positiv“, meint Altergott.

Auf neustem Stand

Die Bücher sind auf dem neusten Stand. Dies bestätigt Edith Platau, die sich vor einiger Zeit schon auf die Suche nach passenden Exemplaren und Unterlagen gemacht hat. „Es war kaum etwas im Internet dazu zu finden“, erzählt sie. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Familien auf der Flucht vor Verfolgung, Krieg und Unterdrückung allerdings Eschweiler schon erreicht. Die Arbeit mit einer multikulturellen Gruppe war für das Kita-Personal nicht neu. Allerdings haben die Erfahrungen von Krieg und Flucht bei den Kindern Spuren hinterlassen. „Manche waren traumatisiert“, schildert Edith Platau. Die pädagogische Arbeit muss daran angepasst werden. Sie selbst habe ein paar Familien intensiv begleitet und konnte die Erfolge der Integration sehen.

Stefan Kaever sieht mit dem Kita-Koffer die Chance, nicht nur die Kleinen, sondern auch deren Angehörige zu erreichen. „Oft absolvieren auch andere Familienangehörige einen Integrationskurs — wir erreichen so vielleicht ein Familienlernen“, hofft er. Diesen Weg will die Stadtverwaltung weiter beschreiten. Der Koffer soll nicht nur an sämtliche Kitas der Stadt ausgeliehen werden, sondern auch Grundlagen für Neuanschaffungen legen. Jede Kita besitzt eine eigene Bibliothek. Auch die Stadtbücherei soll verstärkt die Menschen mit Fluchterfahrung und Migrationshintergrund ins Auge fassen.

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