„Werden Sie bewusst alt!“ rät Margot Käßmann bei der Lit-Eifel

Margot Käßmann bei der Lit-Eifel : Unaufdringliche Ratschläge für jüngere und ältere Menschen

Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Margot Käßmann, las im Rahmen der Lit-Eifel im Hermann-Josef-Kolleg Steinfeld aus ihrem Buch „Schöne Aussichten auf die besten Jahre“.

Woran merkt man, dass man alt wird? Das Aussehen der Hände ist es nicht mehr, seit Schönheitschirurgen auch da Mittel gefunden haben, diese jünger aussehen zu lassen. Für Margot Käßmann war der Aha-Moment ein Bild-Telefonat mit ihrem Enkel. „Ich habe im Display jede Falte gesehen“, sagte die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands bei der Lit-Eifel-Lesung in der Aula des Hermann-Josef-Kollegs in Steinfeld, zu der rund 300 Menschen gekommen waren. Verstehen könne sie die Versuchung schon, das Alter entfernen zu lassen. „Aber wie sollen Kinder lernen, alt zu werden, wenn jeder alt werden will, aber niemand alt sein will?“, fragt Käßmann.

Ums Älterwerden geht es in ihrem Buch „Schöne Aussichten auf die besten Jahre“, das die jetzt 61-Jährige anlässlich ihres bevorstehenden 60. Geburtstags verfasst hatte. Darin erzählt sie Anekdoten aus ihrem eigenen Leben und dem ihrer Freunde, Bekannten und Verwandten, gibt aber auch Hinweise, wie man in Würde altert, erzählt, woraus die Vorteile der letzten Etappe des Lebens bestehen, und richtet sich auch mit Hinweisen an die nachfolgende Generation, die sich in der „Rush-Hour des Lebens“ befindet und permanent einem äußeren und inneren Druck ausgesetzt ist.

„Mit 60 ist die Zeit des Durcheinandergewirbeltwerdens zu Ende, ab da beginnt die Phase des ruhigen Fahrwassers“, verspricht Käßmann, die dafür plädiert, bewusst alt zu werden. Man kann auch mit 60 Jahren noch Spaß haben. Das gehe natürlich nicht, wenn man mit dem Alter hadert und permanent zurückblickt.

„Menschen sollen in Krisen nach vorne schauen“, gibt sie einen Psychologen-Rat weiter. Kein Lebensweg verlaufe gerade, es gebe immer Abzweigungen, für die man sich entscheiden müsse. Das Nicht-Entscheiden sei keine Alternative. Natürlich gebe es unvorhergesehene Ereignisse in Form von Schicksalsschlägen, an denen man nichts ändern könne. „Man muss seinen Weg auch trotz Belastungen, Brüchen und Enttäuschungen weitergehen. Denn wer immer nur hadert, wird eine verhärmte Gestalt“, findet Käßmann.

Und schon war sie im zweiten von drei Teilen angekommen, in dem es gar nicht so sehr um das Alter ging, sondern eher um den Druck von außen und Erwartungshaltungen der Gesellschaft. „Als ich angekündigt hatte, mit 60 in den Ruhestand zu gehen, gab es Diskussionen“, erinnert sie sich. Es fehle an Modellen, das Arbeitsleben langsam ausklingen zu lassen. Überhaupt die Arbeit: Besteht in ihr der Sinn des Lebens? Für Margot Käßmann ist klar: Der Grabsteinspruch „Mühe und Arbeit waren sein Leben, Ruhe hat ihm Gott gegeben“ sei nicht erstrebenswert.

Struktur im Ruhestand

Doch was macht man mit dem Ruhestand? Für Margot Käßmann ist er befreiend: „Ich kann tun und lassen, was ich will. Ich hatte die Anfrage der Lit-Eifel, hier heute zu lesen. Da hätte ich auch nein sagen können, wenn ich nicht gewollt hätte.“ Stattdessen freut sie sich, für ihre sechs Enkelkinder da zu sein, wenn die Töchter Hilfe benötigen. „Großmutter sein macht Spaß, wenn die Enkel bei mir sind, gelten meine Regeln“, freut sie sich. Da gehört es auch dazu, dass eine Enkelin dann unter Protest der Mutter eine „pinke Einhornmilch“ bekommt. Wichtig sei es allerdings, den Ruhestand zu strukturieren. „Sonst verlottert man.“

Wichtig sei auch, den Erfahrungsschatz mit den Kindern zu teilen. „Ich gebe meinen Rat gerne weiter, man darf sich aber nicht aufzwängen.“ Gerade junge Mütter stünden heute unter dem permanenten Druck, alles leicht aussehen zu lassen. Und dann entscheide das Internet bei allen Fragen des Lebens auch noch mit. „Junge Menschen müssen wieder lernen, sich auf ihre Intuition zu verlassen“, rät Margot Käßmann. „Sei nur getrost und unverzagt“, zitiert sie aus Josua 1. Es sollte nicht das einzige Bibelzitat der Theologin an diesem Abend sein.

Im dritten Teil der Lesung schlug Käßmann auch ernstere Töne an. Es ging um den Abschied des Lebens. „Warum sprechen wir so ungerne über die letzte Etappe? Warum gibt es Geburtsvorbereitungskurse, aber keine Sterbevorbereitungskurse?“ Der Tod sei tabu, wodurch er eine große Macht erhalte.

Es folgen Plädoyers für Patientenverfügungen („Menschen werden heute auch dann, wenn ein Leben nicht mehr lebenswert ist, am Leben erhalten“), für Sterbehilfe in ausweglosen Situationen und für Friedhöfe als Platz zum Trauern. Margot Käßmann gelang in diesem Teil der Spagat zwischen Humor und Tiefe, sie wurde nie belehrend, ihre Ausführungen regten aber ganz individuell zum Nachdenken an.

Dass sie dabei die ganze Zeit aus ihrem Buch vorgetragen hat, hat selbst Thomas Frauenkron, Leiter des Hermann-Josef-Kollegs, zu Beginn gar nicht gemerkt, wie er in der Verabschiedung gestand. Mit Kloster-Leiter Pater Lambertus Schildt hatte Frauenkron Käßmann zu ihrer rund einstündigen Lesung auch begrüßt.

Am Ende zeigten sich die Zuschauer begeistert und schenkten Margot Käßmann langanhaltenden Applaus. Viele nutzten im Anschluss die Gelegenheit, sich ihre Bücher signieren zu lassen und noch das ein oder andere Wort mit der Autorin zu wechseln.

(pp)
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