Eschweiler: „Absolutes Neuland“: Offener Ganztag in der Eduard-Mörike-Schule

Eschweiler: „Absolutes Neuland“: Offener Ganztag in der Eduard-Mörike-Schule

Nick versucht die Zahlenpyramide zu bezwingen. So heißt zumindest die Aufgabe, die der Zehnjährige gerade vor sich liegen hat. Nick schaut einige Momente etwas ratlos, aber schon kommt Hilfe von Ehrenamtlerin Annette Schmitz.

Drei Räume weiter sitzen sieben Erstklässlerinnen um einen Tisch herum. Sie alle tragen T-Shirts mit großen Farbkleksen drauf, Bastelkleidung eben. Vor ihnen auf dem Tisch liegen Holzbrettchen. OGS-Mitarbeiterin Gabriele Schulden schneidet kleine Stücke Ton von einem Klotz ab und verteilt sie auf die Brettchen. „Wir töpfern heute Schmuckkästchen“, sagt Fatima und klingt dabei ziemlich stolz. Alltag im Offenen Ganztag an der Eduard-Mörike-Schule im Stadtteil Ost. Doch bis dahin war es ein langer und nicht ganz einfacher Weg.

Positive Bilanz: Schulleiterin Sabine Allelein, OGS-Teamleiterin Jennifer Franken und Anne Weisser, pädagogische Leiterin Kinderschutzbund (v.r.).

Ganztagsoffensive

Rückblick: Im Jahr 2003 startet das NRW-Schulministerium seine Ganztagsoffensive. Das Ziel: alle Grundschulen in Nordrhein-Westfalen sollen mittelfristig in offene Ganztagsschulen (OGS) umgewandelt werden. Heinrich Meuter, zu dieser Zeit Schulleiter an der Eduard-Mörike-Schule, ist einer der ersten Eschweiler Schulleiter, der an das Potenzial dieses Konzepts glaubt.

Doch er läuft bei den Eschweiler Politikern keine offenen Türen ein: „Der Offene Ganztag war politisch sehr umstritten“, erinnert sich der damalige Schulleiter zurück. Betreuung bis 16 Uhr ist für die Kleinen doch viel zu lange. Den Kindern bleibt zu wenig Freizeit. Die Eltern als Erziehungsverantwortliche geben ihre Verantwortung ab. So klingen die Vorbehalte — nicht nur aus den Reihen der Politiker.

Doch Meuter glaubt an die Idee des Offenen Ganztags. Mit der Leiterin des städtischen Schulamts, Petra Seeger, erarbeitet er ein Konzept. Meuter ist für den pädagogischen Teil zuständig, Seeger für die gesetzlichen Rahmenbedingungen. „Wir haben damals absolutes Neuland betreten“, sagt der 63-Jährige rückblickend. „Das war aber auch vorteilhaft, da wir uns nur an wenige Vorschriften halten mussten und Gestaltungsraum hatten.“

Und auch der Bedarf bei den Eltern ist da: 36 verbindliche Anmeldungen liegen für das Schuljahr 2003/2004 vor. Das überzeugt auch die Politiker: Die Eduard-Mörike-Schule ist die erste Grundschule in Eschweiler, die mit gleich zwei Gruppen das Neuland Offener Ganztag betritt. Träger ist der Kinderschutzbund.

Zweieinhalb Jahre läuft die Betreuung im offenen Ganztag in provisorischen Containern, dann ist der mehrstöckige Anbau, der unter anderem Platz für zwei Gruppenräume, eine Küche und einen Essensraum bietet, fertig.

Und heute, zehn Jahre später, ist der Offene Ganztag aus dem Leben an der Grundschule nicht mehr wegzudenken, findet die jetzige Schulleiterin Sabine Allelein. „Der Offene Ganztag hat sich in der Schullandschaft mittlerweile etabliert“, sagt Allelein. Und: „Die große Resonanz der Eltern spricht für sich.“

Von den rund 220 Kindern, die derzeit die Grundschule besuchen, werden derzeit 79 Kinder im Offenen Ganztag betreut. Platz ist dort für bis zu 90 Kinder. Weitere 45 Grundschulkinder werden täglich bis 13.30 Uhr im Kids Club betreut.

Und auch bei einem Blick auf die restlichen Schulen im Stadtgebiet zeigt sich: Der Offene Ganztag ist in Eschweiler angekommen. Mittlerweile bieten neun der elf Grundschulen Betreuungsangebote im Offenen Ganztag an, fünf von ihnen in Trägerschaft des Kinderschutzbundes. Finanziert wird der Offene Ganztag aus Landesmitteln, städtischen Zuschüssen und einer monatlichen Pauschale, die sich nach dem Einkommen der Eltern richtet.

An der Eduard-Mörike-Schule können die Kinder schon vor Schulbeginn in die Betreuung kommen, ab 7.30 Uhr sind die Türen geöffnet. Sind die Kinder dann im Unterricht, bedeutet das aber nicht, dass die OGS-Mitarbeiter um Teamleiterin Jennifer Franken Freizeit haben: „In der Zeit bereiten wir das Programm am Nachmittag oder auch für die Ferien vor, führen Gespräche mit dem Träger, der Schulleitung, den Eltern oder hospitieren im Unterricht“, erklärt Franken. Anschließend werden im Offenen Ganztag die Hausaufgaben erledigt, und es wird gemeinsam zu Mittag gegessen.

Nach Schulschluss heißt es in der OGS dann: Zeit für die AGs. Ob Handarbeit, Kreativ-Werkstatt, Fußball-AG — hier kooperiert die Schule mit dem Eschweiler Fußballverein — Koch-AG oder Yoga. „Wir versuchen alle Bereiche abzudecken“, sagt OGS-Leiterin Franken. „Wir wollen die Kinder in den Bereichen Bewegung, Ernährung und Kreativität fördern.“ Acht OGS-Kräfte, eine Küchenfachkraft, Ehrenamtler und Praktikanten kümmern sich um die Kinder.

Und wie erleben Kinder und Eltern den Offenen Ganztag? „Für viele Eltern bieten wir eine wahnsinnige Entlastung“, weiß Schulleiterin Allelein. Schließlich seien gerade Alleinerziehende oder berufstätige Paare auf Nachmittagsbetreuung angewiesen. „Wir unterstützen die Eltern ohne sie aus der Verantwortung zu nehmen“, zieht Anne Weisser, pädagogische Leiterin des Kinderschutzbundes, Bilanz. „Und die Kinder profitieren von dieser starken Gemeinschaft.“