Eschweiler: Abenteuerliche Flucht: Teddy ist stets dabei

Eschweiler: Abenteuerliche Flucht: Teddy ist stets dabei

„Teddy ist nicht mehr der Jüngste“, sagt Helga Görres. Aber für einen Fototermin vor dem Haus, in dem er als ganz junger Bär die noch jüngere kleine Helga getröstet hat, muss er dann doch mal raus aus der warmen Wohnung und hin zum Lynenwerk — oder das, was früher das Lynenwerk war.

Dort hat diese Geschichte vor über 80 Jahren begonnen. Und insofern ist die Geschichte von Helga Görres und ihrem Teddybären namens „Teddy“ auch ein Stück Eschweiler Stadtgeschichte und Zeitgeschichte. Das Lynenwerk hörte zum Jahresende 2012 auf zu existieren, nachdem es zunächst 2001 an den Unternehmer Klaus Faber und 2008 an die Unternehmensgruppe Prysmian verkauft worden war.

Helga Görres, hier mit ihrer Tochter Mechthild, wuchs in diesem Gebäude auf, dem Wohnhaus der Familie Lynen auf den Gelände des früheren Lynenwerks an der einstigen Stadtgrenze zwischen Eschweiler und Weisweiler. Ihr Teddybär hat sie seit damals durch alle Widrigkeiten des Lebens begleitet.

Im Lynenwerk ist Helga Heptner, heute Görres, aufgewachsen. Ihr Vater, der aus Breslau stammte, war Feinmechaniker und leitete innerhalb der Fabrik, in der seit 1886 Kabel hergestellt wurden, eine Werkstatt. Georg Heptner war für die mit Industriediamanten bestückten Maschinen verantwortlich, mit denen die Kupferdrähte für die Lynen-Kabel auf die gewünschte Dicke gezogen wurden. Seine Frau Martha stammte aus Frenz, ihr Vater war als Oberförster an der Frenzer Burg beschäftigt. Mit der Familie des Unternehmers Richard Lynen war man befreundet. Die Heptners wohnten im Haus der Lynens, dem späteren Verwaltungsgebäude der Lynenwerke. Richard Lynen und seine Frau Tilly wohnten oben; im Erdgeschoss, von einem Nebeneingang her zu erreichen, die Familie Heptner und die Familie des Walzwerkmeisters Bünten. „Die Türen vom Flur standen immer auf“, erinnert sich Helga Görres, „Richard Lynen kam auch schon mal zum Essen runter zu uns.“

Als im 2. Weltkrieg 1944 das Lynenwerk evakuiert wurde, war Helga zwölf Jahre alt. Der Tag ist ihr ins Gedächtnis geschrieben: „Wir saßen morgens noch im Luftschutzkeller, da kam Richard Lynen mit der Nachricht, dass der letzte Lastwagen fuhr: Nehmt das Wichtigste mit, was ihr braucht! Tilly, die Frau von Richard Lynen, saß auch schon da drin, und Frau Bünten, die Nachbarin. Sie hatten hinten auf der Ladefläche noch Sitze gemacht. Und dann, als wir schon fuhren, kam Vater durch die Allee nachgelaufen und hat mir noch den Bären in den Wagen geworfen.“

So begann die abenteuerliche Reise der zwölfjährigen Helga und ihres Teddys, der schon einige Jahre älter und damit sicher auch weiser und klüger war. Der Bär hatte zunächst einer älteren Cousine gehört. Bei deren Einschulung wechselte „Teddy“ zum ersten und bislang auch letzten Mal seine Besitzerin.

Der Firmenchef und die wichtigsten Mitarbeiter, darunter auch Helgas Vater Georg Heptner, blieben noch in Eschweiler zurück. Sie organisierten die Evakuierung des „kriegswichtigen Betriebs“ Lynenwerk, der nach Schönwald bei Selb in Oberfranken ziehen musste. Ein Güterzug brachte die wichtigsten Maschinen dort hin.

Für Helga Heptner ging die Reise nach Dresden, zur Schwester ihres Vaters. Doch diese alleinstehende Tante, von Beruf Sekretärin des Oberbürgermeisters, war weder von ihrer Nichte noch von deren Teddy begeistert. Da kam eine Einladung nach Olbersdorf bei Zittau (Sachsen) gerade recht. Bei einer dort wohnenden Familie namens Götze war Helga Heptner ein paar Jahre früher im Zuge der so genannten Kinderlandverschickung gewesen.

Und so wurde ein Umzug organisiert. Das Mädchen reiste nach Olbersdorf, heute dicht an der Grenze zu Polen und der Tschechei gelegen, ging dort zur Schule, spielte mit den Kindern des Dorfes. „Nebenan wohnte eine junge Frau, deren Mann war bei der Marine. Die hatten abgemacht: Wenn ein bestimmtes Wort in einem Brief auftaucht, dann ist das das Zeichen, schnellstens abzuhauen.“ Das taten die Götzes, im Februar 1945. Es wäre fast eine Reise in den Tod geworden. Man übernachtete gerade am Rand von Dresden in ei

ner Rotkreuz-Baracke, als die von Flüchtlingen überfüllte Stadt angegriffen wurde. Etwa 25.000 Menschen starben damals bei den Luftangriffen.

Die Flüchtlinge — die Familie Götze mit drei Kindern, darunter einem Baby — kamen bei Verwandten im Vogtland unter. Für Helga ging die Reise weiter, sie wurde zu einem Zug gebracht, der nach Hof an der Saale fuhr. Doch den Teddy sollte sie nicht mitnehmen dürfen. Man versuchte, ihr den Bären abzunehmen, doch sie weigerte sich: Ohne meinen Teddy steige ich nicht ein! Und sie setzte sich durch. Über Hof an der Saale ging es mitsamt dem Bären nach Schönwald zu ihren Eltern. Unterwegs hielt der Zug bei einem Fliegerangriff, alle Passagiere mussten aussteigen und sich in den Graben legen. In Schönwald fand das Mädchen endlich nach langer Suche ihre Eltern wieder, die in einem Gasthof einquartiert worden waren.

Im Sommer 1945, als der Krieg zu Ende war, wurde das Lynenwerk wieder nach Eschweiler verlegt. In einem versiegelten Eisenbahnzug, so berichtet es der frühere Lynen-Geschäftsführer Hans-Günter Bömeke in einem Beitrag für die Schriftenreihe des Eschweiler Geschichtsvereins, kehrten die Fertigungsanlage und die Belegschaft aus Oberfranken zurück in die schwer beschädigten Gebäude der Hovermühle, dem Standort des Lynenwerks. „Die Maschinen waren hinten in den Waggons, vorne waren zwei Personenwagen, da saßen wir alle zusammen“, erinnert sich Helga Görres heute. „Dann wurde das Werk wieder aufgebaut.“ Die Männer mauerten und räumten Schutt, „die Frauen mussten schauen, dass sie etwas auf den Tisch kriegten“. Zum Beispiel mit selbst gezogenem Gemüse aus einem großen Garten an der Hovermühle.

Von ihrem Teddybären hat sich die Tochter des Lynenwerkers auch später nie getrennt. Heute sitzt „Teddy“, wenn er nicht vom Wohnzimmerschrank im Eigenheim der Familie Görres hinunter schaut, ganz gern auch in einem Stuhl, der sogar noch älter ist als der Bär selber. Es ist ein Geschenk der Unternehmer-Familie: der Stuhl des alten Kommerzienrates Lynen — Georg Victor Lynen, Gründer des Kabelwerks.