Behindertenwohnheim in Eschweiler verliert Zulassung

Behindertenwohnheim verliert Zulassung : Gnadenfrist fürs alte Gesellenhaus in Eschweiler

Sie waren gedacht, wandernden Handwerksgesellen eine „Heimat in der Fremde“ zu geben: die Gesellenhäuser, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vielerorts gegründet wurden.

Ins Leben gerufen von katholischen Gesellenvereinen, die sich auf die Fahne geschrieben hatten, Handwerksgesellen in konfessioneller und sittlicher Hinsicht zu betreuen und ihnen soziale Unterstützung und berufliche Fortbildung zu bieten.

So auch in Eschweiler, wo sich anno 1854 ein Gesellenverein gründete, der verschiedene Domizile nutzte, ehe er Ende des Jahrhunderts ein Gesellenhaus – heute als Kolpinghaus bekannt – an der Kolpingstraße errichtete.

Längst akzeptiert

Ein Haus, das heute seit mehr als 30 Jahren psychisch Kranke und Behinderte beherbergt, die hier eine 24-Stunden-Betreuung erfahren. Und die nun damit rechnen müssen, über kurz oder lang ausziehen zu müssen. Betreiber ist der Förderverein für die Rehabilitation psychisch Kranker und Behinderter e.V., der hier seit 1986 24 Menschen die Möglichkeit bietet,  besser mit ihrer Krankheit zu leben, den Alltag zu bewältigen und am Leben in der Gemeinschaft und Gesellschaft teilzuhaben – rund um die Uhr unterstützt durch Fachpersonal.

Engagieren sich seit Jahren für die Belange psychisch Kranker: Dr,. Wolfgang Hagemann (links) und sein Sohn Fabian. Foto: Rudolf Müller

Als der Verein das Wohnheim eröffnete, gab es noch schwere Bedenken seitens der Nachbarschaft, erinnert sich Fördervereinsvorsitzender Dr. Wolfgang Hagemann. So befürchtete man im nahen Gymnasium eine wachsende Drogenproblematik. Befürchtungen, die sich längst zerstreut haben.

Menschen mit Alkohol- oder Drogensuchtproblemen sind im Wohnheim nicht zu finden; die Anwohner haben die Bewohner längst akzeptiert, die hier ein so normales Leben wie möglich führen. Wozu Arbeits- und Beschäftigungstherapie, Praktika und Ausbildung ebenso gehören wie Spiel, Sport und Ferienfahrten. Manche der Bewohner sind nach ein-zwei Jahren selbstständig genug, um in betreutes Wohnen zu wechseln, andere bleiben hier, bis sie mit 65 Jahren in ein Altenheim übersiedeln. „Die Leute sind hier zufrieden, sie leben gerne hier“, weiß Hagemann.

Von den 24 Plätzen, die das Wohnheim jahrzehntelang bot, sind inzwischen  noch 22 geblieben. Die Reduzierung ist notwendigen Umbauten innerhalb des Hauses geschuldet. Umbauten, die bei weitem nicht ausreichen, den drastisch veränderten Ansprüchen, die das neue nordrheinwestfälische Wohn- und Teilhabegesetz (WTG) an solche Heime stellt, genüge zu tun. Demnach müsste das Heim künftig statt Doppel- überwiegend Einzelzimmer von mindestens 15 Quadratmetern bieten mit jeweils eigenem Bad.

Hinzu kommen ein Aufzug, je Etage ein mindestens 50 Quadratmeter großer Gruppenraum und ein Balkon, der. Platz für alle Bewohner der Etage bietet. Das aber gibt der 120 Jahre alte Bau einfach nicht her. „Das ist ein glattes Wohnheim-Verhinderungskonzept!“, ärgert sich Wolfgang Hagemann. „Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Unterbringungsplätze!“ Bis 2023 läuft die Umsetzungsfrist für die WTG-Bestimmungen – spätestens dann gehört das Wohnheim der Vergangenheit an.

Die Zeit drängt: Was tun? Von ihrer anfänglichen Überlegung, das Gemäuer abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen, haben Wolfgang Hagemann und sein Sohn Fabian, kaufmännischer Leiter des Fördervereins, derzeit wieder Abstand genommen. Abriss und Neubau würden mit bis zu 4,5 Millionen Euro zu Buche schlagen. Eine nicht zu stemmende Investition. „Hier geht es nicht ums.Geldverdienen, hier geht es darum, nicht Bankrott zu machen“, sagt Wolfgang Hagemann. Gerade auf dem Hintergrund der Tatsache, dass laut WTG, das den Schwerpunkt inzwischen auf ambulant betreutes Wohnen statt auf Heime mit 24-Stunden-Betreuung legt, nur noch Heime mit höchstens 16 Plätzen bezuschusst werden.

Heime, für die zudem Abstandsregelungen gelten: 300 Meter. „Auf demselben Grundstück zwei Gebäude mit 16 und acht Wohneinheiten zu errichten, um auf 24 Plätze zu kommen, geht nicht“, sagt Fabian Hagemann. Also müssten mehrere separate Grundstücke her. Aber schon ein einziges geeignetes zu finden ist überaus schwierig. „Wir hatten etwas an der Odilienstraße gefunden, aber da  hat uns die Heimaufsicht die Zustimmung verweigert“, sagt Wolfgang Hagemann.

Begründung: Mit Caritas, SBZ und einer weiteren Seniorenresidenz würde das zu einer übermäßigen Massierung von Heimangeboten führen. Ähnliches galt für ein Grundstück in Weisweiler. Völlig unklar ist auich die Frage der Finanzierung. Der günstigste Neubau würde mit etwa 2,5 Millionen Euro plus Grundstückskosten zu Buche schlagen, kalkuliert Fabian Hagemann. Aus den Pflegesätzen ist so etwas nicht zu erwirtschaften.

Unwägbare Risiken

Und: Laufende Änderungen in der Finanzierung machen jede Kalkkulation zu einem unwägbaren Risiko. Bisher konnte der Förderverein auf Mittel der Aktion Mensch, der Stiftung Wohlfahrtspflege und des Landschaftsverbands zählen. Das ist inzwischen vorbei: „Hat der Landschaftsverband bisher vorgeschossen, so gab es von der Stiftung Wohlfahrtspflege noch einmal die selbe Summe dazu“, sagt Wolfgang Hagemann. „Da der Landschaftsverband aber nicht mehr zahlt, kommt auch von der Stiftung nichts mehr.“

Folge: Ehe über die künftige Finanzierung solcher Wohnheime nicht endgültig Klarheit besteht, ist ein Neubau fast ausgeschlossen. Und ein Grundstück kaum zu finden. „Es ist derzeit noch völlig offen, ob wir mir einem neuen Wohnheim überhaupt innerhalb der Stadtgrenzen Eschweilers bleiben können“; sagt Wolfgang Hagemann. der mit seinem Förderverein der erste in der Region war, der ein solches Angebot überhaupt schuf und seither zudem in Kooperation mit der Städteregion Beratungsstellen unter dem Namen Triangel in Eschweiler, Alsdorf, Baesweiler und Kohlscheid einrichtete.

Dr. Woflgang Hagemann, der für den Verein ebenso ehrenamtlich tätig ist wie sein Geschäftsführer Norbert Behler und sein kaufmännischer Leiter Fabian Hagemann, sind weiter auf der Suche nach geeigneten Standorten. Ausgebremst von unklarer Zuschusslage. Bei der nur eines klar ist: Zwei oder drei kleinere Heime werden besser bezuschusst als ein größeres. Ende offen.

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