16. Auflage des Kambacher VIP-Talks

Kambacher VIP-Talk : „Wie Kapitalismus soziale Ungleichheit bekämpfen kann“

Nein, den besten Ruf genießt diese Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung definitiv nicht. Spätestens seit der im Jahr 2008 ausgelösten Finanzkrise wird der Kapitalismus nahezu ausschließlich mit Vorsilben und Begriffen wie „Raubtier“, „Heuschrecken“ und „Boni“ in Verbindung gebracht.

Doch gibt es womöglich noch eine andere Sichtweise? Bietet der Kapitalismus vielleicht sogar Chancen, weltweit Armut zu lindern? Unter der Überschrift „Wie Kapitalismus soziale Ungleichheit bekämpfen kann“ beleuchteten nun während des 16. Kambacher VIP-Talks, der in Kooperation mit dem Bund der Katholischen Unternehmer (BUK) stattfand, die Unternehmer Susanne Bregy, Professor Dr. Dr. Ulrich Hemel, Stephan Werhahn sowie der Sozialwissenschaftler Professor Dr. Dr. Elmar Nass im Gespräch mit Moderator Jan Ehlert die Frage, ob der Wunsch, Gewinne zu erwirtschaften, mit einem Wertekanon in Einklang zu bringen ist und ob „das System von innen heraus verändert werden kann“.

Dabei brachte der Unternehmer und katholische Theologe Professor Dr. Dr. Ulrich Hemel zunächst eine Persönlichkeit ins Spiel, deren 200. Geburtstag in diesem Jahr im Blickpunkt stand und die definitiv nicht unter Verdacht steht, ein Befürworter des Kapitalismus gewesen zu sein: Karl Marx! Dieser Philosoph, Ökonom und Gesellschaftstheoretiker habe eine Menge guter Gedanken entwickelt, einen wesentlichen Punkt jedoch völlig außer Acht gelassen: „Nämlich die treibende Rolle des Unternehmers, eine menschenwürdige Gesellschaft zu schaffen“, betonte der Vorsitzende des BKU. In den Köpfen vieler Menschen sei jedoch der Gedanke verankert, dass im Zusammenspiel zwischen Staat und Zivilgesellschaft die Wirtschaft den Part „des Bösen“ einnehme. Unternehmer seien jedoch aufgerufen, als Akteure die Gesellschaft zu bereichern. „Ohne Werte und Ziele ist ein Unternehmen gar nicht zu führen. Und Verantwortung gehört zwingend dazu“, so Ulrich Hemel. Susanne Bregy, die ehemals für Fondshäuser im Bereich der „Alternativen Investments“ tätig war, bestätigte, dass die Akteure des Finanzsystems zu häufig von der Gier nach Gewinnmaximierung getrieben seien und erinnerte sich an Situationen, in denen sie auf beträchtliche kriminelle Energie getroffen sei. Monatelang habe sie mit dem Gedanken gespielt, der Finanzwelt vollständig den Rücken zu kehren, bevor sie sich entschloss, ein „Bekenntnis zur Marktwirtschaft“ abzugeben, indem sie sich dem „Impact Investment“ widmete. „Meine Definition lautet: Ich möchte ein fundamentales gesellschaftliches oder ökologisches Problem mit Hilfe eines kommerziellen Ansatzes lösen“, erklärte die Wahl-Londonerin, die überzeugt ist, dass ein werteorientierter Kapitalismus Menschen Perspektiven, etwa in Sachen „sozialer Aufstieg“ verschaffen könne.“

Auch Stefan Werhahn hat als ehemaliger Investmentbanker aus seiner Sicht negative Erfahrungen gemacht. „Entwickelt der Kapitalismus den Charakter eines Raubtiers, dann schadet er der Gesellschaft. Laut Papst Franziskus tötet er sogar“, so das BKU-Vorstandsmitglied, das als Berater für die General Capital Group München tätig ist und die Ethik für einen unverzichtbaren Bestandteil auch einer modernen Sozialen Marktwirtschaft hält. Deutlich zutage trete jedoch, dass jeder dem Ruf nach Werten in der Theorie zustimme, es aber in der Praxis an deren Umsetzung häufig hapere, warf Professor Dr. Dr. Elmar Nass ein. „Es geht um Verantwortung und die Umsetzung von Prinzipien. Der Markt benötigt Regeln und einen Rahmen. Er ist kein Selbstzweck, sondern sollte den Menschen dienen“, unterstrich der Priester und Sozialethiker.

Soziale Gerechtigkeit herrsche innerhalb einer Marktwirtschaft, wenn die Menschen, die in dieser Ordnung lebten, die Chance hätten, ihre Lebensumstände zu verbessern, nahm er Grundsätze aus der „Katholischen Soziallehre“ auf. Dies schließe selbstverantwortliches Handeln ausdrücklich ein. Schon in der Bibel würden die Menschen aufgerufen, ihre Talente zu nutzen. Apropos Eigenverantwortung: „Jeder Unternehmer trägt per se Verantwortung, so wie jeder Mensch sich die Frage stellen muss, wie er leben und konsumieren möchte“, so Susanne Bregy.

Doch trotz aller gutgemeinten Worte und Absichtserklärungen sei die Tatsache, dass die soziale Ungleichheit während des 20. Jahrhunderts gewachsen sei und sich diese Entwicklung im 21. Jahrhundert fortsetze, nicht zu leugnen, gab Moderator Jan Ehlert zu bedenken. „Wie ist dieser Trend aufzuhalten?“, lautete die Frage des Mitarbeiters des Norddeutschen Rundfunks. „Der Kapitalismus als solcher wird dies nicht tun“, räumte Professor Dr. Dr. Ulrich Hemel ein. Und genau aus diesem Grund sei das Zusammenspiel von Wirtschaft und Gesellschaft unverzichtbar. „Wir benötigen einen funktionierenden Staat, der schaut, dass die vereinbarten Spielregeln auch eingehalten werden!“ Susanne Bregy unterstrich, dass Wirtschaftswachstum alleine nicht helfe. „Dieses muss bei allen ankommen.“ Dass dies nicht der Fall sei, stelle ein „Riesenproblem“ dar. Elmar Nass sieht in der menschlichen Würde den zentralen Wert allen Handelns. Er wies auf die Gefahr hin, dass in einem ausufernden Kapitalismus die Stärkeren die Schwächeren mit „Brotsamen“ abspeisten, „um in Ruhe im eigenen Reichtum leben zu können“. Deshalb sei eine Umverteilung wünschenswert. „Allerdings in Maßen und so, dass sie allen nutzt“, so seine Meinung. Für Stephan Werhahn sind Vorbilder und Leuchtturmprojekte wünschenswert. „Wichtig ist aber nicht zuletzt, dass sich Unternehmer auch politisch engagieren“, so sein Appell. Ulrich Hemel forderte abschließend „Wirtschaft neu zu denken und ein neues Menschenbild zu entwickeln“. Die Zivilgesellschaft müsse die Stimme erheben und Themen wie Fairness und Transparenz, aber auch die Geschlechterrollen ansprechen, machte der BKU-Vorsitzende deutlich, bevor Gastgeber Burghard von Reumont und Andree Brüning, Vorsitzender des BKU Aachen, zu weiteren Gesprächen in kleiner Runde einluden.

(ran)
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