Monschau: Wenn die Familie nicht mehr funktioniert

Monschau: Wenn die Familie nicht mehr funktioniert

Das Idealbild der harmonischen Familie und vom behüteten Aufwachsen in geregelten Verhältnissen — es ist nicht allen Kindern und Jugendlichen vergönnt. Allzu oft muss auch das Jugendamt der Städteregion Aachen in seinem Zuständigkeitsbereich — Monschau, Roetgen, Simmerath und Baesweiler — sogenannte „Kindswohlgefährdungen“ dokumentieren, also Ereignisse und Zustände, die eine Entwicklung des Kindes langfristig gefährden.

Durch Schule oder Kindergarten, Kinderarzt, Polizei oder auch durch aufmerksame Verwandte oder Nachbarn wird das Jugendamt auf solche Dinge aufmerksam gemacht und muss dann handeln: Ist keine Lösung im heimischen Umfeld möglich, muss das Kind dann aus der leiblichen Familie heraus genommen und „fremduntergebracht“ werden. War hier früher zumeist eine Heimeinweisung die Folge, so hat sich schon zu Zeiten des Kreises Aachen und auch in der Städteregion die Vollzeitpflege, also die vorübergehende oder dauerhafte Unterbringung in einer Pflegefamilie als favorisierte Alternative erwiesen, wenn eine Fremdunterbringung nicht vermeidbar ist.

„Die Zahl der Hilfefälle im Bereich des Jugendamts der Städteregion steigt“, berichtete nun Marianne Werden-Bergs im Monschauer Sozialausschuss, wo sie gemeinsam mit Raimund Lanser, Leiter des Bereichs Soziale Dienste und Frühe Hilfen, zum Thema Vollzeitpflege berichtete. Von 110 Fällen im Jahr 2010 stieg die Zahl 2012 auf 135 im Bereich der Städteregion, „Tendenz weiter steigend“. 104 Kinder sind derzeit in Pflegefamilien untergebracht, davon 32 bei Verwandten. Hinzu kommen 28 Kinder, die derzeit in sogenannten Bereitschaftsfamilien untergebracht sind.

Auch die aktuellen Zahlen für die Stadt Monschau nannte Werden-Bergs: 28 Kinder leben in 20 Pflegestellen, davon vier Kinder bei Verwandten. Ein Kind lebt in einer Erziehungsstelle, vier Familien stehen kurzfristig, also für eine „Bereitschaftsunterbringung“ zur Verfügung.

Pflege- oder Erziehungsstellen werden, manchmal zeitlich befristet, zur Krisenintervention genutzt und „um Kindern ein verbindliches Beziehungsangebot zu geben oder als geschützter Lebensort, um neue, positivere Lebenserfahrungen zu machen“, wie es im Bericht des Jugendamtes heißt. Oft dienen Pflegestellen auch als dauerhafte Unterbringung bis zur Verselbstständigung.

Das Jugendamt stellt hohe Anforderungen an Familien, die sich entschließen, ein Kind in Pflege zu nehmen. Da ist vor allem die grundsätzliche Bereitschaft, sich für Kinder und Jugendliche zu engagieren und ein Kind mit anderen familiären Vorprägungen anzunehmen.

„Pflegestellen müssen offen sein für ein Leben mit Kindern mit besonderen Schwierigkeiten, müssen die Situation der Herkunftsfamilie und die Geschichte des Kindes einfühlsam annehmen und müssen die Entwicklung des Kindes aktiv fördern“, so Marianne Werden-Bergs zu den Erwartungen an eine Pflegefamilie. Natürlich müssen auch die „äußeren Bedingungen“ stimmen: Die Lebenssituation der Pflegeeltern muss persönlich, beruflich und wirtschaftlich gesichert sein, zeitliche wie räumliche Ressourcen zur manchmal intensiven Erziehung und Betreuung müssen vorhanden sein. Auch ein einwandfreies Fühungszeugnis, stabile Gesundheit und eine gesunde Reflexionsbereitschaft setzt das Jugendamt voraus.

Nicht des Geldes wegen

Im Gegenzug leisten die Experten der Städteregion größtmögliche Unterstützung der Pflegestelle. „Bei der Auswahl und Vorbereitung von Bewerbern gehen wir sehr sorgfältig vor und halten einen regelmäßigen Kontakt zur Pflegestelle und zum Pflegekind“, so Marianne Werden-Bergs. Auch Seminarangebote, Elternkreise und Netzwerkarbeit sowie Kurmaßnahmen und Alterssicherung sind Bestandteile eines Verfahrens. „Wir sind immer auf der Suche nach geeigneten Familien“, baten die beiden Jugendamtsvertreter den Monschauer Sozialausschuss um Unterstützung bei der Suche nach Pflegestellen, auch wenn Monschau hier gut aufgestellt sei.

Erika Krebs (Linke) sprach von einer „hohen Hemmschwelle“ für viele Familien, ein Pflegekind zu nehmen, da viele immer von schlimmsten Fällen ausgingen. „Oft sind es aber ‚nur‘ vernachlässigte Kinder, die einfach ein Umfeld brauchen, in dem sich jemand um sie kümmert“, warb Krebs und riet auch, „ruhig die Honorierung transparenter zu machen“. Diese spiele nur eine untergeordnete Rolle, meinte Marianne Werden-Bergs dazu, „damit Pflegefamilien erst gar nicht in den Ruf kommen, ein Pflegekind des Geldes wegen zu nehmen“.