Eschweiler: 400 Jahre auf stolzen 622 Seiten

Eschweiler: 400 Jahre auf stolzen 622 Seiten

400 Jahre auf 620 Seiten! Autor Hans Reiner Jansen, langjähriges Mitglied des Eschweiler Geschichtsvereins sowie der inzwischen nicht mehr existierenden Heimatfreunde Kinzweiler, hat in mehrjähriger akribischer Arbeit die Historie des heutigen Eschweiler Nordwestens erforscht und aufgearbeitet.

Das Ergebnis ist nun in seinem Werk „Unterherrschaft Kinzweiler 1400 — 1800“ nachzulesen. Nach der Festschrift „50 Jahre Heimatfreunde Kinzweiler“, der 2010 erschienenen Arbeit „Die Velau“ sowie der im laufenden Jahr veröffentlichten Publikation „Pfarre und Pfarrkirche St. Blasius Kinzweiler“, die letzte Schrift der Heimatfreunde, stellt die Geschichte Kinzweilers des 15. bis 18. Jahrhunderts das inzwischen vierte Buch des in Dürwiß lebenden Hobby-Historikers dar.

Ein Zitat des im vergangenen Jahr verstorbenen Historikers Dr. Stefan Frankewitz stand im Jahr 2006 am Anfang der Nachforschungen: „Eine Aufgabe der künftigen Forschung wird es sein, die Anfänge und die Entwicklung der zahlreichen Adelsherrschaften zwischen Rhein und Maas im Einzelnen genauer zu untersuchen, ...“, hatte der Leiter des Stadtarchivs Geldern seinerzeit in einem in der Zeitschrift „Rheinische Vierteljahrsblätter“ veröffentlichten Aufsatz geschrieben.

St. Jöris, nicht aber Hehlrath

Für Hans Reiner Jansen der Auftrag, sich der Historie des Ortes zu widmen, den er in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts selbst bewohnte. Kinzweiler! Acht Jahre und einige zwischendurch veröffentlichte Publikationen später liegt nun ein Werk vor, das die „Unterherrschaft Kinzweiler“, zu der auch St. Jöris, nicht aber Hehlrath gehörte, als Teil des Herzogtums Jülich in nahezu allen Einzelheiten beschreibt.

Ausgangspunkt des Buches ist die im Jahr 1782 von Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz, dem damaligen Herzog von Jülich, bei der Hofkammer in Düsseldorf eingegangene schriftliche Anfrage zur räumlichen Lage und zum Rechtsstatus der Ortschaft Kinzweiler, die er dem Grafen von Hatzfeld vor nunmehr 232 Jahren überlassen wollte. Unter der Überschrift „Merkmale der Unterherrschaft Kinzweiler“ nimmt sich Hans Reiner Jansen zunächst vor allem der Hohen und Niederen Gerichtsbarkeit an, bevor er sich dem Herzogtum Jülich und dessen Regenten, den Eingriffen der weltlichen und kirchlichen Autoritäten in die Unterherrschaft Kinzweiler sowie den Religionsstreitigkeiten, die vor einem halben Jahrtausend auch vor dem hiesigen Raum nicht Halt machten, zuwendet.

Mit Werner II. von Palant, dessen genaues Geburtsdatum nicht bekannt ist, der aber bei seinem Tod im Jahr 1456 etwa 70 Jahre alt gewesen sein soll, beginnt dann die lückenlose Auflistung der „Unterherren“, die die Eigentümer der „Unterherrschaft“ und damit die Herrscher des Kleinstaats waren. „Darunter befinden sich außergewöhnliche Persönlichkeiten. So etwa Floris I. von Palant, der im 16. Jahrhundert Kontakte zum spanischen Hof in Brüssel unter Kaiser Karl V. unterhielt und in die Religionsstreitigkeiten nach der Thronbesteigung König Philipps II. von Spanien als neuem Besitzer der Erblande in den spanischen Niederlanden verstrickt war. Oder Graf Georg Friedrich von Waldeck (1620 bis 1692), der politisch, militärisch und diplomatisch für verschiedene europäische Fürstenhäuser tätig war, einen weit über die Größe seiner Grafschaft beziehungsweise seines Fürstentums hinausgehenden Einfluss besaß und der wohl als bedeutendster Besitzer der Unterherrschaft Kinzweiler zu bezeichnen ist“, betont der Autor, der nicht nur zahlreiche Stunden im Stadtarchiv Eschweiler und im Pfarrarchiv Kinzweiler, sondern auch im Landeshauptarchiv Koblenz sowie den Stadtarchiven Kerpen, Düren, Frechen und Marburg verbrachte.

„Da ich ‚Kartenfreund‘ bin, werden meine Ausführungen im Buch durch Bilder, Zeichnungen, Skizzen, Tabellen und eben Karten ergänzt“, unterstreicht der ehemalige Lehrer. „Darüber hinaus befasse ich mich neben den Unterherren in eigenen Kapiteln auch mit den Gewerken der Grube Probstei, der von Heinrich Lothmann erbauten Kambacher Mühle, den Mühlen in Kinzweiler, von denen es meiner Meinung nach nicht wie häufig behauptet drei, sondern vier gegeben hat, dem Probsteier Wald, dem Haus Kambach sowie dem Palanter oder Kuhlenberger Hof in Ratheim.“

Im Kapitel „Ergebnisse“ zieht Hans Reiner Jansen schließlich auf sieben Seiten Bilanz: „Im untersuchten Zeitraum war Kinzweiler stets eine Unterherrschaft mit unvollständig ausgeprägter weltlicher Immunität. Gerichtsbarkeit stand den Eigentümern von Kinzweiler zur Verfügung, Markt- oder Münzrechte wurden den Kinzweilern jedoch nie verliehen, da ein wesentlicher Bestandteil einer Stadt, der Burgbering, nie existierte“, erklärt der Autor.

Geologie in Eschweiler

Wer nun glaubt, dass sich Hans Reiner Jansen nach dem Verfassen eines 620 Seiten starken Werkes (erstmal) etwas zurücklehnt, hat sich getäuscht. „Momentan beschäftige ich mich für einen Aufsatz, der in der Schriftenreihe des Eschweiler Geschichtsvereins erscheinen soll, mit der Geologie im Stadtgebiet Eschweilers“, forscht der Wahl-Dürwisser auf neuem Gebiet. Die Historie Kinzweilers lässt ihn aber keinesfalls los: „Noch sind viele Fragen ungeklärt. So fehlt nach wie vor ein Bauplan der Kinzweiler Burg“, weiß Hans Reiner Jansen, dass historische Nachforschungen häufig eine „Sisyphos-Arbeit“ mit sich bringen.

Exemplare des Buches „Unterherrschaft Kinzweiler 1400 - 1800“ sind in der Buchhandlung „Librodrom“ sowie bei Hans Reiner Jansen unter der E-Mail-Adresse Kinzweilerbuch2014@live.de erhältlich.

(ran)
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