250 Mitarbeiter betroffen: ESW-Röhrenwerke in Eschweiler vor Schließung

Schließung in 2020 : Die ESW-Röhrenwerke stehen vor dem Aus

Mehr als 250 Mitarbeiter müssen sich schnellstmöglich einen neuen Arbeitsplatz suchen: Die ESW-Röhrenwerke in Eschweiler werden im kommenden Jahr schließen. Die Vorgehensweise ist brisant.

Vor dem Talbahnhof blickte man am Mittwochnachmittag in frustrierte, wütende Gesichter. Mehr als 250 Mitarbeiter der ESW-Röhrenwerke hatten auf einer Versammlung von der Geschäftsleitung erfahren, dass ihr Betrieb im kommenden Jahr geschlossen wird. Das erste Walzwerk soll noch vor Weihnachten die Produktion einstellen. Neue Aufträge werden nicht mehr angenommen, die letzten Arbeiten sollen laut Geschäftsleitung im Februar vollendet werden.

Etwa anderthalb Stunden dauerte die Versammlung. Nach einer knapp halbstündigen Ausführung der Geschäftsleitung auf Italienisch, die für die Belegschaft übersetzt wurde, hatten die Mitarbeiter die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Doch die schienen nicht zur Zufriedenheit beantwortet zu werden. Nach einer guten Stunde verließ etwa die Hälfte der Mitarbeiter die Veranstaltung. Draußen machten sie ihrem Ärger Luft.

Von feigen und unklaren Antworten war die Rede. „Keiner kommt auf den Punkt!“, „Die reden nur drumherum!“ und „Das kann ich mir nicht mehr anhören!“ waren nur einige der Reaktionen auf die Aussagen der siebenköpfigen Delegation – zu der neben dem Vorstand auch ein Anwalt gehörte. Nicht einmal auf die Frage, ob die Arbeitsplätze bis Weihnachten gesichert sind, habe es eine konkrete Antwort gegeben.

Ralf Radmacher vor den wütenden Mitarbeitern: Er betreut die ESW-Röhrenwerke von Gewerkschaftsseite aus. Mit der IG Metall will er jetzt helfen, die Beeinträchtigungen der Mitarbeiter möglichst gering zu halten. Foto: ZVA/Caroline Niehus

Ein Mitarbeiter, der seit 35 Jahren bei der Firma angestellt ist, ist fassungslos. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen, aus Angst vor einer schlechteren Behandlung in den bald beginnenden Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber. Kritik übt er vor allem an der Kommunikation über die Schließung. „Es war mehr eine Gerüchteküche als Tatsachen, um die Belegschaft ruhig zu halten. Viele Fragen sind nicht beantwortet worden“, sagt er.

Erst seit letzter Woche Mittwoch wussten die Mitarbeiter von der anstehenden Entwicklung, jetzt sei der nähere Zeitplan vorgestellt worden. „Ich habe meine zwei Ausbildungen hier gemacht, ich kenne keinen anderen Betrieb, seit ich 16 bin. Das ist mein Leben gewesen. Deswegen ist das wirklich frustrierend“, klagt er.

Kündigungen eigentlich vertraglich ausgeschlossen

Brisant an der Schließung ist, dass Anfang dieses Jahres ein Standortsicherungstarifvertrag zwischen der IG Metall und dem Arbeitgeber vereinbart wurde, der betriebsbedingte Kündigungen bis zum Laufzeitende am 31. Juli 2020 eigentlich ausschließt. Das berichtet Ralf Radmacher, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Stolberg und zuständig für die ESW-Röhrenwerke. „Diesen Vertrag will man jetzt nicht mehr einhalten und die Mitarbeiter am liebsten zum Jahresende nach Hause schicken“, kritisiert er.

Das Schlimmste sei, dass die Geschäftsleitung noch vor einigen Monaten signalisiert hätte, einen Rettungsversuch zu unternehmen. Das sollte in Form eines neuen Glühofens passieren, der die Produktion verbessern sollte. Gekauft wurde der Ofen auch, bis heute läuft er aber nicht. „Da hat die Geschäftsleitung eindeutig ihren Job nicht gemacht, das ist ein Armutszeugnis für diesen Konzern“, meint Radmacher.

Es ist kein Geheimnis, dass die Stahlindustrie es in der heutigen Zeit schwer hat. Aber das sei kein Grund, einfach aufzugeben, wie Radmacher sagt: „Ein Konzern wie Danieli kann es eigentlich schaffen, dass ein Werk wie die ESW lukrativ arbeitet, aber das haben sie nicht hinbekommen.“ Vor drei Jahren hatte das italienische Unternehmen Danieli Group die ESW-Röhrenwerke übernommen, der Konzern will sich jetzt aber aus dem Rohrgeschäft zurückziehen. Der Konzern habe es versäumt, die Firma auf stabile Füße zu stellen.

Insolvenz als Druckmittel

Nach dem Paukenschlag folgen Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber. Betriebsratsvorsitzender Ingo Zimmermann will das Vorgehen juristisch prüfen lassen. „Man hat die Belegschaft vor vollendete Tatsachen gestellt, und die Geschäftsleitung würde sogar in die Insolvenz gehen“, sagt er. Das bedeutet: Sollte das Ergebnis der Verhandlungen nicht eine zeitnahe Schließung vorsehen, drohe der Arbeitgeber mit einer Insolvenz. Das bestätigt auch die IG Metall. Dieses Szenario wäre das schlechteste für die Mitarbeiter, weshalb Ralf Radmacher diese Aussage eindeutig als Drohung wertet.

„Das ist Erpressung seitens des Arbeitgebers, er will mit der Kündigung nicht mehr auf nächstes Jahr warten“, betont er. Die Geschäftsleitung wollte nach der Versammlung keine Stellungnahme abgeben.