Eschweiler: Angelegenheit des Herzens: Tradititionelle Fastenbrechens-Feier im Ratssaal

Eschweiler : Angelegenheit des Herzens: Tradititionelle Fastenbrechens-Feier im Ratssaal

Was vor Jahren noch undenkbar erschien, das ist in Eschweiler längst gelebte Wirklichkeit: Moslems und Christen kommen im Ratssaal zum Iftar-Empfang zusammen, zum Fastenbrechen im Ramadan. In einer Zeit, in der zahlreiche Mitbürger aller Konfessionen und Kulturen schon weit aufeinander zugegangen sind, in der aber auch Hetze wieder und wieder das Leben vergiftet.

Eingeladen zu dem bemerkenswerten Abend mit weit über 100 Gästen hatte der Integrationsrat, an dessen Spitze seit Jahren Nora Hamidi steht, die zum Fastenbrechen auch Bürgermeister Rudi Bertram begrüßen konnte.

Hatten ein beeindruckendes Fest organisiert: Nora Hamidi (r.) vom Integrationsrat und dessen Geschäftsstellenleiterin Tatiana Senchenkova. Foto: Rudolf Müller

Der unterstrich in seine Begrüßung die Bedeutung dieser gemeinsamen Feier, die ein Zeichen setze und zur Besinnung aufrufe: Muslime seien ebenso wie Katholiken und evangelische Christen aufgerufen, miteinander zu leben, einander zu akzeptieren und zu tolerieren. Gerade in Eschweiler, das ein Schmelztiegel für Menschen aus 108 Nationen sei. „Wir müssen Signale setzen, dass Eschweiler eine tolerante Stadt ist, eine Stadt der Vielfalt. Wir müssen aufstehen gegen die, die das nicht wollen, und miteinander dagegen kämpfen.“ Menschen, die ihre Heimat verloren und in Eschweiler hoffentlich eine neue gefunden haben, sollen hier eine friedvolle Zukunft haben. „Das müssen wir tagtäglich leben! Wir müssen noch viele Steine aus dem Weg räumen, bis es zur Selbstverständlichkeit wird, füreinander da zu sein, aber das muss das Ziel sein!“

Erläuterte die wichtigsten Aspekte des Ramadan als „Lebensschule“. Psychologe Dr. Amin Loucif. Foto: Rudolf Müller

Das unterstrich auch Nora Hamidi, die Eschweiler trotz bestehender Probleme auf einem guten Weg sieht. „In Eschweiler ist das Klima weitestgehend von Aufeinanderzugehen geprägt“, konstatierte sie. Und erklärte den Koran als dabei wegweisenden Begleiter durch eine schnelllebige, sich rasant ändernde Welt. „Wir lehnen Gewalt wie auch nur die Androhung von Gewalt gegen Andersdenkende oder Andersgläubige ab, wir treten entschieden für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein und wir sehen Bildung als eines der wichtigen, aus dem Koran abgeleiteten Ziele an, ebenso wie wir Demokratie als ein islamisches Grundprinzip ansehen. Feststellungen, die Hamidi mit Koranzitaten unterlegte.

Dem Anlass gemäß orientalisch schick gewandet, führte Jürgen Rombach durch den Abend. Foto: Rudolf Müller

Nach dem Guten streben

Bezauberte die Gäste mit arabischen Klängen: der junge Syrer Samir Matwali. Foto: Rudolf Müller

Noch bis zum kommenden Donnerstagabend dauert der islamische Fastenmonat, der Gläubigen nicht nur das Essen und Trinken vor Sonnenuntergang untersagt. „Der Ramadan ist der Monat der Barmherzigkeit; eine Angelegenheit des Herzens, nicht nur des Magens“, betonte der deutsch-algerisch-stämmige Islamwissenschaftler Dr. Amin Loucif, der auch als Seelsorger tätig ist und in Düsseldorf in psychologische Praxis führt. Er wies auf eine Vielzahl von Übereinstimmungen von islamischen und christlichen Grundeinstellungen und Schriften-Ähnlichkeiten hin („natürlich gibt es Konflikte, aber es gibt auch so viel Schönes, Gemeinsames“) und beleuchtete den Ramadan aus psychologischer Sicht. „Der Verzicht auf Essen und Trinken ist noch der einfachere Part. Es geht darum, immer wieder nach dem Guten zu streben, für Mitmenschen — nicht nur Muslime — da zu sein und Konflikte zu vermeiden. Wem das im Ramadan gelingt, der wird sich auch im Rest des Jahres ähnlich verhalten“, erklärte Loucif die „Lebensschule Ramadan“.

Muslime dürfen während des Ramadan nur die Wahrheit sprechen oder schweigen, nicht lästern, müssen Streit schlichten, Kranke besuchen und ähnliches mehr. „Nur wenn wir zum Guten aufrufen, kann eine gesunde Gesellschaft entstehen“, unterstrich Loucif, der aufrief, diesen Abend zu netzen, um Mitmenschen kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen, zu überlegen, wie man Mitmenschen nutzen kann um durch die gute Tat auch selbst von diesem Abend zu profitieren. Der Ramadan, so Loucif, sei „ein Fest für Muslime, keine Erschwernis, sondern eine Chance“.

Begonnen hatte der Abend im voll besetzten Ratssaal mit einführenden Worten von Eschweilers Integrationsbeauftragtem Jürgen Rombach, ehe Ayed Hasan, in Eschweiler lebender Palästinenser, die Koran-Verse 182 - 190, Surat Abakar, sang.

Für andere musikalische Erlebnisse sorgte Samir Matwali. Der junge Syrer lebt seit einem Jahr in Eschweiler und hat gemeinsam mit seinem Vater doppelt Grund zur Freude: Vor Kurzem gelang es, seine Mutter nachzuholen und jetzt wieder, fernab von Terror und Zerstörung, vereint als Familie leben zu können. Samir unterhielt die Besucher unter anderem mit dem Lied „tala a-l badru ´alaina.

21.50 Uhr war es, als Ayed Hasan den Gebetsruf erschallen ließ, der den Sonnenuntergang verkündete und die zahlreichen Helfer in der Küche Platten mit Suppen, Salat und Gemüse, Teigwaren, Hähnchenfleisch, Hackfleischspießen und süßem Gebäck hereintragen ließ. Fastenbrechen im Rathaus — eine Tradition, die einen festen Platz im Jahreskalender der Inde-stadt verdient.

Mehr von Aachener Nachrichten