Nordeifel: Wie erlebten die Menschen im Monschauer Land die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs?

Nordeifel : Wie erlebten die Menschen im Monschauer Land die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs?

Vor 63 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Der 8. Mai 1945, als die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet wurde, gilt als Datum für das Kriegsende in Deutschland. Bereits drei Monate vorher, am 8. Februar 1945, endeten die Kämpfe im Monschauer Land. Die Zeit davor war geprägt von der Vertreibung der Menschen aus ihren Dörfern — eine ähnliche Situation wie sie heute auch viele Menschen erleben, die ihre vom Krieg gezeichnete Heimat verlassen und in Deutschland Zuflucht suchen.

Die Chronologie der Ereignisse, beginnend mit dem Eintreffen der amerikanischen Streitkräfte Mitte September 1944 an der deutschen Westgrenze, macht deutlich, wie dramatisch die Situation in den Dörfern damals war.

Nach General Eisenhowers Strategie der „breiten Front“ soll die 1. US-Armee den Angriff im Westen starten. Hierzu gehört das VII. US-Corps, das unter anderem aus der 1. US-Infanteriedivision und der 9. US-Infanteriedivision besteht. Der Befehlshaber des VII. US-Corps, Major General J. Lawton Collins, befiehlt am 11. September 1944, von Eupen aus über Eynatten, Brand und Eilendorf auf das Deutsche Reich vorzuziehen, um die Stadt Aachen in einem Zangengriff einzunehmen. Weiterhin sollen Teile der 3. Panzerdivision sowie als Flankenschutz das 47. Infanterieregiment (Infantry) der 9. US-Infanteriedivision von Raeren kommend über Roetgen vordringen und den Weg nach Düren freimachen. Das 60. Infanterieregiment der 9. US-Infanteriedivision sollte von Eupen kommend über Mützenich nach Monschau bzw. über Elsenborn auf Kalterherberg und Höfen vorziehen und schließlich das 39. Infanterieregiment der 9. US-Infanteriedivision ebenfalls von Eupen über Mützenich nach Konzen und weiter nach Lammersdorf vorrücken.

10. September 1944: In Konzen wird in der alten Kirche zum letzten Mal das Hochamt gefeiert. Dann beginnt für die meisten Einwohner ein langer Treck in den Raum Hannover. Nur wenige Konzener sind im Ort geblieben, um das Vieh zu versorgen. In Höfen sind die Bewohner in das Waldstück „Dörmes“ gezogen, das sich in der Nähe des Forsthauses „Rothe Kreuz“ befindet, und richten dort ein regelrechtes Lager ein.

11. September 1944: Die Amerikaner stehen an der Reichsgrenze. Die Bahnlinie Aachen-St. Vith wird von deutschen Pionieren gesprengt, die Stromzufuhr ist unterbrochen. Der Postverkehr im Monschauer Land wird eingestellt. In der Nacht werden Evakuierungsbefehle für die Bewohner innerhalb der „roten Zone“ verteilt.

12. September 1944: Die Task-Force „Lovelady“/3. US-Panzerdivision „Spearhead“ steht von Eupen kommend auf der Bundesstraße in Roetgen. Im Monschauer Land wird der „Räumungsbefehl“ erteilt. In Lammersdorf bleiben circa 300 Einwohner im Ort. Viele suchen vorübergehenden Schutz in den Wäldern. In Imgenbroich begeben sich fast alle Einwohner in das Waldgebiet Grünental oder ziehen weiter nach Hammer und Dedenborn. Einige kennen „Schlupfwinkel“ im Belgenbachtal oder anderswo in der Umgebung. In Kesternich und Strauch suchen ebenfalls viele Einwohner die Waldgebiete auf, kehren dann aber nach und nach wieder in die Wohnungen zurück. Nachdem in Steckenborn das komplette Kirchengebäude gesprengt wurde, ziehen 90 Einwohner samt Pastor in einen Unterstand in der „Jungenheck“ und von dort weiter in den Raum Engelgau. Andere Familien flüchten bis Thüringen und Sachsen. In Simmerath und Rollesbroich werden die Einwohner in langen Trecks evakuiert. In ihren Häusern verschanzen sich deutsche Einheiten.

In Eicherscheid haben die Einwohner beschlossen, gemeinsam im Ort zu bleiben, solange es eben geht. Sie haben ansehnliche Nahrungsmittelvorräte angelegt und wollen sich in ihren Häusern vom amerikanischen Durchmarsch überrollen lassen. Als aber die ersten Granaten einschlagen und amerikanische Truppen bereits in Roetgen und Elsenborn stehen, lassen sich einige Bewohner doch evakuieren. Deutsche Pioniere sprengen den oberen Teil des Kirchturms ab, um den Amerikanern keine Aussichtsplattform bzw. Artillerie-Richtpunkte zu bieten. In Hammer, Dedenborn, Einruhr, Erkensruhr, Rohren und Widdau sind zwar die Räumungsbefehle verteilt worden, aber viele Einwohner wollen die Entwicklung der nächsten Tage abwarten. In Rohren verstecken sich die Einwohner im Holderbachtal.

In Monschau ist die gesamte Parteileitung geflohen. Nur circa 100 Einwohner haben sich an den Abmarschstellen eingefunden; der weitaus größte Teil einschließlich der städtischen Beamten hat sich entschieden, in der Stadt zu bleiben. Viele Einwohner begeben sich in den Schieferstollen. Im Maria-Hilfs-Stift befinden sich circa 100 kranke und alte Leute sowie einige Ordensschwestern.

In Paustenbach, Bickerath und Witzerath werden alle Bewohner evakuiert. Die Dörfer wirken wie ausgestorben. Einige Paustenbacher gehen zu Familienangehörigen nach Lammersdorf und ziehen mit diesen ins Venn bei Fringshaus. Sie können monatelang nicht mehr in ihr Dorf zurück und müssen in Lammersdorf bleiben.

In Rott und Mulartshütte haben viele Einwohner den nahen Wald aufgesucht, kehren dann aber nach und nach wieder in ihre Häuser zurück. In Zweifall treffen Hunderte Flüchtlinge aus Walheim, Venwegen, Hahn und anderen Ortschaften ein, die in Richtung Düren weiterreisen wollen. Ungefähr 60 Zweifaller gehen in die Evakuierung, der Rest will im Dorf auf die Amerikaner warten.

Niemand ahnt etwas von den bevorstehenden Schlachten im Hürtgenwald. Simonskall ist durch die vielen Flüchtlinge aus Lammersdorf und Rollesbroich, die mit ihren Tieren und landwirtschaftlichen Fahrzeugen ankommen, völlig überfüllt. In Mützenich machen sich einige Bürger in den nahen Wald auf. Als sich der amerikanische Einmarsch verzögert, kehren sie zurück. Deutsche Pioniere sprengen die Brücken und Stellwerke am Monschauer Bahnhof.

13. September 1944: Der Westwall wird trotz Gegenwehr aus den Bunkern D49, D45, D43 unterhalb der Dreilägerbachtalsperre von der Task-Force „Lovelady“ durchbrochen. Das 60. US-Infanterieregiment ist von Eupen kommend in Elsenborn eingetroffen. Zwei Wohnhäuser und einige Bauernhöfe auf der Lammersdorfer Domäne werden von den Schmidter Höhen aus in Brand geschossen. Viele Bewohner flüchten nach Simonskall.

14. September 1944: Das 39. Infanterieregiment der 9. US-Infanteriedivision hat Lammersdorf eingenommen. Die verbliebenen Einwohner werden auf eine Handvoll Häuser verteilt. Es gibt erste Kämpfe um die Bunker am Ostrand Lammersdorfs. Richtung Rollesbroich geht es nicht weiter, da die Deutschen vom Paustenbacher Berg auf die Lammersdorfer Bergstraße feuern. In Roetgen folgt das 47. US-Infanterieregiment in der Spur der Panzertruppe „Lovelady“ über Rott und Mulartshütte nach Zweifall. Dort sind die deutschen Soldaten in Richtung Jägerhaus geflüchtet. Konzen wird von Mützenich kommend teilweise besetzt. Kal-terherberg wird von Elsenborn und Küchelscheid her eingenommen.

15. September 1944: Mützenich und Monschau werden von den Amerikanern besetzt. In Konzen geht die Kirche in Flammen auf. In Rohren und Hammer brennen die ersten Häuser.

16. September 1944: Die Dedenborner werden evakuiert. Höfen wird von den Amerikanern eingenommen.

18. September 1944: Otto Junker und Ingenieur Schmidt öffnen unter Lebensgefahr den Grundablass der Kalltalsperre. Auf dem Paustenbacher Berg warten Teile des deutschen Infanterieregiments 1055 der 89. Infanteriedivision in den Bunkern der Höhen 380 und 554 auf den amerikanischen Angriff.

19. September 1944: Beginn der Hürtgenwaldkämpfe.

20. September 1944: In Strauch wird die Kirche durch eine Sprengung zerstört.

21. September 1944: Die erste Schlacht um Aachen beginnt.

22./23. September 1944: Aufgrund des starken Beschusses von den Bunkern „Am Gericht“ müssen sich die Amerikaner von Konzen und Imgenbroich aus auf die Höhen bei Mützenich zurückziehen.

25. September 1944: US-Panzer sind auf dem Paustenbacher Berg. Es gibt heftigste Kämpfe, teils von Mann zu Mann. Auch an der Kalltalsperre gibt es Gefechte.

26. September 1944: Die Schmidter Bevölkerung wird evakuiert.

29. September 1944: Die Rurberger werden evakuiert.

1. Oktober 1944: Die Kämpfe auf dem Paustenbacher Berg sind zu Ende. Am Schluss fehlt den Amerikanern die Kraft, weiter zu kämpfen und in Richtung Rollesbroich und Simmerath vorzustoßen. Die Front unterhalb Lammersdorfs ist erstarrt.

2. Oktober 1944: Die zweite Schlacht um Aachen beginnt.

4. Oktober 1944: Die Straucher, die es bis jetzt in ihrem Dorf ausgehalten haben, werden evakuiert.

8. Oktober 1944: Kalterherberg wird geräumt. Die verbliebenen Anwohner werden auf Lkw verladen und nach Belgien gebracht. Eine Schreckensreise, die Monate dauern sollte, beginnt. Die restlichen Bewohner von Eicherscheid ziehen mit Ochsenkarren und Pferden Richtung Rhein und erleben dort das Ende des Krieges. Deutsche Feldgendarmen treiben das Vieh in die Wiesen und schließen die Molkerei und die Mühle.

16. Oktober 1944: Aufgrund der hohen Verluste wird der amerikanische Vormarsch vorerst eingestellt.

21. Oktober 1944: Die Stadt Aachen wird nach wochenlangem Kampf aufgegeben.

29. Oktober 1944: Vossenack liegt unter schwerem amerikanischem Artilleriefeuer.

2./3. November 1944: Die Kämpfe um Kommerscheidt und Schmidt gehen als „Allerseelenschlacht“ in die Geschichte ein. Die Orte bleiben aber letztlich in deutscher Hand.

4. November 1944: Das 110. US-Infanterieregiment besetzt Simonskall. Alle Einwohner sind evakuiert. In Woffelsbach müssen die Bewohner ihre Häuser verlassen.

5. November 1944: Vossenack, das zwischenzeitlich von den Amerikanern eingenommen wurde, wird, ebenso wie Schmidt und das untere Kalltal, wieder von den deutschen Truppenteilen zurückerobert.

10. November 1944: Im Venn werden von den Amerikanern 15 deutsche Gefangene gemacht.

30. November 1944: Es gibt tagelangen Granatenhagel auf Lammersdorf, die Toten können nicht beerdigt werden.

5. Dezember 1944: Letzte Kämpfe in Vossenack, der Krieg im Hürtgenwald ist damit beendet. Die Gruppe der zwangsevakuierten Kalterherberger ist in Malmedy angekommen.