Roetgen: Zuhörer der Lit.Eifel-Lesung kleben an den Lippen der Autorin Pascale Hugues

Roetgen : Zuhörer der Lit.Eifel-Lesung kleben an den Lippen der Autorin Pascale Hugues

Ihr charmanter französischer Akzent in der deutschen Sprache ist es nicht allein, der diesen Abend so unterhaltsam macht. Die Autorin Pascale Hugues beginnt mit einem Plauderviertelstündchen, das so fesselnd ist, dass schon da die Zuhörer der Lit.Eifel-Lesung im Bürgersaal an ihren Lippen kleben.

„Deutschland à la française“ ist ein Buch über die kleinen Eigenheiten zweier großer Nationen — Deutschland und Frankreich. Die Französin lebt seit 20 Jahren in Berlin und offenbart witzig wie klug ihre feinsinnigen Beobachtungen in ihrem Adoptivland, in der Heimat ihrer Kindheit und die emotionalen Grenzgänge dazwischen. Dass das nicht immer einfach ist, das Leben zwischen zwei Ländern, verhehlt sie nicht. Deutschland sei ihr immer noch ein bisschen fremd, bekennt Hugues: „Das werden sie auch kennen, wenn sie lange im Ausland leben. Es wird nie richtig tief meine Heimat sein.“ Aber auch Frankreich sei längst nicht mehr das vertraute Land ihrer Kindheit. Dieses Gefühl kenne jeder, der im Exil lebe.

Sie beschreibt mit ihren Lesepassagen Alltag, Mentalität wie Sprache der beiden Nationen und arbeitet humorvoll die Unterschiede heraus. Sie beherrscht, bildhaft zu vermitteln, leicht laufen Filme vor den Augen der Zuhörer ab. Ihre Botschaft versteht man sofort, wenn sie beispielhaft den geschichtsträchtigen Elyséepalast mit dem funktionalen Berliner Kanzleramt vergleicht und damit die Politik, die Funktion der Macht und den Typus der Regierenden beider Länder.

Der prächtige Regierungssitz der Franzosen werde als „le Château“, das Schloss, benannt, das funktionelle Kanzleramt dagegen als Waschmaschine, nicht zuletzt wegen der Optik des Eingangs. Der französische Staatspräsident bezeichne sich selbst als Jupiter, Merkel sei die „Mutti“ der Nation. „Jupiter in seinem Schloss und die Mutti mit ihrer Waschmaschine“, dem müsse man doch nichts mehr hinzufügen. Macron und Merkel? „Es könnte unterschiedlicher nicht sein“, ist die Französin sicher. Durch Hugues französische Brille wird selbst ein Speiseplan einer handelsüblichen Kantine zum kulinarischen Genuss und zur sinnlichen Erfahrung.

Köstlich ihr Disput in der Schule mit Marvins deutscher Mutter um kalte Stullen versus warme Mahlzeiten, die man in Frankreich mehrmals am Tag aufzutischen pflege. „Zwischen uns tat sich ein Abgrund auf“, sagte Hugues. Eine Collage aus Partikeln, Pronomen und Verbfetzen. Mit den Erzählungen aus ihrem Munde wird die Faszination für andere Länder und Sitten greifbar.

Private Einblicke

Als Kind habe sie jedoch das nächstgelegene Nachbarland gar nicht als attraktiv eingestuft, bekennt sie den Zuhörern. Im Elsass groß geworden habe Deutschland für sie aus Baden-Württemberg bestanden. „Also Kehl, Stuttgart, Karlsruhe“, so die Französin. Es wurde von ihr als „nicht sehr exotisch“ eingestuft. Inzwischen aber habe sie Deutschland von Ost bis West sehr wohl lieben gelernt. Immer wieder lässt sie fröhlich passende Anekdoten, private Einblicke in ihr Muttersein und auch politische Tagesthemen mit einfließen.

Hugues spielt gekonnt mit der deutschen Sprache, zerlegt sie in Bestandteile, exportiert sie ins Französische oder hinterfragt ihre Bedeutung — wie bei „auseinandersetzen mit“. Der Ausdruck sei kompliziert: „Eine Collage aus Partikeln, Pronomen und Verbfetzen.“ Man setze sich nicht hin oder nieder, sondern auseinander. Das sei seltsam: „Vor meinem inneren Auge entsteht ein merkwürdiges Bild: Ich nehme mich selbst Stück für Stück auseinander.“

Mit Roetgen wurde von den Lit.Eifel-Verantwortlichen ein passender Lese-Ort ausgewählt. Grenzgänger zwischen Land, Leuten und Kultur zu sein, kenne man in Roetgen, das südlich von Aachen direkt an der belgischen Grenze verortet ist, meint Bürgermeister Jorma Klauss. Er ist begeistert von Hugues‘ Lesung: „Dieses Leben zwischen zwei europäischen Nachbarländern, oder eben als Französin in Berlin offenbart immer Einblicke und Sichtweisen die im besonderen Maße interessant sind, weil es sowohl ein Blick von außen auf ein Land ist, aber auch ein Blick von innen in ein Land.“ Noch lange tauscht sich die Autorin mit den Gästen aus.

Hugues verrät auch Pläne zu einem Buchprojekt, für das sie nach Straßburg fährt. Sie will Erinnerungen wecken und alte Poesie-Alben ausgraben. Nach 50 Jahren will sie die Mitschüler ihrer Heimatstadt nach der Realisierung ihrer Träume von damals fragen. „Manche haben Straßburg nicht verlassen. Ich bin ein bisschen neidisch. Die haben ein ganz inniges Gefühl, wo sie hingehören“, sagt sie. Andererseits, zwischen zwei Kulturen zu schaukeln sei auch bereichernd. Mehrere Sprachen zu sprechen, mehrere Kulturen zu kennen, sei wertvoll. Tauschen mit den zu Hause Gebliebenen wolle sie letztendlich nicht.

(pp)