Dreiborner Hochfläche statt Amerika: Zerstörte Hofstelle Gier im Nationalpark Eifel soll nicht in Vergessenheit geraten

Dreiborner Hochfläche statt Amerika : Zerstörte Hofstelle Gier im Nationalpark Eifel soll nicht in Vergessenheit geraten

Besucher des Nationalparks Eifel, die die Weite der Dreiborner Hochfläche erwandern und auf einer Ruhebank am Gierberg, unweit von Hirschrott, Platz nehmen, genießen hier abseits der Zivilisation den Fernblick über das Nordeifeler Höhenland.

Weit und breit steht hier nichts im Wege, das den Blick unterbrechen könnte. Profunde Kenner der Nationalpark-Vegetation wundern sich am Gierberg möglicherweise über einen großen, auch vom Wanderweg sichtbaren, Schneebeeren-Strauch etwas abseits des Weges. Das aus Nordamerika stammende Ziergehölz findet sich in so manchen Eifeler Gärten, und der Schneebeeren-Strauch auf dem Gierberg ist das letzte Überbleibsel von zwei einst stattlichen Bauernhöfen. Aber wer weiß das noch?

Die letzten verbliebenen Reste der Grundmauern der beiden Gebäude sind inzwischen unter Strauchwerk verschwunden. Hier gibt es oberirdisch nichts mehr zu sehen. Während die Wüstung Wollseifen und der nur wenige hundert Meter entfernte und vor zehn Jahren rückgebaute Hof Leykaul, obwohl kein Schmuckstück, in der Erinnerung der hiesigen Bevölkerung noch präsent sind, ist die ehemalige Hofstelle Gier auf der Dreiborner Hochfläche so gut wie unbekannt. Sehr lebendig ist die Geschichte der beiden Höfe aber noch bei den Nachkommen der hier einst lebenden Familie Dartenne und Kupp.

Schon kurz nach Einrichtung des Großschutzgebietes und der späteren Auflösung des ehemaligen Truppenübungsplatzes Vogelsang zum 31.12.2005 nahm die Familie von Quirin Dartenne Kontakt zur Nationalparkverwaltung auf mit dem Ziel, den Hofstandort mit Kindern und Enkeln aufsuchen und besichtigen zu können. Sie wurden damals vor Ort unterstützt von Dr. Michael Röös, dem heutigen Leiter der Nationalparkverwaltung Eifel, der bei der Suche half und anschließend eine kleine Dokumentation zur Geschichte der Hofstellen Gier nach den Erinnerungen dort geborener Familienmitglieder erstellte. Das ist inzwischen über zehn Jahre her.

Einst ein stolzer Bauernhof: Die Hofstelle Auf der Gier auf der Dreiborner Hochfläche. Foto: Repro: Stollenwerk

„Wir wären nach wie vor sehr daran interessiert, dass hier eine Gedenk- oder Infotafel errichtet würde“, sagt Martha Lauscher aus Kesternich. Ihre Mutter Fina lebte noch auf dem Hof. Sie war eines von sieben Kindern der Eheleute Emil und Gertrud Dartenne, die den Hof seit 1930 als letzte Besitzer bis zum Jahr 1946 bewirtschafteten. Unterstützung findet Martha Lauscher bei ihrer Schwester Brigitte Hilger wie auch bei Wilma Dartenne, deren Ehemann Alex der jüngste Sohn von Emil Dartenne war.

Den beiden Bauernfamilien vom Gierberg widerfuhr nach dem Zweiten Weltkrieg das gleiche Schicksal wie auch den rund 500 Einwohnern von Wollseifen. Innerhalb weniger Wochen erfolgte im Jahr 1946 die Zwangsräumung durch das britische Militär, das hier einen weitläufigen Truppenübungsplatz auswies. Damit war das Ende der beiden Höfe und der bewirtschafteten Flächen (zum Hof Dartenne allein gehörten über sieben Hektar Eigentum sowie weitere Pachtflächen) endgültig besiegelt.

Eilends schaffte die Familie noch Dachpfannen sowie Türen und Fenster nach Dreiborn, berichtete Quirin Dartenne aus Schmidt aus seinen Erinnerungen, die in der oben erwähnten Dokumentation hinterlegt sind. Er wurde als fünftes Kind von Emil und Gertrud Dartenne im Jahr 1930 geboren und starb im Jahr 2008. Schon zwei Tage nach der Räumung wurden sämtliche Gebäude wie auch ein in rund 200 Meter stehendes Jagdhaus, das einem Großindustriellem aus dem Ruhrgebiet gehörte, durch Artilleriebeschuss und Feuer aus Phosphorgranaten dem Erdboden gleichgemacht. Später wurden die Trümmer dann eingeebnet. Nur der Schneebeeren-Strauch war nicht kleinzukriegen.

Quirin Dartenne, der Enkel des Hofgründers Karl Dartenne aus Schmidt, besuchte im Jahr 2006 den ehemaligen Standort seines Elternhauses „Auf dem Gier“ im vormaligen Truppenübungsplatz und heutigen Nationalpark Eifel. Foto: Michael Röös

Gerade mal 60 Jahre alt wurde das Gebäude, das im Jahr 1886 von Karl Dartenne, dem Großvater von Quirin Dartenne, in mühsamer Handarbeit errichtet wurde. Dabei hatte Karl Dartenne, später in der Bevölkerung als „de Gieremann“ bezeichnet, eigentlich etwas völlig anders im Sinn als sich in der Abgeschiedenheit der Dreiborner Hochfläche niederzulassen. Ursprünglich lautete sein verwegener Plan, nach Amerika auszuwandern und damit dem Beispiel anderer Eifeler in dieser Zeit zu folgen. Doch sein Vater Johann Baptist, der aus den Ardennen nach Hirschrott übergesiedelt war, überzeugte ihn, auf dem Gier eine Hofstelle zu errichten. „Es gibt auch in der Eifel noch viele schöne Plätze“, soll er seinem Sohn gesagt haben.

Vielleicht waren ja der weite Blick vom Gierberg auf die umliegenden Höhendörfer, die ausgeräumte Landschaft und das Gefühl der unbegrenzten Freiheit auf der Dreiborner Hochfläche für Karl Dartenne tatsächlich ein adäquater Ersatz für seine Amerika-Träume? Die Familie versorgte sich aus dem eigenen Anbau, und es gab auch eine Bienenzucht. Der spätere Hofbesitzer, Sohn Emil Dartenne verkaufte Butter und Eier aus eigener Erzeugung und besaß einen festen Kundenstamm in Köln. Einmal wöchentlich fuhr er mit Bus von Dreiborn nach Köln. Das Alltagsleben auf dem Hof aber war mit Entbehrungen und Anstrengungen verbunden, ist den Schilderungen weiter zu entnehmen.

Es gab keinen elektrischen Strom, das Wasser wurde aus einem Brunnen geschöpft, und der Fußweg zur Volksschule nach Dreiborn dauerte eine geschlagene Stunde. Als Karl Dartennes Schwester Regina einen Mann namens Kupp aus Dreiborn heiratete, entstand im Jahr 1922 in direkter Nachbarschaft der zweite Hof auf dem Gier. Auch von schlimmen Schicksalsschlägen blieb die Familie Dartenne nicht verschont.

Die Familie Dartenne auf dem Hof Gierberg, vorne links sitzend der Hofgründer Karl Dartenne, links daneben Sohn Emil, der spätere Hofbesitzer. Das Foto entstand zwischen 1906 bis 1908. Foto: Repro: Stollenwerk

Die viertälteste Tochter Martha wurde nur 17 Jahre alt. Wenige Tage nach dem Kriegsende in Deutschland ereilte die junge Frau am 12. Mai 1945 bei der Feldarbeit der Tod als eine Mine explodierte. Im darauffolgenden Jahr erfolgte die Zwangsräumung, und erst 1957 war die Entschädigungsfrage für die Familie Dartenne abschließend geklärt. Sie wurde mit 93.000 DM für Ländereien und Gebäude abgefunden.

Den Wunsch, der Nachkommen, an die ehemalige Hofstelle Gier durch eine Gedenktafel zu erinnern, kann der Nationalpark-Leiter gut nachvollziehen, zumal ihn die Geschichte der beiden Familien auch persönlich berührt hat. Bei Rangerführungen auf der Dreiborner Hochfläche würden die Besucher bereits jetzt gezielt auf die ehemalige Hofstelle Gier hingewiesen, auch wenn keinerlei Reste der Hofanlage mehr erkennbar seien. Grundsätzlich stehe die Nationalparkverwaltung dem Ansinnen der Familie nach einem Zeichen der Erinnerung positiv gegenüber, doch Röös spricht dabei auch das Ziel an, dass man den Nationalpark nicht mit Schildern und Tafeln überfrachten wolle.

Man entspreche damit auch dem Wunsch vieler Gäste „nach einem möglichst ungestörten, naturnahen Landschaftseindruck im Nationalpark und beschränke daher Erläuterungstafeln auf Besuchereingänge, Besucher-Schwerpunkten und tatsächlich noch von den Wanderwegen aus im Gelände erkennbare Baustrukturen. Gerne sei er aber bereit, auf dem Rückenbrett der in der Nähe mit Blick auf den Standort der ehemaligen Hofanlage Gier befindlichen Holz-Ruhebank am Nationalparkwanderweg über den Gierberg eine Ortsbezeichnung, wie z.B. „Ehemalige Hofstelle Gier 1886 – 1946“, einfräsen zu lassen, „die an dieses besondere Stück Eifeler Geschichte erinnert“.

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